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Montag, 14. Januar 2019 Drucken

Mannheim und Region

Gyros und Gespräche

Die Mannheimer Vesperkirche bietet bis 3. Februar täglich ein warmes Mittagessen, Sozialberatung und medizinische Betreuung

Von Volker Endres

Vor 20 Jahren kamen 60 Menschen zum Mittagessen in die Konkordienkirche. Heute sind es an manchen Tagen zehnmal so viele.

Vor 20 Jahren kamen 60 Menschen zum Mittagessen in die Konkordienkirche. Heute sind es an manchen Tagen zehnmal so viele. ( Foto: KUNZ)

«Mannheim.» Mit rund 400 Besuchern ist die 22. Mannheimer Vesperkirche gestartet. Die Zahl wird steigen – da sind sich die Pfarrerinnen Ilka Sobotke und Anne Ressel von der Citykirche Konkordien einig. „Spätestens ab dem 20. eines Monats ist das ALG-II-Geld endgültig aufgebraucht. Dann kommen die Menschen zur Vesperkirche“, sagt Thomas Guth von der Wohnungslosennotfallhilfe. Rund 600 Besucher werden dann beim Mittagstisch der Vesperkirche zu Gast sein.

Gyrosgeschnetzeltes mit Reis und Gemüse gibt es an diesem Tag. Die Tische sind voll. So voll, dass kaum Zeit bleibt für Gespräche. „Am Anfang konnten wir uns noch für einen Kaffee zu den Gästen an den Tisch setzen und uns unterhalten“, erinnert sich Rettungssanitäter Andreas Kandefer von den Johannitern, der von Anfang an dabei ist. Am Anfang – das war vor 21 Jahren. Damals seien rund 60 Menschen Gäste der Vesperkirche gewesen. „Heute sind es an Spitzentagen über 600.“ Der persönliche Kontakt sei deshalb heute kaum mehr möglich. „Wer gegessen hat, muss den Platz freimachen. Den Kaffee gibt es dann schon auf den Kirchenbänken.“

Immerhin bleibe hier dann noch Zeit für ein Schwätzchen. Das genießt auch Karlheinz Mink aus Ludwigshafen. Der 66-Jährige gehört seit zehn Jahren zum Stamm der 630 Helfer, die dafür sorgen, dass es den Gästen zumindest während der Zeit im Kirchenschiff an nichts fehlt. „Ich stehe morgens um 4.30 Uhr auf. Dann gehe ich zum Kaffeetrinken zu meinem Bruder, und um 7 Uhr bin ich dann hier und helfe mit“, berichtet der Ludwigshafener. Für ihn eine Herzensangelegenheit: „Ich mache das, um der Menschheit zu helfen.“ Immerhin habe auch er es nicht immer leicht gehabt, sagt der Kfz-Mechaniker und Krankenpfleger, der nach schwerer Krankheit teilweise selbst auf Hilfe angewiesen war.

Auch Thomas Guth von der Wohnungslosenhilfe kennt viele Besucher und ihre Geschichten schon eine ganze Weile. Er zeigt dabei auf ein junges Paar von Mitte 30, das sich scheinbar fröhlich im Kirchenschiff bewegt. Die Frau trinkt Kaffee und bekommt gerade ein Stück des Kuchens, der in den Kirchengemeinden gebacken wird. Der Mann unterhält sich mit Freunden, scheint jeden in der Kirche zu kennen.

Seine Geschichte erzählt er bereitwillig. Von Gefängnis ist dabei die Rede. Einen Beruf habe er nie gelernt. In einer Notunterkunft für Wohnsitzlose habe er vor ein paar Jahren seine heutige Partnerin kennengelernt. Seither suchten die beiden nach einer gemeinsamen Unterkunft. Es ist schwierig. „Egal, wo wir anrufen. Die erste Frage lautet immer: Sind Sie Flüchtling oder Student?“, erzählt er frustriert. Immerhin habe er mittlerweile ein Zimmerchen gefunden. Bei seiner Lebensgefährtin gestalte sich die Suche schwieriger. Aktuell hofft die Frau auf eine Unterbringung in einer Wohngemeinschaft im Haus Bethanien. Immerhin könnten auch die Wohnungsberater keine neuen Wohnungen herbeizaubern.

Aber auch Berater Thomas Guth wirkt frustriert. „Die Stadt könnte mehr tun“, ist er überzeugt. So habe die lokale Polizeibehörde in Baden-Württemberg die Möglichkeit, ungenutzten Wohnraum zu beschlagnahmen und für Wohnsitzlose zu verwenden. Gebrauch werde davon nicht gemacht. „Ich bin sicher, dass allein in der Innenstadt zehn oder 15 Häuser leerstehen“, schimpft der Betroffene.

Überhaupt sei der fehlende Wohnraum das drängendste Problem der Besucher in der Vesperkirche. Das ist die Beobachtung von Brigitte Linnebach von der Sozialberatung der Arbeitslosenhilfe. „Wohnungslosigkeit steht ganz oben auf der Liste.“ Und das nicht nur bei jungen Paaren, sondern in allen Altersklassen: „Gerade gestern kam eine Frau mit einer Rente von 1000 Euro zu mir: Die wurde von einer Genossenschaft wegen der angeblich zu geringen Rente noch nicht einmal auf die Warteliste gesetzt.“

Darüber können auch das warme Mittagessen und die menschliche Wärme in der Vesperkirche nur bedingt hinweghelfen, auch wenn das Netz in jedem Jahr ein wenig enger geknüpft wird. Sozialberatung, medizinische Betreuung oder die Ausgabe warmer Kleidung – all das gehört zum Service der Vesperkirche. „Es ist die größte sozialpolitische Aktion Mannheims“, würdigte Dekan Ralph Hartmann bei der Eröffnung das große Engagement.

Noch Fragen?

Die Mannheimer Vesperkirche in der Citykirche Konkordien in R2 hat bis Sonntag, 3. Februar, täglich von 11 bis 15 Uhr geöffnet. Mittagessen gibt es von 12 bis 14 Uhr. Die Aktion kostet rund 150.000 Euro und wird ausschließlich durch Spenden finanziert.

Ludwigshafen-Ticker