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Freitag, 05. April 2019 Drucken

Ludwigshafen

„Die Stadt braucht keine zweite Wunde“

Interview: Der Bürgerhof erhält bald einen neuen Eingang mit zwei 25 Meter hohen Türmen. Entworfen haben ihn die Fischer Architekten aus Mannheim. Büroleiter Johannes Fokken erklärt, wie man das Zentrum mit „Herzblut“ aufwerten und ein zweites „Metropol“-Drama vermeiden kann.

Zwei Türme als Tor: So soll der Bürgerhof-Eingang mit 30 Wohnungen Ende 2021 nach der Fertigstellung aussehen. Die Architekten wollen das Areal „aus seinem Dornröschenschlaf erwecken“.

Zwei Türme als Tor: So soll der Bürgerhof-Eingang mit 30 Wohnungen Ende 2021 nach der Fertigstellung aussehen. Die Architekten wollen das Areal „aus seinem Dornröschenschlaf erwecken“. ( Entwurf: Fischer Architekten)

Herr Fokken, wie kann der Bürgerhof von diesem Projekt profitieren?

Ein Problem des Bürgerhofs ist, dass ein sichtbarer Zugang fehlt. Von der Bismarckstraße aus gibt es nur eine unauffällige Tordurchfahrt. Der Platz wird nicht wahrgenommen. Zudem fehlt die Anbindung über häufig frequentierte Wege.

 

Warum ist das ein Problem?

Weil Plätze dann gut funktionieren, wenn sie eine sinnvolle Wegeverbindung ergeben, über Verkehrsachsen gut angeschlossen sind und eine attraktive Randgestaltung haben. Ein Platz lebt davon, als Treffpunkt wahrgenommen zu werden, und von seinen Kanten, die im Bürgerhof noch sehr diffus verlaufen. Letztlich geht’s um Aufenthaltsqualität. Jetzt besteht eine große Chance, den Bürgerhof aus seinem Dornröschenschlaf zu erwecken.

 

Noch ist der Platz also sehr isoliert.

Ja. Es gibt wenig Gründe, ihn zu besuchen. Deshalb haben wir uns gefragt: Wie kann man den ganzen Block inklusive Bismarckstraße aufwerten? Und wie kann man zusätzliche Wegeverbindungen schaffen? Die Kaiser-Wilhelm-Straße ist ja auch nicht ganz unproblematisch. Gelingt es, sie über die Bismarckstraße mit dem Bürgerhof zu verknüpfen und sogar eine Rheinanbindung zu schaffen, würde das den Bürgerhof immens aufwerten.

 

Wie kann das gelingen?

Wir wollen eine neue Gasse bilden, ein Bürgergässel. Es geht dabei um den Zugang von der Fußgängerzone. Mit einer Gasse, die durchaus eng sein kann, assoziiert man Positives, denkt an Altstädte und Intimität. Wir brechen den Block in zwei Teile auf. Aus der Lücke wird die Gasse. Damit schaffen wir freie Sicht auf die Lutherkirche. Sie ist ein visueller Ankerpunkt. Ludwigshafen fehlen klassische Plätze, an denen sich Menschen treffen. Das ist ein großes Manko, woraus womöglich auch das schlechte Image resultiert. Der Berliner Platz ist ein Verkehrsknotenpunkt. Der Rathausplatz lebt von den Einkaufsmöglichkeiten.

 

Für eine Torsituation sorgen zwei achtstöckige Türme, die sich zum Bürgerhof abgestuft auf drei Etagen reduzieren. Warum diese Variante?

Die Gebäudeblöcke ringsum haben alle eine Eckbetonung mit in der Regel sieben bis acht Geschossen. Diese Höhen nehmen wir auf, um das Bürgerhof-Entrée zu markieren. Das Tor schaffen wir mit zwei Türmen. Die Staffelung zum Bürgerhof ergibt sich aus der Nachbarbebauung. Die Gasse soll ja auch nicht zu tief und zu dunkel erscheinen.

 

Für Ludwigshafen ist das eine Schlüsselimmobilie. Wie geht man da gestalterisch heran, das ist ja kein einfaches Pflaster?

