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Samstag, 12. Januar 2019 Drucken

Ludwigshafen: Lokalsport

Der heimliche Star

Handball: Jerôme Müller ist die Entdeckung der Hinrunde bei Bundesligist Eulen Ludwigshafen. Der 22 Jahre alte Rückraumspieler gehört zu den Top-Ten-Feldtorschützen in der Liga. Dabei kam er vor der Saison von Zweitliga-Absteiger HG Saarlouis. Was für ein Typ ist der Saarländer?

Von Marek Nepomucký

Jerôme Müller hat seine Vereine genau ausgesucht. Seine Karriereplanung ist kein Zufall.

Jerôme Müller hat seine Vereine genau ausgesucht. Seine Karriereplanung ist kein Zufall. ( Foto: KUNZ)

Jerôme Müller denkt über seine Spielzüge und Spielweise viel nach.

Jerôme Müller denkt über seine Spielzüge und Spielweise viel nach. ( Foto: KUNZ)

eine Zurückhaltung ist keine Unterwürfigkeit. Jerôme Müller ist ein bedachter, ein bodenständiger Mensch. Der 22 Jahre alte gebürtige Saarländer ist kein Typ, der nach Toren eine Jubelshow abzieht. Müller macht sich vielmehr sehr viele Gedanken über Handball oder über seine Aktionen in einem Bundesliga-Spiel. Doch dem Studenten der Mathematik- und Bildungswissenschaften an der Universität Heidelberg fehlt es nicht an Selbstbewusstsein. Das aber zeigt er da, wo es gebraucht wird: auf dem Platz.

Jerôme Müller ist die Entdeckung der Hinrunde bei den Eulen Ludwigshafen. Er kam vor der Saison von Zweitliga-Absteiger HG Saarlouis. Müller hat 72 Tore in 19 Bundesliga-Partien erzielt, alle aus dem Spiel heraus. Damit steht in der Bundesliga-Rangliste auf Platz 23. Bei den Feldtorschützen hat es der ehemalige Jugend- und Junioren-Nationalspieler sogar auf Platz neun geschafft – noch vor Stars wie Andy Schmid (Rhein-Neckar-Löwen), Rasmus Lauge oder Holger Glandorf (beide SG Flensburg-Handewitt).

Herr Müller, es war Ihre erste Bundesliga-Vorrunde. Sind Sie überrascht, wie gut es lief?

Leider muss man sagen, dass es mit vier Punkten nicht so gut lief. Wir hatten schon mit ein paar mehr Siegen gerechnet, gerade gegen den einen oder anderen direkten Konkurrenten wollten wir gewinnen. Ich persönlich bin überrascht, dass ich so ein bissl mitspielen kann in der Bundesliga. Ich bin da sehr zufrieden.

 

Bissl mitspielen? Sie sind mit 72 Feldtoren in der Bundesliga-Statistik auf Platz neun, der beste Eulen-Werfer.

Ich habe wegen der vielen Verletzungen viel Spielzeit bekommen. Dann wurde ich von meinen Mitspielern immer gut in Position gebracht und konnte deshalb so viele Tore erzielen.

 

Die Bundesliga ist eine sehr starke Liga. Sie haben sich sehr schnell zurechtgefunden. Waren Sie selbst überrascht, wie schnell Sie sich akklimatisiert haben?

Ja, in der Tat. Das lag eben auch daran, dass ich viele Spielanteile hatte und den einen oder anderen Fehler mehr machen durfte.

 

Ist es wichtig zu wissen, dass man Fehler machen darf? Dass man vom Trainer das Vertrauen bekommt?

Das tut jedem Spieler gut. Da hat man einen freieren Kopf.

 

eróme Müller hat zweifelsohne vom Verletzungspech bei den Eulen profitiert. Er spielte fast immer. Alles sieht so leicht aus bei ihm. Seine Spielweise wirkt so unbekümmert, so unbeschwert. „Jerôme ist ein sehr lernwilliger Spieler. Er saugt alles auf. Er hat ein sehr gutes Entscheidungsverhalten“, sagt Trainer Ben Matschke. Diese Eigenschaften lernt Müller früh. Er wechselt mit zwölf Jahren zum SV 64 Zweibrücken. „In Stefan Bullacher gab es dort einen sehr guten Trainer, der Talente formte“, sagt Müller. Unter Bullacher wird Müller zum Jugend-Nationalspieler. Er ist beim SV 64 einer von vier. Robin Egelhof, Björn Zintel und Nils Wöschler sind die anderen. Mit 16 spielt Müller dann schon Dritte Liga. Eigentlich ist das erst mit 17 Jahren erlaubt, aber Nationalspieler dürfen mit einer Sondergenehmigung schon ein Jahr früher bei den Herren in der Dritten Liga auflaufen. Zusätzlich zum Mannschaftstraining in Zweibrücken wird Müller an der Sporthochschule in Saarbrücken von Dirk Mattes und Christian Schwarzer individuell gefördert. „Diese Kombination war ideal. Der Schritt nach Zweibrücken war ein Glücksfall. Ich habe dort den Großteil meiner Entscheidungsfähigkeit gelernt“, erzählt Müller.

