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Mittwoch, 12. Juli 2017 Drucken

Ludwigshafen

Ein eigener Kosmos

Edith Brünnler erzählt bei literarischem Frühling von ihrer Kindheit und Jugend im Hemshof

von Werner Schenk

Einen Stopp legte Edith Brünnler gegenüber der einstigen Traditionskneipe „Ficke Paula“ ein.

Einen Stopp legte Edith Brünnler gegenüber der einstigen Traditionskneipe „Ficke Paula“ ein. ( Foto: enk)

«Nord/Hemshof.» Edith Brünnler ist am Freitagabend die ortskundige Führerin eines literarischen Spaziergangs durch den Hemshof gewesen. Die im Quartier groß gewordene Autorin und Mundartdichterin bezauberte rund 30 Teilnehmer mit ihren humorvollen bis nachdenklichen Geschichten aus der Heimat.

„Nor gebabbelt, gschafft is glei!“ und „Du wääscht jo“ lauten die Titel zweier Bücher von Edith Brünnler. Daraus las sie bei der Tour durch den Hemshof vor. Dazu gab es einige neue Geschichten, die demnächst erscheinen werden. Ausgangspunkt des Rundgangs war der Lutherplatz, von dem es durch die Maxstraße gen Norden ging. Am Europaplatz, also noch bevor die Gruppe in den Hemshof eintauchte, legte Brünnler den ersten Stopp ein – und lieferte ihrem Publikum unter den großen Platanen eine gespielte Szene.

„Du wäscht jo“, ließ die Mundartdichterin eine Hemshöferin zur anderen sagen. „Jo“, lautete die Antwort. „Schunn.“ „Wie immer.“ „Mit de Kinner halt, wäscht jo.“ „So wies is.“ „Froch net, du wäscht jo.“ So und so weiter unterhielten sich die beiden Waschweiber vorzüglich, ohne einen Sachverhalt wirklich beim Namen zu nennen. Beim Publikum sorgte das für viel Heiterkeit – bei manchem sicher auch, weil er sich an eigenes Erleben erinnert fühlte.

Nach der kleinen Darbietung ging es weiter zur Hartmannstraße. Dabei plauderte Brünnler aus dem Nähkästchen. Im Hemshof habe in ihrer Jugend das Leben pulsiert, berichtete die 64-Jährige. Die Bewohner hätten sich deftig und unverkrampft gegeben und bildeten ihren eigenen Kosmos. „Wenn man einkaufen ging, gab es alles im Hemshof“, bemerkte sie bei einem Stopp gegenüber des mittlerweile geschlossenen Fisch-Vogt. Kleider, Schuhe, Kohlen und Schulsachen – nur selten seien die Hemshöfer dafür „in die Stadt“ gegangen. Und Lebensmittel wurden gar nicht eingekauft, „do sin mer Sach hole g’ange“, erinnerte die Dichterin.

Das ganze Viertel sei früher „unser Einkaafszentrum“ gewesen, verriet Brünnler. „Do hot mer soi feschte Gschäfte ghabt. Fer nix hot mer weit laafe misse.“ Eine Institution sei der Fisch-Vogt gewesen, in dem die Fische in Zeitung eingepackt wurden. Auch anschreiben habe man in den Hemshöfer Läden dürfen. „Geht des heit a noch?“, fragte Brünnler und beantwortet sich selbst die Frage. Ja, mit Kreditkarten sei es doch irgendwie ebenso. Am Monatsende wird dann eben vom Konto abgebucht.

Weiter ging es zum Leinerhäuschen, das eigentlich gar nicht mehr steht. „Nur noch die Gaub do owwe“ sei von dem eigentlich denkmalgeschützten Leinerhäuschen übrig geblieben, wusste Brünnler zu berichten. Aber das sei ja nichts Ungewöhnliches für Ludwigshafen. „Des BASF-Hochhaus, a unner Denkmalschutz – abgerisse“, beklagte sie. Und die Tortenschachtel auch. „Un de Schulkinner hawwen se in de Goetheschul a Sparkasse in de Schulhof gebaut.“

Gegenüber der „Ficke Paula“, der Traditionskneipe in der Hemshofstraße – auch sie gibt es nicht mehr – näherte sich Brünnler dem Problem, dass Karriere Menschen verändert. Zweisprachig – in Hochdeutsch und auf Pfälzisch – ließ sie zwei Freundinnen miteinander parlieren. Als die Karrierefrau einen Prosecco anbietet, wehrt die bodenständige Hemshöferin ab: „Isch hab schun frieher kä Kellergeister getrunke!“

Weiter ging es über den Goerdeler-Platz, der einmal ein mit Ständen vollgestellter Marktplatz war, und zur Apostelkirche und der Außenstelle des Frauenhauses, wo Brünnler weitere Geschichten zum Besten gab und ihr Publikum unterhielt. Dazu gehörten Ingeborg und Dieter Rebou. Beide lebten früher im Hemshof. „In der Eisdiele Dolomiti habe ich meinen Mann kennengelernt“, erinnerte sich Ingeborg Rebou. Heute leben sie in Oggersheim, kommen aber noch gern in den Hemshof zurück.

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