Schließen x

Anmelden

»Registrieren     »Passwort vergessen

Donnerstag, 17. August 2017 Drucken

Rhein-Pfalz-Kreis

Die besondere Sprechstunde

Helfende Hände sind immer gut – besonders wenn sie mit einem Druck oder Akupunkturnadeln Schmerzen lindern können. Die Therapeutinnen Sabine Walbrodt, Claudia Kaub, Claudia Gösling und Gaby Magin behandeln einmal im Monat bedürftige Menschen – im Maxdorfer Rathaus.

Von Christine Kraus

Wenn Rathausräume zur Praxis werden: Die Patienten (von links) Aven, Khawla und Baby Ibu mit den drei Therapeutinnen Claudia Kaub, Claudia Gösling und Sabine Walbrodt.

Wenn Rathausräume zur Praxis werden: Die Patienten (von links) Aven, Khawla und Baby Ibu mit den drei Therapeutinnen Claudia Kaub, Claudia Gösling und Sabine Walbrodt. ( Foto: krx)

«Maxdorf.» Es ist Behandlungstag im Rathaus Maxdorf. Drei Männer warten geduldig vor dem Besprechungszimmer im Erdgeschoss, während Sabine Walbrodt, Claudia Kaub und Claudia Gösling drei Behandlungsliegen aufbauen, Stühle auf den Tisch stellen und mit Tüchern behängen. So schaffen sie ein bisschen Privatsphäre, bevor sie damit beginnen, Geflüchtete zu behandeln. Es wird ein langer Tag, die Mentoren des Netzwerks Hilfe haben viele Patienten angekündigt, aber die drei Frauen freuen sich, helfen zu können.

„Wenn ich mit der Ausbildung fertig bin, dann möchte ich Hilfe weitergeben“, das hatte sich Sabine Walbrodt, Heilpraktikerin aus Lambsheim, während ihrer fünfjährigen Osteopathie-Ausbildung fest vorgenommen. Dann kam die große Flüchtlingswelle 2015 und Walbrodt wollte sich um traumatisierte Kinder kümmern. Es kam anders. „Anfangs kamen fast nur junge Männer in die Verbandsgemeinde Maxdorf, und da stößt man als Frau und Osteopathin schnell an Grenzen, denn die Behandlung erfordert ja, dass ich Patienten auch anfasse“, erzählt sie. Es sei schon allein wegen der Sprachbarriere problematisch gewesen, zu erklären, dass sich ein Patient beispielsweise auf die Hände der Therapeutin setzen soll.

Ihre Freundin Claudia Kaub aus Neuhofen, Heilpraktikerin mit den Schwerpunkten Homöopathie und Akupunktur, hatte die Idee, die Patienten mit Ohr-Akupunktur zu behandeln, weil hierbei für die Diagnose und Behandlung nur wenig Körperkontakt nötig ist und stieg in das Hilfsprojekt gleich mit ein. Später kamen noch Claudia Gösling, Heilpraktikerin mit Schwerpunkt Osteopathie und die Physiotherapeutin Gaby Magin dazu. Einmal im Monat behandeln die Frauen bedürftige Menschen für einen symbolischen Betrag. Meist sind es Geflüchtete, aber selbstverständlich seien auch Deutsche herzlich willkommen. Die Bilderwörterbücher Arabisch und ein Bilderbuch mit typischen Situationen beim Arzt, die am Anfang hilfreich waren, liegen zwar noch bereit, aber die Verständigung klappt inzwischen auch ganz gut ohne.

Die ersten Patienten kommen ins Zimmer – ein junger Architekt aus dem Iran mit Schulterschmerzen, ein junger Syrer, dem das Knie weh tut und ein etwas älterer Migränepatient aus Syrien. Es wird ganz still im Behandlungsraum. Die Therapeutinnen unterhalten sich höchstens leise mit ihren Patienten, fragen gezielt nach, behandeln osteopathisch, setzen Akupunkturnadeln oder kleben Tapes auf.

Die Männer sprechen inzwischen recht gut deutsch, sagen wo und in welchen Situationen es besonders schmerzt. Am Anfang sei das ganz anders gewesen. Die jungen Männer seien von der Flucht so traumatisiert gewesen, dass sie Schmerzen kaum wahrgenommen hätten, obwohl sie sich unterwegs Verletzungen zugezogen hatten oder misshandelt worden waren. „Anfangs standen Einschlaf- und Durchschlafprobleme im Vordergrund. Die Männer konnten vor lauter Angst nicht schlafen“, erzählt Claudia Kaub. Ziel der Therapeutinnen war es damals, die Geflüchteten zu beruhigen.

Claudia Kaub und Sabine Walbrodt müssen lächeln, als sie zurückdenken. „Oft sind uns unsere Patienten auf der Liege eingeschlafen, weil sie endlich einmal entspannen konnten“, erzählen sie. Inzwischen haben die Männer ihre Familien nachgeholt und Frauen und Kinder kommen ebenfalls an den Sprechtagen. Allerdings werden Männer und Frauen immer getrennt behandelt.

So kommen nun nach den Männern die Frauen ins Zimmer. Die Therapeutinnen freuen sich riesig, als sie Khawla aus Syrien mit ihrem jüngsten Sohn Ibu sehen. Die Frauen liegen sich in den Armen, der Kleine strahlt, wie immer. Eigentlich geht es Khawla und Ibu gut, aber die Familie hat eine lange traurige Geschichte. „Sie haben Schreckliches in Syrien erlebt“, erzählt Sabine Walbrodt. Die Geschichte geht auch den Therapeutinnen unter die Haut. Sie haben die Familie von Anfang an begleitet und freuen sich, dass bei ihr langsam Normalität einkehrt.

Mittlerweile haben schwangere Frauen und Mütter mit kleinen Kindern im Behandlungszimmer Platz genommen. Nun schaut auch Susanne Dengler vorbei. Sie leitet zusammen mit Sabine Walbrodt das Team Gesundheit des Netzwerks Hilfe. Dengler organisiert auch „MiMi“-Vorträge zu medizinischen Themen. MiMi heißt „Mit Migranten für Migranten“ und wird vom Ethno-Medizinischen Zentrum angeboten. In der letzten Zeit habe es Veranstaltungen zum Thema Kinderpflege und Ernährung sowie Schwangerschaft und Familienplanung gegeben.

Interessant sei dabei auch, wie sich Geflüchtete bei solchen Veranstaltungen kennenlernen und Kontakte knüpfen. Das ist ein großes Ziel des Netzwerks Hilfe: Menschen zusammenbringen, vernetzen. Und das geht nur, wenn auch die Helfer gut miteinander vernetzt sind und die Zusammenarbeit mit der Verwaltung funktioniert, sagt Rainer Bahnemann, der Vorsitzende des Netzwerks. Das wiederum klappe wunderbar. Paul Poje (CDU), neuer Bürgermeister der Verbandsgemeinde Maxdorf, betont: „Gesundheit ist ein essenzielles Thema. Das was die Therapeutinnen leisten, ist unbezahlbar.“ Es sei selbstverständlich, dass die Verbandsgemeinde die Räume dafür zur Verfügung stellt. Und eine Kanne Kaffee steht auch immer für die Therapeutinnen bereit, die zwischendurch einmal eine kleine Verschnaufpause brauchen, bevor die nächsten Patienten ins Zimmer kommen.

Ludwigshafen-Ticker