Jerôme Müller stammt aus einer Handballerfamilie. Vater Jürgen, Mutter Judith und Schwester Joline spielen alle Handball. Mutter Judith wird einmal Oberliga-Torschützenkönigin. Sie spielte damals bei St. Wendel. Schwester Joline trug sogar das Trikot des Bundesligisten MJC Trier. Mit Handball kommt Jerôme Müller also früh in Berührung.

 

Sie sagten einmal, dass es für einen A-Jugendlichen wichtig ist, in der Dritten Liga zu spielen, weil er da früh Verantwortung übernehmen muss. Prägt so etwas in der späteren Laufbahn?

Schon. Mir hat es jedenfalls sehr gut getan, in jungem Alter in Zweibrücken schon aktiv auf Drittliga-Niveau zu spielen und als ich dann 18 war nach Saarlouis in die Zweite Liga zu gehen. Ich habe so früh den Abstiegskampf kennengelernt. Da lernt man in den wichtigen Spielen, wie entscheidend einzelne Situationen sind. Das war einem in den Jugendspielen nicht immer so bewusst.

 

Sie haben nun bei den Eulen früh Verantwortung übernommen ...

Nein, das würde ich nicht so sehen. Es waren die erfahrenen Spieler, die Verantwortung übernommen haben.

 

Aber Sie haben in Stuttgart sechs Tore erzielt, gegen Hannover fünf. In anderen Spielen haben Sie auch wichtige Tore geworfen. Also haben Sie doch Verantwortung übernommen.

Das stimmt. Man wird ja gezwungenermaßen in die Verantwortung gezogen, weil die Last auf wenigen Schultern verteilt war.

 

Sie kamen aus Saarlouis. In der Zweiten Liga ist vieles etwas beschaulicher. In der Bundesliga aber ist das Medieninteresse mittlerweile groß, die Lautstärke in den Hallen manchmal extrem. Wie lange hat es gedauert, bis Sie sich daran gewöhnt hatten?

Das wurde mir alles sehr leicht gemacht. Denn bei den Eulen wird einem sehr viel abgenommen und man kann seinen Fokus auf die Spiele legen. Ich empfand es auch als sehr wichtig, dass von Vereins- oder Trainerseite nur wenig bis keinen Druck auf uns ausgeübt wurde.

 

Warum sind Sie überhaupt zu den Eulen? Sie hatten andere gute Angebote.

Das Gesamtpaket hat gestimmt. Der Trainer arbeitet mit jungen Leuten gut zusammen. Die junge Truppe. Da habe ich viel Gutes gehört. Und auch die Nähe zur Heimat, was in meinem Alter ein Grund ist. Aber das hungrige Umfeld und die sportlichen Aspekte waren ausschlaggebend.

 

Sind die Eulen Ludwigshafen eine Zwischenstation, wenn Ihre Entwicklung so weitergeht?

Als Zwischenstation würde ich es nicht bezeichnen. Es ist ja ein Ziel des Vereins, junge Spieler weiterzubringen und sich irgendwann in der Bundesliga zu etablieren. David Schmidt ist ein gutes Beispiel. Er hat sich bei den Eulen toll entwickelt und spielt jetzt in Stuttgart eine gute Rolle. Der Verein kann stolz darauf sein, dass hier so gute Arbeit mit den jungen Spielern geleistet wird.

 

erôme Müller hat das Potenzial, ein ganz großer Handballer zu werden. Bei den Eulen ist er der heimliche Star. Bis 2020 geht die Laufzeit seines Vertrags. Ben Matschke kennt das Talent von Müller. Er kennt aber auch noch die Schwächen des 1,85 Meter langen und 89 Kilogramm schweren Rückraumspielers. „Wir arbeiten viel mental mit ihm. Er denkt viel über seine Situation nach“, sagt Matschke. Das passt zur Wesensart von Müller. Er lebt nicht blauäugig in den Tag hinein. „Wenn man Leistungssportler ist, hat man oft übertriebene Vorstellungen“, sagt sein früherer Jugendtrainer Stefan Bullacher, „aber Jerôme war schon immer sehr bedacht in seiner Entwicklung. Er war nachhaltiger.“ Als Jerôme Müller 17 Jahre alt ist, erzählt Bullacher, gehen die anderen Jugend-Nationalspieler des SV 64 Zweibrücken zur HSG Völklingen. Die spielt mit der A-Jugend in der Bundesliga. Müller bleibt in Zweibrücken und spielt lieber mit den Herren in der Dritten Liga. Auch sein Wechsel nach Saarlouis ist genau überlegt. „Jerôme hatte bessere Angebote, aber für seine Entwicklung war es der beste Schritt“, sagt Bullacher.

Aktuell sind die Eulen die beste Adresse für Jerôme Müller. Fragt sich nur, wie lange noch.

Ludwigshafen-Ticker