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Mittwoch, 16. Januar 2019 Drucken

Rhein-Pfalz-Kreis

Das Reh ist nicht die Frau vom Hirsch

Mal im Rampenlicht (1): Es ist scheu. Und es ist ein totaler Gourmet. Wegen dieser Eigenschaften wurde das Reh zum Wildtier des Jahres erkoren. Unter anderem. Ziel der Aktion ist es jedenfalls, das Tier bekannter zu machen, das sich ansonsten gut versteckt. Aber deutliche Spuren hinterlässt – angeknabberte Bäume. Das ist wiederum ein Problem. Und sorgt bei Förstern für Rehaktionen.

Von Britta Enzenauer

Ricke mit Kitz: Das Fell der Rehe ist im Sommer braun-rot bis rot und fahlgelb. Das Kitz hat zur Tarnung Punkte. Im Winter sind Rehe eher hell- bis dunkelgrau und jedes einzelne Haar ist dann hohl, was der besseren Isolierung dient, weil Luft eingeschlossen wird.

Ricke mit Kitz: Das Fell der Rehe ist im Sommer braun-rot bis rot und fahlgelb. Das Kitz hat zur Tarnung Punkte. Im Winter sind Rehe eher hell- bis dunkelgrau und jedes einzelne Haar ist dann hohl, was der besseren Isolierung dient, weil Luft eingeschlossen wird. ( Foto: Imago)

Ein Bock im Kornfeld: Nur die männlichen Tiere tragen ein Geweih. Im Regelfall ist jede Stange eines normal entwickelten, älteren Rehbocks etwa 15 bis 20 Zentimeter hoch und hat drei Enden.

Ein Bock im Kornfeld: Nur die männlichen Tiere tragen ein Geweih. Im Regelfall ist jede Stange eines normal entwickelten, älteren Rehbocks etwa 15 bis 20 Zentimeter hoch und hat drei Enden. ( Foto: Imago)

«Ludwigshafen.» Scheues Waldtier mit drei Buchstaben – das wird oft bei Kreuzworträtseln gesucht. Und ist schnell gefunden: Es ist das Reh. Wer es im Wald aufspüren will, braucht mehr als drei Buchstabenlängen. „Der braucht Geduld und Glück“, sagt Volker Westermann, Bildungsförster beim Forstamt Pfälzer Rheinauen. Das Reh hat beides nicht nötig, um einen Menschen ausfindig zu machen. „Wer sich im Wald beobachtet fühlt, kann davon ausgehen, dass es aus neugierigen Rehaugen geschieht.“ Dabei sind die Tiere gut versteckt. Rehe sind laut Westermann Meister der Tarnung. Gut so – sonst würde es vermutlich gar keine mehr geben. In den ersten Lebenswochen liegen Kitze fast bewegungslos, geruchsarm und durch die weißen Punkte im Fell optisch gut verborgen auf dem Wald- und Wiesenboden, während die Mutter durchs Unterholz streicht.

Was sich gern versteckt hält, lernt man nicht gut kennen? Könnte man meinen. „Die Intention der Deutschen Wildtier Stiftung ist es jedenfalls, das Reh vorzustellen, weil viele Leute einfach ganz wenig über das Tier wissen“, sagt Volker Westermann. „Viele denken, das Reh ist die Frau vom Hirsch. Das ist natürlich Unsinn.“ Mit unserem Bildungsförster streifen wir immer wieder durch den Wald. Tatsächlich haben wir dabei bislang nur einmal ein Reh vorbeispringen sehen. Aber die Spuren, die es hinterlässt, die hat uns Volker Westermann schon ganz häufig gezeigt.

Das Reh ist nicht nur scheu, es ist auch ein Feinschmecker. Acht bis zwölf Mal am Tag muss ein Reh fressen, um satt zu werden – weil es eben nicht alles mag. Rehe selektieren ihre Nahrung. Nicht einfach Gräser, sondern Kräuter, Blüten, Knospen und Triebe stehen auf der Speisekarte. Und das sieht man im Wald. Verbiss nennen es die Förster. Und manchmal nervt es sie, dass Rehe solche absoluten Gourmets sind. Dass sie wissen, welche Pflanzen genießbar sind und welche nicht und mal hier und mal dort knabbern. „Dass Rehe so wählerisch sind, kann zu schlimmen Schäden führen“, erklärt uns der Forstexperte und zeigt auf eine kleine Eiche.

