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Freitag, 09. November 2018 Drucken

Ludwigshafen

Erinnerung an Pogromnacht: Bilder der Zerstörung in Lebensgröße (mit Live-Übertragung)

Von Michael Schmid

(Foto: ccd)

Abbrucharbeiter posieren in der zerstörten Synagoge.

Abbrucharbeiter posieren in der zerstörten Synagoge. ( Foto: Stadtarchiv)

Nach dem Feuer: das Gebäude in der Kaiser-Wilhelm-Straße.

Nach dem Feuer: das Gebäude in der Kaiser-Wilhelm-Straße. ( Foto: Stadtarchiv)

Vor 80 Jahren wurde die Synagoge in Ludwigshafen angezündet. Eine Kunstinstallation erinnert am Freitag von 18.30 Uhr bis 19 Uhr an die Reichspogromnacht und die Zerstörung des jüdischen Gotteshauses. Bilder des Gebäudes werden an der Stelle projiziert, an der sich das Haus früher befand: in der Kaiser-Wilhelm-Straße 34. Zuvor, um 18 Uhr, gibt es eine Gedenkfeier in der Melanchthonkirche in der Maxstraße.

In der Nacht von 9. auf 10. November 1938 ging die Synagoge in der Kaiser-Wilhelm-Straße in Flammen auf. Das jüdische Gotteshaus brannte bis auf die Grundmauern nieder. SS-Männer hatten es angezündet. Die Feuerwehr ließ das Gebäude kontrolliert niederbrennen. Geschäfte und Wohnungen jüdischer Mitbürger wurden geplündert. Die Polizei griff nicht ein. Es waren die bis dahin schlimmsten Ausschreitungen gegen Juden in der Stadt.

 

 

Attentat als Anlass für das Pogrom

Als Anlass für das Pogrom diente dem Regime ein Attentat. Der 17-jährige polnische Jude Herschel Grynszpan hatte am 7. November in der deutschen Botschaft in Paris den Diplomaten Ernst vom Rath (29) niedergeschossen – aus Rache für die Deportation seiner Familie. Im Gegensatz zur offiziellen Propaganda des nationalsozialistischen Staates machten keineswegs „erregte Volksmassen“ ihrer Empörung Luft. Das Pogrom wurde gezielt vorbereitet und von der Hauptstadt Berlin aus gesteuert. Die Dienststellen der NSDAP, Hitlers Nazi-Partei, gaben die Befehle weiter.

In Ludwigshafen befolgte sie SS-Sturmbannführer Christian Haller mit seinen Männern. Der Auftrag war klar: In dieser Nacht sollte in jüdischen Wohnungen, Geschäften und der Synagoge für Terror und Zerstörung gesorgt werden. Das jüdische Gotteshaus wurde von den SS-Männern aufgebrochen, wertvolle Gegenstände wurden „beschlagnahmt“, alles Brennbare auf einen Haufen geworfen und angezündet.

 

SS verhinderte das Löschen

Die Feuerwehr rückte um 5.55 Uhr aus, jedoch nicht etwa zum Löschen, sondern um ein Übergreifen der Flammen auf die Nachbargebäude in der Innenstadt zu verhindern. Die SS gab die Synagoge erst frei, nachdem sie nur noch eine rauchende Ruine war. Im Meldebuch der Berufsfeuerwehr Ludwigshafen wurde der Einsatz vermerkt: „Art des Feuers: Großbrand. Brandursache unbekannt.“ Eine glatte Lüge.

Das Gotteshaus befand sich seit 1865 in der Kaiser-Wilhelm-Straße 34. Die jüdische Gemeinde in Ludwigshafen zählte rund 1400 Mitglieder und war die größte in der Pfalz. Mit Beginn der Hitler-Diktatur 1933 wurden Juden systematisch aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens und der Gesellschaft ausgeschlossen. In Ludwigshafen wurde Juden schon 1935 der Zutritt zu Sportstätten oder Schwimmbädern untersagt. Jüdische Geschäfte wurden boykottiert, bis die Inhaber schlossen oder „freiwillig“ aufgaben und ihren Besitz an „Arier“ verkauften – meist zu unfairen Bedingungen. Viele wanderten aus, osteuropäische Juden wurden deportiert, so dass die Gemeinde bis zum November 1938 auf unter 700 Menschen geschrumpft war.

