Schließen x

Anmelden

»Registrieren     »Passwort vergessen

Zum Einzelverkauf der Ausgabe als PDF
Donnerstag, 11. Januar 2018

9°C

Dienstag, 19. Juli 2016 Drucken

Ludwigshafen

Carl-Wurster-Platz: Anwohner in Aufruhr

Von Steffen Gierescher

 

Ilyas Dogan mit der Unterschriftenliste vor seiner Shisha Lounge Bosporus am Carl-Wurster-Platz. (Foto: Kunz)

( Foto: KUNZ)

Polizeieinsatz vor wenigen Tagen am Carl-Wurster-Platz. (Foto: Dogan/frei)

Unkraut, und schrottreife Fahrräder: Blick über das Areal. (Foto: Kunz)

Es rumort gewaltig am Carl-Wurster-Platz in der Nördlichen Innenstadt: Anwohner haben rund 200 Unterschriften gesammelt, weil sie sich seit geraumer Zeit von einigen Unruhestiftern drangsaliert fühlen. „Das sind alles Junkies“, schimpft Ilyas Dogan. Der 30-Jährige betreibt vor Ort die Shisha Lounge Bosporus. Er und sein Anwalt fordern ein Alkoholverbot für das Areal.

Schmuddelig ist die Szenerie an dem von kleinen Geschäften und Cafés gesäumten Platz. Der Brunnen in der Mitte der gepflasterten Fläche direkt am Rathaus-Center sprudelt nicht mehr. Überall liegt Müll, schrottreife Fahrräder stehen herum, die meisten Pflanzen sind ungepflegt. Dennoch herrscht rege Betriebsamkeit. Täglich strömen 30.000 Leute durchs benachbarte Einkaufszentrum, darunter viele Menschen mit Migrationshintergrund. Manche legen an den Stufen am Rande des schattigen Fleckchens eine Pause ein. „Das war mal ein schöner Platz“, sagt Bashkim Hoxhaj. Die Betonung liegt auf „war“.

Der 42-Jährige lebt seit 1989 um die Ecke in der Jakob-Binder-Straße. In ihm hat sich viel Frust aufgestaut: „Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht die Polizei anrufe“, erzählt er in einer Runde von Beschwerdeführern vorm Bosporus. Hoxhaj gehört zu den rund 200 Anwohnern, die ein Protestschreiben formuliert haben. Wörtlich heißt es in dem Papier: „Wir Bewohner leiden seit einigen Jahren unter Trinkgelagen von Alkoholikern am Carl-Wurster-Platz. Weil andauernder Lärm, Alkoholexzesse, Pöbeleien, Müll und Exkremente ein unerträgliches Maß erreicht haben, haben wir beschlossen, etwas dagegen zu tun.“

Die Unterzeichner – darunter Unternehmer, Apotheker und Ärzte – fordern vor Ort ein Alkoholverbot und mehr Polizeipräsenz, um der etwa sechsköpfigen Gruppe von Unruhestiftern, die den Bewohnern des Viertels allabendlich die Laune verdirbt und ihnen nachts den Schlaf raubt, endlich klare Grenzen aufzuzeigen. „Die sind richtig provokativ“, klagt auch Calogero Comparato. Der 46-Jährige ist Stammgast im Bosporus.

„Eine stärkere Polizeipräsenz und ein Alkoholverbot – das würde das Problem schon minimieren“, meint Wolfgang Hoepner. Der 67-jährige Rechtsanwalt aus Ludwigshafen sitzt ebenfalls in den Korbsesseln der Lounge, die drinnen 130 und draußen etwa 20 Sitzplätze bietet. Ein Vorbild ist für ihn der Berliner Platz, wo der Stadtrat schon seit Jahren bis Oktober ein nächtliches Alkohol verhängt, das nun sogar auf den April und damit um einen Monat vorverlegt wurde. Laut Polizeistatistik wurde die Zahl der Delikte im öffentlichen Raum an dem Nahverkehrsknotenpunkt so deutlich reduziert: von 367 (2011) auf 163 (2015). 1966 Einsatzstunden hat die Polizei im Vorjahr dort geleistet und 200 Platzverweise ausgesprochen.

