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Dienstag, 15. Januar 2019 Drucken

Mannheim und Region

„Gehirn soll nicht fehlerfrei sein“

Interview: Neurowissenschaftler Henning Beck erklärt, warum irren nützlich ist – Vortrag in Wachenheim

Wer oft Kreuzworträtsel löst, wird darin besser, sagt Neurowissenschaftler Henning Beck.

Wer oft Kreuzworträtsel löst, wird darin besser, sagt Neurowissenschaftler Henning Beck. ( Foto: soma)

«Wachenheim.» Er nennt das Gehirn einen eineinhalb Kilogramm schweren Fehler: Am Freitag, 18. Januar, kommt der Neurowissenschaftler Henning Beck für seinen Vortrag „Irren ist nützlich“ in die Wachenheimer Ludwigskapelle. Im Gespräch hat er uns vorab verraten, warum gerade das Unperfekte unser Gehirn so schlau macht.

Herr Beck, die Lieder der Spice Girls aus den 90er-Jahren kann ich fehlerfrei mitsingen. Ich weiß aber nicht mehr, ob ich heute Morgen die Haustür abgeschlossen habe. Muss ich mir Sorgen machen?

Nein (lacht). Das Gehirn speichert vor allem wichtige Dinge ab, und zwar immer das, was besonders emotional ist. Und da das Abschließen der Haustür selten emotional ist, vergisst man es häufiger. Solche Routinen werden gar nicht ins Langzeitgedächtnis überführt. Bei Liedern, mit denen man eine bestimmte Emotion verbindet, ist das anders. An die kann man sich besser erinnern. Das ist normal. Solange man sich erinnern kann, dass man etwas vergisst, ist alles gut. Erst wenn man vergisst, dass man vergisst, sollte man sich Sorgen machen.

 

Sie beschreiben das menschliche Gehirn in Ihrem Buch „Irren ist nützlich“ als etwa eineinhalb Kilogramm schweren Fehler. Ist das nicht ein bisschen hart?

Nein, denn das Gehirn ist letztendlich gar nicht darauf ausgelegt, fehlerfrei zu sein. Sonst wären wir auch nicht anpassungsfähig. Was in einem Moment ein Fehler ist, kann im nächsten Moment auch der Beginn von etwas ganz Neuem und Großartigem sein.

 

Also ist Irren tatsächlich nützlich?

Genau, sogar in ganz vielen Dingen. Dass wir uns zum Beispiel nicht an alles erinnern, hilft, das Wichtige vom Unwichtigem zu unterscheiden. Stellen Sie sich vor, man würde sich an alles erinnern. Das wäre ja unfassbar aufwendig. Die Hirnregionen, die dafür zuständig sind, Erinnerungen zu verfälschen, sind dieselben, die dafür zuständig sind, Hypothesen aufzustellen und zu überlegen, was wäre wenn. Dass wir Fehler machen, ist die beste Art, sich in einer Welt, die sich ständig verändert, zurecht zu finden. Deshalb müssen wir uns diese Fähigkeit zum Unperfekten bewahren.

 

Muss man sein Gehirn trainieren, damit es leistungsfähig bleibt?

Wenn es um so etwas wie Gehirnjogging geht, zeigen Studien relativ gut, dass das Gehirn dadurch trainiert wird. Wer fleißig gehirnjoggt, also Kreuzworträtsel oder andere Logikrätsel löst, kann das anschließend besser. Das heißt aber nicht, dass man auch besser denken kann. Wichtiger ist, das Gehirn ganzheitlich zu aktivieren. Das geht durch Gespräche mit anderen Menschen. Wenn man sich mit anderen unterhält, unter Leute geht, zuhört, selbst Ideen formuliert – das ist im Prinzip schon das Komplettpaket. Das Beste, was du mit deinem Gehirn tun kannst, ist, es viel und abwechslungsreich zu benutzen. Kommunikation ist wichtig.

 

Meinen Sie verbale Kommunikation?

Das ist eine interessante Frage. Also erstmal macht es für die Hirnaktivität keinen Unterschied, ob ich jetzt etwas tippe, spreche oder schreibe. Gebärdensprache wirkt auf das Gehirn genauso wie ein gesprochenes Wort. Es ist nur wichtig, mit anderen Menschen möglichst dynamisch zu interagieren. Sprache ist ja mehr als nur gesprochene Worte. Dazu gehören Stimmung, Mimik, Gestik – die können ganz subtil auf mich einwirken. Das darf man nicht unterschätzen.

 

Wie wirkt sich die ständige Benutzung des Smartphones heutzutage auf das Gehirn aus?

Wie sich das langfristig auswirkt, können wir noch gar nicht genau sagen. Smartphones in der heutigen Form gibt es noch gar nicht so lange. Messbar stellt man fest: Die Aufmerksamkeitsspanne lässt nach, also die Menschen haben weniger Lust, sich auf eine Sache zu konzentrieret. Länger als 30 bis 40 Sekunden wird da schon schwer. Auch die Priorisierung wird immer schwerer, also das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen. Wenn man Medien generell übermäßig nutzt – ob Fernsehen, Smartphones oder Computer – führt das dazu, dass man tatsächlich auch nicht so viel behalten kann. Das ist wie ein Overkill.

Termin

Der Vortrag „Irren ist nützlich“ ist am Freitag, 19.30 Uhr, in der Wachenheimer Ludwigskapelle. Karten: 06322/959220, www.kulturverein-wachenheim.de.

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