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Ludwigshafen

Fernseh-Doku über ein Messie-Haus in Friesenheim

Fernseh-Dokumentation begleitet 65-Jährigen, der ein Messie-Haus in Friesenheim erbt – Donnerstagabend im WDR

Von Rebekka Sambale

Blick ins Messie-Haus – nachdem schon viel Altpapier und Plastikmüll entsorgt wurde.

Blick ins Messie-Haus – nachdem schon viel Altpapier und Plastikmüll entsorgt wurde. ( Foto: WDR)

Nachdem Frieders Bruder gestorben ist, muss der 65-Jährige dessen völlig zugemülltes Haus in Friesenheim ausräumen. Die schwere Arbeit zwischen Zeitungsstapeln und Gestank ist zwar die Handlung der Dokumentation „Das Messie-Haus, meine Familie und ich“, doch eigentlich geht es um einen Mann, der mit seiner verletzten und verletzenden Familiengeschichte konfrontiert wird. Der Film läuft am Donnerstagabend im WDR-Fernsehen.

eKisten stapeln sich, alte Fernsehgeräte, Müll, von Mäusen leergefressene Knäckebrot-Packungen. Zum Durchkommen bleiben im Haus nur schmale Gänge, fast alles ist vollgestellt. Dieses Bild bietet sich Frieder, als er im Juni 2016 nach über zehn Jahren wieder sein Elternhaus in Friesenheim betritt. Sein Bruder Karl ist gestorben. Besorgte Nachbarn hatten die Polizei alarmiert, der Notarzt fand ihn leblos zwischen Müll.

Was vom Leben bleibt

Was von einem Messie-Leben übrig bleibt, zeigt sich auch der freiberuflichen Filmemacherin Erika Fehse. Sie hat Frieder ein Jahr lang begleitet – beim Haus-Ausräumen, beim Erinnerungen-Finden, beim Verarbeiten. Fünf Mal war Fehse dazu in Ludwigshafen, wie sie im RHEINPFALZ-Gespräch erzählt, mit kleinem Team: Kamera, Ton und sie selbst. Schon vor dem ersten Dreh hatte sich Fehse das Haus in Friesenheim angesehen. Es ist ein Gebäude, das aus der Vogelperspektive seltsam friedlich wirkt, idyllisch gar, grün – vollkommen mit Efeu zugewachsen. „Innen hat es unglaublich gestunken. Wir mussten uns was unter die Nase halten“, sagt die Journalistin. Es sei schwierig gewesen, überhaupt den Eingang freizuräumen und das Haus zu betreten.

Viele Medien abonniert

Diesen Eindruck vermittelt auch der Film. Unmengen an Zeitungen stapeln sich in jedem Zimmer an den Wänden und Schränken entlang. Der Verstorbene hatte viele Medien abonniert, wie Fehse berichtet, darunter auch die RHEINPFALZ. „Wie Mauern, durch die man beschützt wird“, beschreibt Fehse den Eindruck, den das Bauwerk aus Papier und Müll, hinterlässt. Ein Schutz vor dem Leben.

 

Denn – und das sagt die Filmemacherin auch noch – es gehe bei ihrer Dokumentation nicht um das Messie-Sein oder darum, diese Krankheit gar wissenschaftlich aufzuarbeiten. „Es ist ein Film darüber, Abschied zu nehmen und sich zu trennen“, sagt sie. „Es geht um die inneren Verletzungen, die man während der Kindheit erlebt.“ Frieder findet nicht nur ein Tagebuch seiner Mutter und Aufzeichnungen seines Vaters, sondern auch filmische Lebensschnipsel. Sein Bruder hat einen Teil früherer Jahre auf Video-8-Kassetten festgehalten. Sie zeigen Alltagssituationen mit dem Vater – einem Aniliner, kleinere Reisen, die Karl nach dessen Tod mit der Mutter unternahm. All das sind Ereignisse, die Frieder von mehreren Seiten emotional angreifen. Er, der heute in Berlin lebt, hat die Familie und damit das Haus in Ludwigshafen früh hinter sich gelassen, sich von seinen Eltern nie akzeptiert gefühlt. Auch der Bruder Karl hat unter dem dominanten Vater gelitten, wie nach und nach deutlich wird.

Wir besitzen zu viele Dinge

Nach und nach leert sich auch das Haus. Beim Ausräumen hilft ein Freund aus Bosnien, der lapidar feststellt, dass die Deutschen einfach zu viele Dinge besitzen. Das ist eine weitere Erkenntnis, die Erika Fehse vom Filmdreh mitgenommen hat. „Wir sammeln eigentlich alle“, sagt sie. In der Dokumentation „Das Messie-Haus, meine Familie und ich“ wird deutlich, dass das nicht nur für Gegenstände gilt. Frieder hat schlechte Kindheits- und Jugenderfahrungen gesammelt, die er dachte, hinter sich gelassen zu haben. Während er zwischen Mülltüten kniet, Waffen in einem Schrank findet, das Efeu von den Hauswänden reißt und Regalbretter für den Sperrmüll vors Haus schleppt, holen sie ihn wieder ein. Und nun, da von seiner Familie niemand übrig geblieben ist, überkommt ihn auch die Angst vor der Endlichkeit.

 

Die WDR-Produktion ist eine zurückhaltende, filmisch leise, genau deshalb ehrliche, geradezu intime Dokumentation. Sie berührt, weil Frieder dem Zuschauer sehr nahe kommt. Und weil es eine Geschichte aus dem Leben ist. Aus einem Haus mitten in Ludwigshafen.

 

Termin

—„Das Messie-Haus, meine Familie und ich“ läuft morgen um 22.40 Uhr im WDR-Fernsehen in der Reihe „Menschen hautnah“.

 

—Wiederholung auf Tagesschau 24 am Samstag, 25. November, um 6.30 Uhr und am Sonntag, 26. November, um 11.15 Uhr.

Ludwigshafen-Ticker