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Samstag, 27. April 2019 Drucken

Ludwigshafen: Kultur Regional

Eine Schule der Demokratie

Die Geschichte der autonomen Jugendzentren ist die am besten dokumentierte Bewegung im Gefolge der 68er. Ausgehend vom Jugendzentrum Friedrich Dürr in Mannheim, kurz JUZ genannt, hat Tobias Frindt einen Film gedreht und Interviews in ganz Deutschland geführt. „Freie Räume – Eine Geschichte der Jugendzentrumsbewegung“ läuft demnächst im kommunalen Kino in Mannheim .

Von Hans-Ulrich Fechler

Filmemacher Tobias Frindt.

Filmemacher Tobias Frindt. ( Foto: KUNZ)

Aktivist Bernd Köhler.

Aktivist Bernd Köhler. ( Foto: Frindt/Frei)

Ein filmischer Blick auf das Mannheimer JUZ heute.

Ein filmischer Blick auf das Mannheimer JUZ heute. ( Foto: Frindt/frei)

Das Poster zum Film.

Das Poster zum Film. ( Foto: Frindt/frei)

Zu Beginn der 70er Jahre schossen selbstverwaltete Jugendzentren in der Bundesrepublik wie Pilze aus dem Boden. Heute, schätzt der Filmemacher Tobias Frindt, gibt es nur noch etwa 100 autonome Zentren in Deutschland, eine größere Zahl nur noch im Saarland, der Hochburg der Bewegung. Nur vielleicht zehn hätten aus der Gründerzeit überdauert. Eines davon sei das JUZ in Mannheim.

Zu Beginn der 70er Jahre gab es mindestens tausend Initiativen und innerhalb kurzer Zeit mehrere hundert Häuser. Mitte der 80er Jahre hatte die Bewegung viel von ihrem Elan verloren. Sie blieb auch weitgehend auf die Bundesrepublik beschränkt. Nur in den Niederlanden gab es noch ähnliche Ansätze.

Schwerpunkte der Gründungen lagen in Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein und Hessen. Vor allem in der Provinz, in kleinen und mittelgroßen Städten fiel die Idee von den durch die Jugendlichen selbst verwalteten Treffs ohne Verzehr- und Konsumzwang auf fruchtbaren Boden. So kommt es, dass das Saarland mit heute noch 130 bestehenden Jugendclubs mit weitem Abstand die meisten aufzuweisen hat. Fast jeder Ort dort hat ein autonomes Zentrum. In Nordrhein-Westfalen hingegen, dem bevölkerungsreichsten Bundesland, gab es nie allzu viele. Hier habe, so Frindt, die Beschwichtigungspolitik der das Land lange bestimmenden SPD gegriffen, die auf bereits bestehende Freizeitangebote in den großen Städten hingewiesen habe.

In Mannheim argumentierte die Stadtspitze ebenso. Denn als 1972 das „Domizil“ in der Breiten Straße, der letzte Jugendtreff in der Innenstadt, geschlossen wurde, kam es zu massiven Protesten Jugendlicher, die ein autonomes Zentrum forderten. Die Stadt verwies auf das städtische Kulturzentrum an der Neckarpromenade, „aber die Jugendlichen wollten eher Popmusik hören, als langweilige Töpferkurse besuchen“, sagt Tobias Frindt. Außerdem pochten sie auf Selbstverwaltung. Es dauerte über ein Jahr, bis die Stadt nachgab und 1973 im ehemaligen Gewerkschaftshaus in O 4, 8 das JUZ eröffnet wurde. 20 Jahre später verkaufte die Stadt das Gebäude an das Textilkaufhaus Engelhorn, die Jugendlichen mussten in ein ehemaliges Gartencenter am Rand des Neuen Messplatzes in der Neckarstadt umziehen. Dort ist das JUZ bis heute beheimatet und erinnert im Namen an Friedrich Dürr, einen Mannheimer Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime.

Sich in einem Jugendzentrum zu engagieren, bedeute viel Arbeit, sagt Tobias Frindt. Der 36-Jährige weiß, wovon er spricht, denn er hat bis vor zwei Jahren Konzerte im JUZ organisiert. Schon als Heranwachsender war er von Punk- und Hardcore-Musik begeistert und fuhr von Bensheim zu Konzerten nach Darmstadt und Mannheim. Mit Anfang 20 fing er an, im JUZ selbst Konzerte zu veranstalten, jede Woche eines. Inzwischen studiert er Kommunikationsdesign an der Hochschule Mannheim. Hier hatte er Gelegenheit, Experimentalfilme und kleine Musikvideos zu drehen, und arbeitete an dem 2016 erschienenen Film „Deutsche Pop Zustände“ der Berliner Filmemacher Dietmar Post und Lucia Palacios mit. Ihre Dokumentation über Popmusik und rechte Ideologie wurde von dem Fernsehsender 3-Sat ausgestrahlt.

Seine eigene, selbst finanzierte und 102 Minuten dauernde Dokumentation der Jugendzentrumsbewegung war ursprünglich seine Bachelor-Abschlussarbeit. Für sie hat er ganz Deutschland bereist, Archivmaterial verwendet und viele Interviews geführt, unter anderen mit Werner Schretzmeier, der ebenfalls aus der Jugendzentrumsbewegung kommt und inzwischen das Stuttgarter Theaterhaus leitet. Tobias Frindt bedauert es selbstverständlich, dass die Bewegung weitgehend eingeschlafen ist. Die autonomen Jugendzentren hätten einen Beitrag geleistet, Jugendliche zu selbstbestimmten Erwachsenen zu erziehen, meint er. Kurz, sie waren eine Schule der Demokratie.

Termin

Uraufführung am 19. Mai um 19.30 Uhr im Cinema Quadrat (Collinistraße 1) in Anwesenheit des Regisseurs. Weitere Informationen unter www.freieraeume-film.de.

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