In der Tat gibt es hier keine über Jahrhunderte gewachsene Bautradition. Die Stadt ist relativ jung, historische Bezüge mit Blick auf Fassade und Baumaterial fehlen. Was in der Umgebung häufig auftaucht, ist ein gelber heller Klinker, ein gebrannter Ziegelstein, oft in Kombination mit roten Sandsteinbändern. Ursprünglich war dieses Material fürs gesamte Gebäude vorgesehen.

Aber?

Aus Kostengründen haben wir das etwas abgespeckt, im Sockelbereich möchten wir aber daran festhalten. Denn ein Gebäude wird dann angenommen, wenn es eine gewisse Wertigkeit ausstrahlt. Da ist der Sockel besonders wichtig, weil man ihn auf Augenhöhe wahrnimmt und ihn anfassen kann.

 

Wegen des hohen Grundwassers ist der Untergrund ziemlich problematisch. Um die Stabilität zu garantieren, müssen 90 Pfähle in die Erde eingebracht werden. Spielt das für Sie als Architekt eine Rolle?

Das Tragwerkkonzept ist zunächst einmal ein Thema für die Ingenieure. Es gibt aber immer ein Zusammenspiel mit der Architektur. Die Vorgaben kommen allerdings vom Tragwerkplaner. Dann gibt’s noch Spezialisten für die Baugründung, die diverse Varianten untersuchen. Demnach ist die Pfahl-Lösung zwar eine sehr aufwendige, aber letztlich doch die sinnvollste.

 

Wie wichtig ist es, dass das von der Immobiliengesellschaft GAG beauftragte Unternehmen, die Luma Haus GmbH, in der Stadt verwurzelt ist?

Es ist von Vorteil, wenn regional ansässige Firmen ein Projekt gemeinsam stemmen. Für uns ist das ein Herzblut-Projekt, für mich persönlich auch, weil ich daran jeden Tag auf dem Weg zum Büro mit dem Rad vorbeifahre. Das Gleiche gilt für andere Beteiligte. Es ist schon ein Unterschied, ob man einen regionalen Bezug hat oder ob das eine x-beliebige Baustelle in Deutschland ist. Hier hat jeder Betrieb einen Ruf zu verlieren. Überregionale Firmen sind da manchmal schmerzfreier. Wenn irgendwo mal ein Projekt in die Hose geht, kann man das eher verkraften. Firmen vor Ort können sich das nicht erlauben.

 

Verfolgen Sie auch die Entwicklungen auf dem Berliner Platz?

Ja, auf jeden Fall. Ich möchte mich aber nicht über die Arbeit von Kollegen auslassen. Geschimpft und gemeckert ist schnell. Städtebaulich gibt es für jede Problemstellung verschiedene Lösungen. Am Berliner Platz gibt es eine Verdichtung, dort wird ein Hochpunkt gesetzt. Das ist ein Statement. Ich möchte das nicht bewerten. Entscheidend ist, solch ein Projekt zum Erfolg zu führen.

 

Genau das ist doch der Knackpunkt. Die „Metropol“-Hochhäuser sollten schon längst stehen.

Je länger sich eine solche Geschichte hinausschiebt, desto eher entsteht ein negatives Image, gerade am Berliner Platz, wo nach dem Abriss der Tortenschachtel eine Wunde entstanden ist. Genau das will die GAG am Bürgerhof vermeiden. Das wäre das Schlimmste, was passieren könnte. Nach dem Abriss muss sofort mit dem Neubau begonnen werden, um eine Baugrube wie am Berliner Platz zu vermeiden.

 

Sie meinen, die Innenstadt braucht keine zweite Wunde.

Nein, die Stadt braucht sicher keine zweite Wunde.

 

Apropos Wunde: Wie beurteilen Sie das Image von Ludwigshafen?

Ich betrachte die Stadt als Teil der Metropolregion, die immer weiter zusammenwächst. Als Zugezogener bin ich ja nicht vorbelastet. Natürlich zählt Ludwigshafen nicht zu den attraktivsten Städten Deutschlands. Die Stadt ist als Industriestandort geprägt, das wird man binnen zehn Jahren auch nicht umkrempeln können. Trotzdem wohne ich gerne in Friesenheim. Auch meine Frau, die lange in Mannheim zu Hause war, hat die Seiten gewechselt. Sie trägt sogar den Button „Freiwillig in LU“. Wir stehen zu Ludwigshafen. Als Architekt möchte ich meinen bescheidenen Anteil dazu beitragen, das Image von LU zu verbessern.

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