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Dienstag, 14. Februar 2017 Drucken

Ludwigshafen: Kultur Regional

Die letzten Dinge

Im Port25 in Mannheim beschäftigen sich Marvin Hüttermann, Irina Rupert und Dieter M. Gräf mit der Hinterlassenschaft verstorbener Menschen

Von Sigrid Feeser

 

Dinge des Lebens: Blick in die Ausstellung „Das, was bleibt“ im Port25. ( Foto: Toni Montana Studios)

Serie „Es ist so nicht gewesen” von Marvin Hüttermann. ( Foto: Toni Montana Studios)

Dieter M. Gräf, „Schraubstock (Kellersequenz)“, 2012. ( Foto: Toni Montana Studios)

Was bleibt von uns, wenn wir diese Welt verlassen haben? Wohl vor allem Gegenstände, die so privat sind, dass sie Erben in Verlegenheit setzen und professionelle Entrümpler auf den Plan rufen. Bleibt der Krempel oder bleibt die große Erzählung? Im Port25, dem Raum für Gegenwartskunst in der Mannheimer Hafenstraße, sinnieren Marvin Hüttermann, Irina Rupert und Dieter M. Gräf über das Leben der (wortwörtlich) letzten Dinge. „Das, was bleibt“ lautet der Titel der Ausstellung.

 

Marvin Hüttermann ist gelernter Kommunikationsdesigner und Fotograf. Im letzten Jahr gründete er in Düsseldorf eine Kreativagentur. „Es ist so nicht gewesen“ titelt seine vor zwei Jahren in aufeinander bezogenen Bildpaaren angeordnete Spurensuche, eine Examensarbeit, die sich gewaschen hat. Spurensuche nach dem Gewesenen ist ihr Thema. Dem Tod will sie möglichst nahekommen. Diskretion soll soweit möglich gewahrt werden.

Das ist dem 30-Jährigen in dieser totenstillen Arbeit auch gelungen. Was noch da und was schon gegangen ist, fügt sich einer in verlassenen Wohnungen, beim Bestatter und im Krematorium fotografierten Bilderzählung, in der sich Banalität und Schrecken, Vergangenheit und Gegenwart mal in Schwarzweiß und mal in Farbe ununterscheidbar mischen.

Einen vertrockneten Zweig in der Vase sehen wir da und daneben den Wecker, der auf fünf nach zwölf stehengeblieben ist. Den Blick ins Badezimmer, die gefalteten Hände eines Toten und wie jemand für die Bestattung hergerichtet wird. Eine Detailaufnahme von Leichenflecken und den Blick in den Verbrennungsofen eines Krematoriums, wo ein sich aufbäumendes Gerippe den Schlusspunkt setzt, in Farbe, denn am Ende triumphiert die Farbigkeit des Todes allemal über Schwarz und Weiß. Ein schockierendes Bild. Aber keine Tragödie.

Angesichts dieser geballten Wucht des Tatsächlichem muss Irina Rupperts Feldforschung wie das Satyrspiel nach der Tragödie wirken. Aus dem Nachlass einer 2009 verstorbenen „Heidrun“ sind ihr etwa 200 Tagebücher und Fotoalben sowie eine Sammlung von fast 280 Hand-Objekten zugefallen, Hände in allen Größen und Zuständen, als Aschenbecher, Gürtelschnallen, Anhänger, vom Sohn auf Anforderung aus Draht gebastelte, als Spielzeug, Ring- und Handschuhhalter, als Kerze oder betend von Dürer – ein Alptraum aus Kitsch und Wahn und verzichtbar.

Irina Ruppert (48, gelernte Designerin mit Schwerpunkt Fotografie, lebt und lehrt in Hamburg sowie in Berlin) würde das nicht unterschreiben. Die Rekonstruktion von „Heidruns“ schatzbildendem Erdenwallen treibt sie um. Die zeitaufwendige Suche nach der „Identität“ der Verstorbenen stößt freilich rasch an ihre natürlichen Grenzen. Was bleibt, ist das Bild einer Obsession, die allenfalls im Konjunktiv zu fassen ist. „Heidruns“ Flucht aus Danzig im Zweiten Weltkrieg bietet sich als mögliche Erklärung an, Irina Rupperts eigene Flucht aus Kasachstan vor acht Jahren bietet sich als Matrix an, über die zu diskutieren wäre.

Die Frage nach „dem, was bleibt“, stellt sich für Dieter M. Gräf auf eine ganz andere, wenn man so will, präzisere Weise. Der 1960 in Ludwigshafen geborene Gräf ist vor allem durch seine hermetischen Gedichte bekannt geworden. Nun erleben wir den Lyriker bei einem auf den ersten Blick erstaunlichen Fachwechsel, der vielleicht gar keiner ist, sondern eine Erweiterung seiner dichterischen Existenz. Nach dem Tod der Mutter vor vier Jahren erbte der seit 2005 in Berlin lebende Sohn das Elternhaus in Maudach, das ihm seither gehört. Wo auch gäbe es einen besseren Ort, der eigenen Biografie retrospektiv habhaft zu werden, außerhalb der Literatur und in strenger Beachtung der Realien?

Die Realien, das sind unter aparten Blickwinkeln und fast zufällig inszenierte Blicke auf die Hinterlassenschaften der Eltern, die Werkstatt des Vaters, ein Stück vom Pelz der Mutter, eine Blumenvase von oben, Lichteinfälle und aparte Spiegelungen, auch Briefe und Familienfotos, aufgenommen mit einem i-Phone, mit dem man (so Gräf) „überall hinkommt“, dann vergrößert und an die Wand gepinnt. Es sind Erinnerungsbilder von einer ganz unerwarteten Schönheit, wie die Bilder von den diffus erleuchteten Stillleben Alter Niederländer bisweilen, kunstlos und kunstvoll in einem. Dieter M. Gräf, der Dichter, hatte vor seiner fotografischen Bestandsaufnahme eigentlich kein Verhältnis zur bildenden Kunst. Kunst im emphatischen Sinn sind diese ebenso poveren wie poetisch dichten Ad-hoc-Aufnahmen wohl nur bedingt, eher handelt es sich um eine Fortsetzung der Literatur mit anderen Mitteln, eine Art Zwitter, zu der Gräfs Gedichte gehören, um die private Erzählung zur großen zu machen. Die Arbeit blieb nicht unbeachtet, bereits vor zwei Jahren wurde sie in anderer Form in Ai Wei Weis Ausstellungsraum in Peking ausgestellt.

Termine

—Port25 in Mannheim, Hafenstraße 25-27, bis 5. März, Dienstag bis Sonntag 12 bis 18 Uhr.

—Führung und Lesung mit Dieter M. Gräf aus seinem Buch „Die große Chance/Maudach in Peking“ am 24. Februar, 18 Uhr.

 

 

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