Landau Taubsi und Hornliu am Rathaus
„Wo ist denn das Taubsi?“ – „Vorne an der Kreuzung.“ – „Jau, hab’s.“ Merkwürdige Dialoge sind neuerdings auf den Straßen zu hören. Der Hype um Pokémon Go hat weltweit Millionen Menschen erfasst – und auch in Landau ist das Pokémon-Fieber ausgebrochen. Taubsis sind Pokémon, virtuelle Figuren, die sich – nur durch die Pokémon-Go-App auf dem Smartphone sichtbar – überall befinden können. Es gibt viele unterschiedliche Arten, einige sind auch „Elementen“ wie Wasser, Stein oder Elektrizität zugeordnet. Der 21-jährige Chris spielt schon seit zwei Wochen Pokémon Go. „Mir hat jemand einen Link zum Herunterladen geschickt, kurz nachdem es in Amerika verfügbar war.“ In Deutschland wurde das Spiel am 13. Juli veröffentlicht, in den Vereinigten Staaten schon sieben Tage früher. Das Spiel, das nur auf Smartphones oder Tablets spielbar ist, nutzt die Technik „Augmented Reality“ (angereicherte Realität). Chris ist mit seinen Freunden Denis und Martin unterwegs, um zu spielen. Als Ausrüstung dient den drei Studenten neben ihren Smartphones nur die Sonnenbrille gegen das helle Licht an diesem warmen Sommertag. In der Zeitung wollen die drei nur mit Vornamen genannt werden. Denn ihre Eltern sollen nicht wissen, dass sie „in der Klausurphase nur zocken, statt zu lernen“. Dann geht die Jagd los – gemeinsam versteht sich. Das Spiel habe einen sozialen Aspekt, ist sich Chris sicher, man müsse sich zusammenschließen um etwas zu erreichen. Über das Spiel habe er bereits neue Bekanntschaften in Landau geschlossen. Am Obertorplatz treffen sie auf Daniel, einen weiteren Spieler, der zu ihrem Team „Blau“ gehört. Darüber hinaus gibt es noch die Teams „Gelb“ und „Rot“. Der Neuzugang schließt sich ihnen an, gemeinsam ziehen sie weiter durch die Stadt. Das Spiel hat aber nicht nur soziale Vorzüge. „Abends gehe ich jetzt eine halbe Stunde länger joggen, um Pokémon zu finden“, sagt Daniel. Wenn ein Pokémon in der Nähe ist, vibriert das Smartphone. Der Spieler kann dann versuchen, es einzufangen. Bei aktivierter Kamera wird das Pokémon in die umliegende Umgebung auf dem Smartphone integriert und erscheint dann als Animation auf der Ansicht durch die Kamera. So kann es passieren, dass auf dem heimischen Schreibtisch plötzlich ein wurmartiges Hornliu sitzt oder vor dem Landauer Rathaus ein vogelartiges Taubsi flattert. An vielen Orten in Landau gibt es Pokéspots, das sind Punkte, in denen mit höherer Wahrscheinlichkeit Pokémon auftauchen. Außerdem kann man sich dort „Items“ holen – nützliche Dinge, die man für das Spiel gebrauchen kann. Sie können Pokémon zum Beispiel wiederbeleben oder verstärken. Sichtbar sind sie, wie alles im Spiel, nur über den Bildschirm des Smartphones. „Pokéspots gibt es an Sehenswürdigkeiten oder an Orten, an denen viele Menschen mit Smartphones vorbeigehen“, erklärt Chris ihre räumliche Verteilung. So sei zum Beispiel einer am Obertorplatz, einer auf dem Rathausplatz und gleich mehrere an der Universität. Durch die Verknüpfung des Spiels mit Google stehen die Informationen von Google Maps, einem interaktiven Kartendienst, zur Verfügung. Das Spiel blendet die dort vorhandenen Einträge ein, liest aber auch alle Nutzerdaten aus. Der Spieler sieht so zum Beispiel direkt, dass der Reiter auf dem Rathausplatz, an dem sich ein Pokéspot befindet, eigentlich Luitpold-Denkmal heißt. So entdecken auch gebürtige Landauer durch das Spiel ihre Stadt neu. Auch weitere Geoinformationen fließen mit ein. „Am Schwanenweiher findet man eher Wasserpokémon. Ein Freund in Philippsburg berichtet, dass es dort viele Elektropokémon gibt“, informiert Chris. Gleichzeitig wissen aber sowohl Google als auch der Spielehersteller Nintendo sofort, wo man sich befindet, wohin man sich bewegt und mit wem man seine Zeit verbringt. Weitere Pokémon-Spieler laufen in der Theaterstraße vorbei, die Gruppen kommen ins Gespräch. Es werden Tipps, Erkenntnisse und Kontaktdaten ausgetauscht. Dann stellt einer der Spieler die verhängnisvolle Frage nach der Teamzugehörigkeit der anderen. Sie gehören zum gelben Team. Unter Lachen werden – der Form halber – Verwünschungen ausgesprochen, dann gehen die Jugendlichen getrennte Wege. „Die wollen bestimmt das Brennans zurückerobern, das wir gestern eingenommen haben“, vermutet Team „Blau“. Bei der Kneipe befindet sich nämlich eine Arena. Dort können die Spieler ihre gesammelten Pokémon trainieren oder in Kämpfe gegen andere Teams führen. Eine Arena ist ebenfalls nur virtuell vorhanden, sie zu erobern, bringt Erfahrungspunkte. Wenn sie im Besitz des eigenen Teams ist, kann der Spieler hier seine Pokémon trainieren und verbessern. Spieler des verteidigenden Teams können ihre Pokémon in die Arenen setzen, die es Angreifern erschweren, sie einzunehmen. Um die Arena nördlich des alten Messplatzes wird derzeit gekämpft: „Wir erobern gerade die Kreuzung vom gelben Team“, berichtet Chris. Außenstehende sehen vier junge Männer zwischen 21 und 24 Jahren an der Ecke stehen, die wild über ihre Smartphones wischen. „Die Arenen in der Uni sind schwer, da spielt fast jeder“, erläutert Chris. Es gebe einen Punkt, an dem sich zwei Arenen überschneiden, „vor der Unibibliothek, da hängen jetzt alle rum“. In Spielerkreisen hält sich das Gerücht, dass die Arena im Zoo von einem Angestellten verteidigt werde. „Ich spiele das vor allem, weil es mich an früher erinnert“, sagt der 21-Jährige. Er habe als Kind gerne Pokémon auf dem Gameboy gespielt, Pokémon Go lasse diese Zeit wieder aufleben. Für den restlichen Tag verfolgt er ein Ziel: „Ich will noch zwei Taubsis finden, dann kann ich einen Tauboss erschaffen.“