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Donnerstag, 10. Januar 2019 Drucken

Mannheim und Region

„Gesamtschau für Drittes Reich fehlt“

Interview: Vor einem Jahr startete das Projekt „Neustadt in der NS-Zeit“ unter der Federführung des Historischen Seminars der Universität Mainz. Drei Jahre sind dafür veranschlagt. Projektleiter Markus Raasch erklärt, was die Wissenschaftler konkret untersuchen und wie sie vorgehen.

Alltag im Nationalsozialismus steht im Fokus des NS-Forschungsprojekts zu Neustadt. Hier das Foto einer Fahnenverbrennung im Hof der Ostschule von 1933.

Alltag im Nationalsozialismus steht im Fokus des NS-Forschungsprojekts zu Neustadt. Hier das Foto einer Fahnenverbrennung im Hof der Ostschule von 1933. ( Foto: STADTARCHIV LANDAU)

Herr Raasch, das Projekt zur NS-Zeit wurde vor ziemlich genau einem Jahr gestartet. Wie läuft es bisher?

Ich denke, wir kommen ganz gut voran. 30 Autorinnen und Autoren arbeiten an dem Buch, das im Dezember 2020 präsentiert werden soll. Die Vorbereitung der geplanten Ausstellung und des Onlinelexikons hat begonnen. Es wurden etliche Zeitzeugengespräche geführt und digital aufbereitet. Überdies hat sich ein Expertenteam formiert, das Schulbuchmaterialien zur Neustadter NS-Geschichte erstellt. 2019 werden wir den Fortgang des Projekts unter anderem durch Lehrveranstaltungen an der Uni und einen Vortragsabend in Neustadt weiter forcieren.

 

Wo sehen Sie denn die größten Forschungsdefizite?

In der Vergangenheit ist immer wieder zur Geschichte Neustadts im Nationalsozialismus gearbeitet worden. Einige Personen haben sich um die historische Aufarbeitung sehr verdient gemacht – beispielhaft möchte ich nur Gerhard Wunder erwähnen. Was bisher nicht vorliegt, ist eine Gesamtschau auf die Zeit des Dritten Reichs.

 

Was meinen Sie damit konkret?

Es fehlt eine Überblicksdarstellung, in der Josef Bürckel und sein Herrschaftssystem ebenso ihren Platz haben wie die Alltagswelten von Winzern, Arbeitern, Frauen oder Kindern. Wir wissen auch wenig darüber, wie die Nationalsozialisten in der Region versuchten, Zustimmung zu ihrer Politik zu erreichen – die Entstehung der Weinstraße ist nur ein Aspekt. Und obwohl einige Arbeiten zum sogenannten Schutzhaftlager existieren, wissen wir wenig Konkretes über die örtlichen Ausgrenzungsmechanismen gegenüber Juden, Sinti und Roma, Behinderten oder Homosexuellen. Auch die einschneidende Bedeutung des Krieges ist kaum erforscht, Gleiches gilt für den Umgang mit der NS-Vergangenheit nach 1945. Hier wollen wir ansetzen.

Neustadt hatte in der NS-Zeit eine besondere Rolle, weil die Stadt Gauhauptstadt war. Wie schlägt sich das in Ihrem Projekt nieder?

Ein wesentliches Erkenntnisinteresse unseres Projekts ist genau das: Was macht eigentlich eine Gauhauptstadt aus? Deswegen fragen wir in unserem Buch und auch in der Ausstellung gezielt: Wie wurde eine solche regiert? Gab es eine spezielle Art, Herrschaft zu inszenieren? Welche Rolle spielten Aufmärsche und Feste? Gab es besondere bauliche Veränderungen? War der Verfolgungsdruck und/oder die Zustimmung zum Regime außergewöhnlich hoch? Das Spannende ist, dass die Rolle einer Gauhauptstadt im Nationalsozialismus bisher wenig untersucht worden ist und wir hier wirklich Pionierarbeit leisten.

 

Der Name des Gauleiters taucht auch in dem Kapitel über das „Erbe der Volksgemeinschaft“ auf. Ein Kapitel trägt den Arbeitstitel „Der Bürckelmythos“. Was meinen Sie konkret damit?

Hier geht es um Erinnerung, auch um die Fallstricke der Erinnerung. Mythos meint für uns eine historische Erzählung, die einer Gruppe von Menschen im positiven oder im negativen Sinne Identität verschafft. Wir wollen fragen: Wer erinnert sich nach 1945 auf welche Weise an Josef Bürckel? Welche Formen, welche Rituale der Erinnerung gibt es? Wie umstritten sind diese? Warum erinnern sich die Menschen auf diese Weise? Wie verändert sich die Erinnerung im Laufe der Zeit? In diesem Kapitel geht es also viel weniger um Josef Bürckel als um die Erinnernden, also um die Stadt Neustadt und die Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg.

 

Neben den wissenschaftlichen Beiträgen, die in einem Buch veröffentlicht werden sollen, ist auch eine Ausstellung geplant, die von Studierenden erarbeitet wird. Was soll da präsentiert werden?

Die Ausstellung wird die Erträge des Buches in publikumswirksamer Weise präsentieren. Uns ist es einfach sehr wichtig, die Neustadter zu erreichen. Wir möchten informieren, aber auch unterhalten, zum Nachdenken und Diskutieren anregen. Eine multimediale Ausstellung, die zunächst in Neustadt und dann dauerhaft online zu sehen sein wird, erscheint uns dafür besonders geeignet.

 

Sie haben auch Zeitzeugen befragt, die RHEINPFALZ hat dazu einen Aufruf veröffentlicht. Wie war die Resonanz?

Die Resonanz war gut. Es konnten bisher elf Zeitzeugengespräche geführt werden, die teilweise mehrere Stunden gedauert haben. Ich denke, dass wir durch die Befragten sehr viele und wichtige Informationen erhalten haben, an die wir sonst nie gekommen wären. Es wäre freilich schön, wenn wir noch weitere Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gewinnen könnten. Ich meine: Die Stimmen derjenigen, die das Dritte Reich aus eigener Anschauung kennen, müssen gehört werden.

 

Und wie stehen die Lokalhistoriker zu Ihrem Projekt?

Ich möchte nicht für andere sprechen. Ich kann nur sagen, dass ohne die Expertise der Ortshistoriker keine gehaltvolle Darstellung der NS-Zeit in Neustadt zu schreiben ist. Mir ist es wichtig, dass sie am Buch, an der Ausstellung, am Onlinelexikon und den Schulbuchmaterialien beteiligt sind. Mir ist es wichtig, dass sie an die Uni kommen und Studierende an ihrer reichen Erfahrung teilhaben lassen. Mir ist es wichtig, dass sie Vorträge halten, weiterforschen und die ortsfremden Historikerinnen und Historiker ein Stück weit an die Hand nehmen. Mein großer Wunsch ist einfach, dass sie sich als Teil des Projekts begreifen. Wissenschaft ist ja keine Sache von Institutionen, sondern vor allem eine Sache der Haltung. |Foto: Raasch/frei

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