Ein Baum, ein Reh, ein Busch. Ungefähr in dieser Reihenfolge nimmt das Unglück seinen Lauf. Etwa für eine Eiche. Aber auch Weißtannen und Winterlinden werden von den flinken Tieren angesteuert, wenn der Magen knurrt. Am liebsten beißen Rehe die oberste Knospe eines jungen Bäumchens ab. Bäume verkommen dadurch zu Büschen, anstatt in die Höhe zu wachsen. „Bei zu hohen Rehwildbeständen kommt es zu einer biologischen Verarmung. Weil sie ganz gezielt ihre Nahrung aussuchen, kann ein potenzieller Mischwald schnell zu einer Monokultur werden“, sagt Westermann. Die Förster rehagieren – um mal mit dem Wort zu spielen – knallhart. Abschusszahlen werden kurzerhand erhöht, der Rehbestand reduziert. In Deutschland werden Westermann zufolge rund eine Million Rehe im Jahr geschossen. „Und das ist gut so, fürs Gleichgewicht im Wald.“

Nicht gut ist, dass laut Wildtier Stiftung fast 200.000 Rehe jährlich dem Straßenverkehr zum Opfer fallen. Sie sterben mitunter erst nach einigen Tagen qualvoll an ihren Verletzungen.

Dabei ließe sich das Massensterben der Tiere auf Deutschlands Straßen minimieren, wenn Autofahrer das Warnschild für Wildwechsel beachten und bremsbereit fahren, heißt es seitens der Tierschützer. Westermann bringt noch unverantwortliche Hundehalter ins Spiel, die ihre Vierbeiner nicht unter Kontrolle haben. „Hunde jagen Rehe oftmals auf die Straße.“ Ein weiteres Tierschutzproblem sei die Verstümmelung von Rehkitzen unter den Messern landwirtschaftlicher Maschinen – auch im Gemüsegarten Rhein-Pfalz-Kreis.

Die Konflikte zwischen Reh und Mensch werden im Gespräch mit dem Förster deutlich. Ihnen soll mit der Kür zum Wildtier des Jahres begegnet werden. „Für ein besseres Zusammenleben und mehr Rehwissen“, sagt Westermann.

Zum Rehwissen gehört, dass Ricken ihre Kitze zwischen Ende April und Mitte Juni gebären. Sie legen sie nicht nur im Wald, sondern auch auf Wiesen und Feldern ab. Dort, wo Halme hoch genug stehen. Die Wildtier Stiftung möchte Landwirte darauf aufmerksam machen und hat eine Broschüre aufgelegt. Sie plädiert außerdem für spätere Mähtermine – dafür sollen Bauern eine Ausgleichszahlung erhalten.

Und zum Rehwissen gehört eben auch, dass das Reh nicht die Frau vom Hirsch ist. „Der Glaube ist weit verbreitet. Ausgerechnet der Rehbock wird für die Frau des Rothirschen gehalten – wegen des kleineren Gehörns“, erzählt Westermann. Nachzulesen ist, dass der Disney-Film Bambi dazu beigetragen haben soll, dass die beiden Wildtierarten immer wieder verwechselt werden. Denn Bambi wird als Rehkitz geboren – sein Vater aber ist ein Hirsch, seine Mutter eine Hirschkuh. Ein fataler Filmfehler.

Das Reh hat es allerdings gar nicht nötig, sich auf die große Kinoleinwand zu schleichen, schon gar nicht als Filmfehler. Es ist bereits ein Erfolgsmodell, behaupten zumindest Tierforscher. Sie sagen, das Reh ist sozusagen der VW-Käfer unter der Gattung der Hirschartigen. Denn während das Rotwild erst vor rund zehn Millionen Jahren entstanden sei, tauchte das Reh bereits vor etwa 25 Millionen Jahren auf. Das Reh wäre damit also der Prototyp und das Vorläufermodell des Hirschen. Ein Prototyp mit ziemlich langen Beinen – also im Verhältnis zum Körper – und Hinterläufen, die im Sprunggelenk stark eingeknickt sind. Ganz dazu ausgelegt, um flink davonzuspringen. In ein gutes Versteck. Denn das Tier mit den drei Buchstaben ist ja scheu und damit wären wir wieder am Anfang unserer Geschichte.

Das Reh in der RHEINPFALZ

Wir werden über das Reh in loser Folge weiter hier auf den Landkreisseiten berichten und verschiedene Aspekte des Wildtiers des Jahres unter die Lupe nehmen. Die Texte wollen wir mit Cartoons illustrieren, die der ehemalige Schifferstadter Revierförster Ernst-Christian Driedger gezeichnet hat.

Ludwigshafen-Ticker