Ein ähnlich konsequentes Vorgehen wünscht sich Hoepner mit Blick auf „die unerträglichen Zustände“ für den Carl-Wurster-Platz. Bislang würden die Ordnungshüter eher halbherzig handeln. „Es entsteht der Eindruck, dass die Beamten der zuständigen Polizeidirektion resigniert haben und die Verhältnisse sich weitgehend selbst überlassen“, so Hoepner.

Tatenlosigkeit werfen er und sein Mandant Dogan den Politikern vor. Oberbürgermeisterin Eva Lohse (CDU) liege die Unterschriftenliste schon seit Monaten vor, reagiert habe sie bisher nicht. Ortsvorsteher Antonio Priolo (SPD) habe sich immerhin selbst ein Bild vor Ort gemacht. Spürbare Konsequenzen seien aber auch nach seinem Besuch ausgeblieben.

„Theoretisch“, sagt Hoepner, „wäre hier auch eine Videoüberwachung sinnvoll.“ Denn auch Passanten, die den Platz überqueren, insbesondere Frauen, würden angepöbelt und übel beleidigt. Menschen mit Migrationshintergrund müssten sich rassistische Beschimpfungen anhören.

Verschärft werde die Situation dadurch, dass offenbar sozial abgestürzte Mitbürger Wohnungen im Anwesen Carl-Wurster-Platz 2 erhalten hätten. Sie nutzten den Platz von nachmittags bis tief in die Nacht hinein, um Alkohol und Drogen zu konsumieren, schildert Hoepner. Im Haus setzten sie ihre Gelage fort und spielten dröhnend laut Musik ab. Gastwirt Dogan, der die Lounge seit zwei Jahren betreibt, ist aufgebracht. „Hätte ich gewusst, wie’s hier zugeht, dann hätte ich den Laden nie übernommen. Von Tag zu Tag verliere ich Kunden. Ich finde niemand mehr, der bei mir arbeiten will. Die Leute haben Angst.“

Der 30-Jährige berichtet von mehreren Polizeieinsätzen pro Woche. Die Unruhestifter dealten mit Drogen, bedrohten Gäste und würden Flaschen zertrümmern. Während der deutschen Spieleńbei der Fußball-EM seien einige von ihnen mit Hakenkreuzfahnen aufgetreten. Letztlich, bedauert der Türke, würde die Polizei zwar auftauchen, aber eben nicht durchgreifen. Dogan hat sogar selbst eine Anzeige wegen Körperverletzung am Hals („Obwohl ich nichts getan habe“), nachdem es am vorvergangenen Samstag – wie berichtet – am Carl-Wurster-Platz wieder einmal zu einer Schlägerei gekommen war.

„Vollstes Verständnis für die Sorgen der Anwohner“ zeigt Sozialdezernent Wolfgang van Vliet (SPD), der derzeit sowohl OB Lohse als auch den zuständigen Ordnungsdezernenten Dieter Feid (SPD) vertritt. Beide sind im Urlaub. Van Vliet spricht von einer schwierigen Gemengelage. Dass es vor Ort eine „Trinkergruppe“ gebe, sei ihm bekannt. Von den jetzt erhobenen massiven Vorwürfen der Anwohner höre er zum ersten Mal. „Ich nehme das sehr ernst“, sagt er. Feid will er nach dessen Ferien von den Vorgängen berichten. Van Vliet zufolge könnten verstärkte Kontrollen Abhilfe schaffen. Die Hürde für ein Alkoholverbot sei indes hoch: Ein solches müsste die Aufsichtsbehörde genehmigen und der Stadtrat beschließen.

Kein Kriminalitätsschwerpunkt ist der Carl-Wurster-Platz für die Polizei, wie eine Sprecherin erklärte. In den vergangenen zwölf Monaten seien dort nur einfachere Delikte wie Beleidigungen, Körperverletzungen oder Sachbeschädigungen registriert worden. Als Treffpunkt für Trinker und Obdachlose sei der Platz hinlänglich bekannt. „Das beeinträchtigt natürlich das subjektive Sicherheitsempfinden der Anwohner.“

 

 

 

Ludwigshafen-Ticker