Barbelroth / Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Wissing spricht über Zukunft der Demokratie: Die Freiheit, die er meint

Volker Wissing bei einer Signierstunde Anfang April in der Buchhandlung Knecht in Landau. Am Donnerstag spricht er im Alten Kauf
Volker Wissing bei einer Signierstunde Anfang April in der Buchhandlung Knecht in Landau. Am Donnerstag spricht er im Alten Kaufhaus über den Zustand unserer Demokratie – und deren Zukunft.

Ein Barbelrother in Berlin: Volker Wissing war hautnah beim Ampel-Aus dabei. In seinem Buch erklärt er seine Politikvorstellung. Der Kern: Zukunft geht nur zusammen.

Volker Wissing sitzt an diesem Abend in seinem Wohnzimmer in Barbelroth und ist sichtlich betroffen von der Geschichte, die sich auf einem Reiterhof in der Südpfalz abgespielt hat, wo auch seine Tochter aktiv ist. Ein Pferd hatte einen Aortenriss, ob es durchkommt, unklar. „Das ist schlimm“, sagt er. Das Beispiel zeigt vielleicht gut, wie dieser Mann tickt, der auf viele spröde wirken mag, aber umso emphatischer erscheint, je länger man mit ihm spricht.

Der Südpfälzer ist, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, in die bundesrepublikanische Geschichte eingegangen, weil er sich den Zerstörungsabsichten seines damaligen Parteichefs Christian Lindner widersetzte, Minister unter Kanzler Olaf Scholz blieb, seine langjährige Partei, die FDP, verließ. Wenn Wissing über Politik spricht, seine Vorstellungen formuliert, wie jetzt in seinem Buch „Verantwortung“, dann hat das nie den Charakter eines Tresengesprächs. Es geht immer um Grundsätzliches. „Was ist richtig?“ Das sei die entscheidende Frage, sagt der 55-Jährige.

Die Leidenschaft zur Sachlichkeit – auch bei Lanz

In den vergangenen Wochen ist viel geredet und geschrieben worden über das Buch von Wissing und damit auch noch mal über das unrühmliche Aus der Ampel. Und überhaupt darüber, was dieses Regierungsende mit diesem Land gemacht hat, in dem bei manchen die Frage aufkam, wie das hier alles weitergehen soll, wenn schon nicht mal mehr die Politiker der Mitte miteinander können.

Das treibt auch Wissing um, nicht nur in seinem Buch, auch neulich bei Lanz war das so, wo die deutsche Seele regelmäßig am späten Abend durchleuchtet wird. Dort saß der Südpfälzer, wie immer präzise im Ausdruck, niemals bullig, am Fall orientiert wie ein Biologe, der Politik mit einem Mikroskop betrachtet. An dieser Leidenschaft zur Sachlichkeit konnte auch Lanz nichts ändern, der immer näher rückte, körperlich und von den Fragen her, als es um das Verhältnis von Wissing und Lindner ging. Wissing blieb dabei, nichts aus internen Sitzungen zu berichten, er wolle über niemanden urteilen. Wie in seinem Buch nannte er den Namen Christian Lindner kein einziges Mal. Lieber sprach er über die Schönheit unseres Grundgesetzes, über den damit verbundenen Appell, den Kompromiss nicht verächtlich zu machen wie die Trumps dieser Welt, sondern ihn zu schätzen. „Ich halte den Brückenbau für die vornehmste Aufgabe der Politik“, sagte Wissing dem ZDF-Moderator.

300 Sachen auf der B9? Das ist kein Liberalismus

Dieser Satz bildet dann auch den Kammerton A für Wissings Verständnis von Freiheit, die eben nicht bedeutet, wenig Steuern zu zahlen und zwischen Germersheim und Wörth 300 Sachen auf der B9 zu fahren. Freiheit ist nicht denkbar, ohne die Freiheit des anderen im Blick zu haben. „Wer wenig Geld in der Tasche hat oder in der deutschen Sprache nicht sicher ist, kann sich nicht in dem Maß entwickeln, in dem es wünschenswert wäre. Weil dieser Zustand Freiheit begrenzt, ist es unsere gemeinschaftliche Aufgabe, ihn zu ändern und alle Chancen zu bieten. So schützt unser Staat nicht nur die Freiheit derjenigen, die darüber bereits in hohem Maß verfügen.“ Solche Sätze sind in Wissings Werk zu lesen, ziemlich ungewöhnlich für einen ehemaligen FDP-Mann. Der Südpfälzer hat vielleicht auch deshalb mit seinem Buch einen Nerv getroffen, es ist frisch in die „Spiegel“-Beststellerliste gerutscht.

Doch wer ist dieser Mann, der gerade so viel mediale Aufmerksamkeit bekommt? Wissings Vater stammte aus Niederhorbach, wo seine Mutter nach dem Krieg Weinbau betrieb, er wiederum arbeitete als Lehrer. Wissings Mutter war in einer Buchhandlung am Landauer Obertorplatz beschäftigt, wo Volker Wissing als Kind viel Zeit verbrachte. Er besuchte den Kindergarten in der Langstraße. Das Elternhaus war christlich geprägt, genauer calvinistisch. In dieser Auslegung des Protestantismus zählen Arbeit, Bildung, Schicksalsergebenheit. „Calvinisten glauben, dass die Zukunft vorbestimmt ist. Der Gläubige weiß nie, was Gott für ihn vorgesehen hat“, hat der Jurist, der in Landau wieder in seine Kanzlei einsteigen wird, neulich der RHEINPFALZ erzählt.

Scholz fragte Wissing: Bleibst du?

In seinem Buch hat Wissing auch den Abend beschrieben, als die Ampel auseinanderfiel. Es war der 6. November 2024. Scholz hatte den Koalitionsausschuss ins Kanzleramt einberufen. Die Tage zuvor hatte es immer lauteres Geraune über das mögliche Ende der Regierung gegeben. Nicht nur ein Wirtschaftspapier von Lindner hatte viele von SPD und Grünen aufgebracht. An jenem Abend ließ Scholz Lindner wissen, dass er ihn als Minister vor die Tür setzen wird. Dann wurden die FDP-Minister einzeln befragt, ob sie gehen oder bleiben möchten. Auch Wissing. Scholz und er besprachen sich vertraulich in einer Ecke des Raums, Scholz fragte, ob er als Minister bleibe. Wissing sagte: ja.

Neulich ist Jürgen Habermas gestorben, lange der Hausphilosoph der Deutschen. Dieser hat nach den Deformationen durch die Nazizeit die Vernunft gepredigt, die Kraft des Gesprächs auf Augenhöhe. Denn nur daraus könne Wahrheit erwachsen. Wissing nimmt diesen Gedanken immer wieder auf. Er sagt: Nur wer die Wahrheit schätzt, der kann in Freiheit leben. Es ist die Freiheit, die er meint.

Info

Bei einer Veranstaltung des Vereins Quartier zu neuen Ufern spricht Volker Wissing am Donnerstag, 23. April, 19 Uhr, im Alten Kaufhaus mit Politik-Professorin Manuela Glaab über die Zukunft unserer Demokratie. Einlass ist ab 18.30 Uhr. Karten gibt es im Vorverkauf für zehn Euro bei Bücher-Knecht in Landau oder an der Abendkasse.

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