 

Niemand schritt ein als die Nazis Geschäfte und Wohnungen plünderten

In der Pogromnacht und am folgenden Morgen drangen SS- und SA-Trupps in jüdische Geschäfte und Wohnungen ein, zerschlugen das Mobiliar, schlitzten die Bettwäsche auf, schlugen Scheiben ein und warfen Porzellan auf die Straße. Etwa 30 Leute verfolgten, wie um 8.30 Uhr in der Ludwigstraße ein Textilgeschäft zerstört wurde. Niemand schritt ein. Als ein Jude sich wehrte, weil die Randalierer in seine Wohnung eindrangen, wurde er sofort verhaftet. Als ein ehemaliges jüdisches Schuhgeschäft zerstört und geplündert wurde, gebot die Polizei dem Trupp Einhalt – weil das Geschäft bereits den Besitzer gewechselt hatte. Der Arzt Eugen Gerstle hielt den bei ihm eindringenden SS-Männern sein Eisernes Kreuz aus dem Ersten Weltkrieg entgegen – seine Wohnung wurde trotzdem verwüstet. Eine Augenzeugin berichtete, dass die Trupps Listen hatten, auf denen die Adressen jüdischer Geschäfte und Wohnungen standen.

Alle jüdischen Männer wurden in „Schutzhaft“ genommen und in das Konzentrationslager Dachau bei München verschleppt. „Wir verbrachten die Nacht im Gefängnis in Ludwigshafen. Am nächsten Morgen wurden wir in Lastwagen zur Bahn gebracht. In der Nähe der Bahn mussten wir uns aufstellen und zu den Klängen von ,Muss I denn zum Städtele hinaus’ zur Bahn marschieren zum Transport nach Dachau“, schilderte Zeitzeuge Eugen Strauss. Teils wurde die schweigende Kolonne von ihren Mitbürgern verhöhnt. Wer nicht damit einverstanden war, behielt seine Empörung für sich.

 

Gaffer, die dort stehen wie die Katze vor dem Mausloch

Der damals 15-jährige Dieter Jooß erinnerte sich an die Stimmung vor der niedergebrannten Synagoge: „In der gaffenden Menschenmenge war eine eigenartige Situation zu spüren. Die Leute sprachen wenig, betroffene Gesichter, viele unterhielten sich in verhaltenem Ton. Und zwischen den Äußerungen hörte man auch mal die Bemerkung ,Das hätten sie doch nicht machen sollen’. Immerhin ein Wagnis, das zu sagen.“ In der Bismarckstraße beobachtete der Junge weitere Gaffer, die „wie die Katze vor dem Mausloch“ zusahen, wie ihre jüdischen Mitbürger abgeführt wurden.

Doch nicht nur die Männer waren Opfer des Pogroms. Ältere, Frauen und Kinder wurden zusammengetrieben, in Boote gesetzt und über den Rhein gebracht. Dort wurden sie auf den Mannheimer Rheinwiesen ausgesetzt und ihnen wurde untersagt, zurückzukommen. Die Behörden ordneten schließlich an, dass sie in ihre Wohnungen nach Ludwigshafen zurückkehren duften.

 

Kein Ghetto für die Juden 

Es gab in der Folgezeit auch Pläne, ein Ghetto für die Juden einzurichten. Oberbürgermeister Erich Stolleis (NSDAP) bat „um Vorschläge, welche Gegend des Stadtgebietes für die Konzentration der Juden ins Auge gefasst werden könnte.“ Dazu kam es dann wohl nicht mehr, auch weil die noch in Ludwigshafen lebenden Juden ohnehin schon konzentriert in wenigen Straßen wohnten, wie die Historikerin Ulrike Minor in ihrem Buch „Juden in Ludwigshafen“ schreibt.

Wegen der vielen Scherben wurden die Ausschreitungen vom Volksmund „Reichskristallnacht“ genannt. Die Pogromnacht war Auftakt für die weitere systematische Ausplünderung und Entrechtung der Juden in Deutschland. Ihr Hab und Gut, ihre Geschäfte und Immobilien, ihr Vermögen ging „in deutsche Hände“ über. Wer nicht bis August 1939 aus Ludwigshafen ins Ausland emigrieren konnte, wurde im Oktober 1940 in das Lager Gurs nach Südfrankreich gebracht. Viele Internierte starben dort, die Überlebenden wurden ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert, wo sie ermordet wurden. Am Ende des Zweiten Weltkriegs war die jüdische Gemeinde in Ludwigshafen vollständig vernichtet. Nur eine Handvoll Juden kam zurück. Erst 2006 wurde für die mittlerweile wieder in Ludwigshafen lebenden rund 100 Juden eine neue Synagoge eingeweiht – ein gemieteter Gebetsraum.

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