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Dienstag, 29. Mai 2018 Drucken

Ludwigshafen: Kultur Regional

Die Fabrik als romantischer Ort

„Utopie aus Industrie“: Das Ludwigshafener Ernst-Bloch-Zentrum zeigt eine Fotografie-Ausstellung zur ehemaligen Walzmühle

Von Hans-Ulrich Fechler

Oben auf dem Dach: Im Hintergrund der Rhein, unten spielzeuggroße Autos.

Oben auf dem Dach: Im Hintergrund der Rhein, unten spielzeuggroße Autos. ( Fotos: Timo Schuster)

Wo einst ein Industriekomplex stand, befindet sich heute ein Einkaufszentrum. Nur der Name ist geblieben: Walzmühle. Ein weiteres Relikt ist die unter Denkmalschutz stehende Direktorenvilla am Rheinufer, in der inzwischen das Ernst-Bloch-Zentrum untergebracht ist. Hier erinnert nun die Fotoausstellung „Utopie aus Industrie“ an das einstige Fabrikgelände.

„Industrie-Kultur“ lautet in diesem Jahr das Motto des rheinland-pfälzischen Kultursommers. Da traf es sich sehr gut, dass der aus Ludwigshafen stammende, inzwischen in Berlin lebende Fotograf Timo Schuster sich an Aufnahmen erinnerte, die er vor 25 Jahren vom Walzmühlareal gemacht hatte, kurz bevor das über hundert Jahre alte Industriedenkmal dem Erdboden gleichgemacht wurde. Und was lag näher, als sich an das Ernst-Bloch-Zentrum zu wenden, das letzte verbliebene und unter Denkmalschutz stehende Überbleibsel des Gebäudekomplexes. So sind jetzt in der ehemaligen Direktorenvilla und in dem heutigen Kulturforum über 20 Farbfotografien von dem Industriedenkmal zu sehen: Erinnerungen an einen markanten Bau, den es nicht mehr gibt.

Er sei damals, 1993, auf der Suche nach einer Betätigung gewesen, erzählt Timo Schuster. Mit Anfang 20 wohnte er bei seiner Mutter in Ludwigshafen und hatte gerade den Leistungssport beim Ludwigshafener Ruderverein aufgegeben. Also schnappte sich der junge Mann seine Kamera und ging auf Motivsuche. Die alte Walzmühle erregte seine Aufmerksamkeit. Er durchstreifte das Gelände des stillgelegten Industriekomplexes und machte Foto um Foto. Auch das Yorck-Hochhaus fuhr er hinauf, von wo er ein Panorama-Bild aufnahm. Großformatig bildet es jetzt gleich am Beginn einen Blickfang im Ausstellungsraum des Bloch-Zentrums. Ein anderes großformatiges Foto der Ausstellung entstand auf dem Dach der Walzmühle selbst. Im Hintergrund links fließt der Rhein, rechts fällt der Blick auf spielzeuggroße Autos und Wohnhäuser.

Timo Schuster wanderte auch durch die leeren Gebäude und machte melancholisch stimmende Bilder von den verlassenen Fabrikhallen mit ihren riesigen Ausmaßen. Bei Dunkelheit entstanden weitere Aufnahmen, etwa eines von einer Backsteinfassade, das bei der Entwicklung einen reizvollen Grünstich bekommen hat. „Ich wollte meine Fotos jetzt unbedingt in Ludwigshafen zeigen“, sagt Timo Schuster, der inzwischen zwar in Berlin lebt, aber im vergangenen Jahr in seiner Heimatstadt auch beim „Wow Art Festival“ mit Fotografien beteiligt war.

Das Ernst-Bloch-Zentrum hat Timo Schusters Fotos nicht mit erläuternden Texten versehen. Es überlässt den Betrachter in der Begegnung mit den Bildern sich selbst und den eigenen Erinnerungen. Dafür führt die Ausstellung anhand einer Tafel durch die Geschichte der Walzmühle. Außerdem werden ergänzend auf drei Bildschirmen weitere Bilder gezeigt. Auf dem ersten sind historische Fotografien aus dem Stadtarchiv zu sehen, etwa die Belegschaft der Fabrik im Jahr 1905. Auf einem zweiten Bildschirm sind Timo Schusters Bilder von der Sprengung eines Schornsteins im Sekundentakt zu sehen. Auf dem dritten Bildschirm schließlich können Ausschnitte aus dem „Tatort“-Krimi „Der Schwarze Engel“ mit Lena Odenthal aus dem Jahr 1994, der teilweise auf dem Walzmühl-Gelände gedreht wurde, betrachtet werden.

Von der Walzmühle lässt sich leicht eine Verbindung zu Ernst Blochs Aufsatz „Ludwigshafen – Mannheim“ aus dem Jahr 1928 herstellen. Darin erinnerte sich der Philosoph an seine Jugendzeit und stellte der alten Residenzstadt Mannheim die junge Industriestadt auf dem anderen Rheinufer gegenüber. Die Walz- und Handelsmühle für Getreide wurde 1885, im Geburtsjahr des Philosophen, gegenüber vom Mannheimer Schloss errichtet. Und ein Neubau griff, nachdem ein Großbrand das Gebäude 1905 vernichtet hatte, barocke Formenelemente eines Schlosses auf. 1906 wurde die Mehlfabrik als eine der größten und modernsten Mühlen Europas wiedereröffnet.

Lange Zeit galt die Walzmühle als Wahrzeichen Ludwigshafens. Sie überstand zwei Weltkriege und wurde 1985 stillgelegt. Bis zum Abriss nutzte sie ein Hersteller für Tierfuttermittel. Dessen Markenname „ruff putt bless“ prangte unübersehbar und weithin sichtbar an der Fassade.

Öffnungszeiten

Bis 5. Juli im Ernst-Bloch-Zentrum in Ludwigshafen (Walzmühlstraße 63). Geöffnet Dienstag und Mittwoch 14-17 Uhr, Donnerstag 14-20 Uhr.

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