Landau
Stadtchef Geißler appelliert an die Landauer, Veränderungen zu akzeptieren
Es kann schon mal knirschen in Beziehungen, aber mit Freundschaften und Zusammenhalt lassen sich Missverständnisse und Krisen meistern und die Zukunft gestalten. Das war, sehr verkürzt, die Botschaft eines anrührenden Zwei-Personen-Stücks, das Die Kleine Bühne Landau zusammen mit dem Théâtre Alsacien de Haguenau beim Neujahrsempfang in der Festhalle aufgeführt hat. Es war auch die Kernbotschaft von Oberbürgermeister Dominik Geißler (CDU) zum Auftakt des Jubiläumsjahres 750 Jahre Stadtrechte in Landau. Das Stück zeigt, wie sich die im Zeltlager entstandene Freundschaft zwischen einer Landauerin und einem Hagenauer über sechs Jahrzehnte – so lange gibt es die Städtepartnerschaft schon – entwickelt, wie sie Missverständnisse und unterschiedliche Erwartungen aushält und gestärkt daraus hervorgeht.
Claude Sturni, der Bürgermeister Hagenaus, sagte, nach 60 Jahren feiere man die Diamantene Hochzeit, und Diamanten seien kostbar und unzerstörbar. Aus Landau an der Isar grüßte Bürgermeister Matthias Kohlmayer per Videobotschaft, weil er am selben Abend selbst Neujahrsempfang hatte, mit einem Dubbeglas, das mit einem Herzen für die Pfalz verziert war. Er versprach, im April zum bayerischen Bierfest, dem Beitrag seiner Stadt zum Jubiläumsjahr, in die Pfalz zu kommen.
Jammern auf hohem Niveau
Freundschaft sei die Rückversicherung in einer krisengeschüttelten Welt, sagte Geißler. Der Krisen gebe es wahrlich genug, angefangen beim grausamen, „elendiglichen Abnutzungskrieg“ in der Ukraine, in dem Deutschland nicht auskömmlich unterstütze, über einen drohenden Krieg um Taiwan, den Krieg in Nahost und den Antisemitismus, den Klimawandel und die bevorstehenden Wahlen in den USA, bei denen „hoffentlich nicht ein Demokratieverächter gewinnt“. Dagegen „jammern wir sehr oft auf hohem Niveau“, so Geißler.
Er bat die Landauer, nicht den Kopf in den Sand zu stecken, sondern gesellschaftliche Probleme gemeinsam anzupacken, so wie das im Fall der Flüchtlinge mit großer Solidarität in der Stadt bewerkstelligt werde. Um die Zukunft zu gestalten, müsse man allerdings auch Veränderungen und Einschränkungen des Gewohnten und der eigenen Bequemlichkeit hinnehmen. „Akzeptieren Sie Veränderungen“, bat er, beispielsweise bei Verkehrsberuhigung oder beim Parken. „Demokratie ist kein Gesangverein Harmonie“: Mit diesen Worten zitierte der Oberbürgermeister seinen Vater Heiner Geißler. Streit dürfe und müsse sein, um das Allgemeinwohl zu gestalten. Wer will, kann das als Appell an die grün-schwarze Koalition verstehen, die sich gerade über das Parken und Kleinigkeiten wie die Brötchentaste an Parkautomaten zu zerlegen droht.
„Bitte, bitte macht was“
Nachdem die Landauer Band Die Dicken Kinder, die nach dem Empfang ein After-Show-Konzert gaben, unter anderem Peter Gabriels Sledgehammer (Vorschlaghammer) druckvoll gespielt hatten, beteuerte der Oberbürgermeister, er wolle „gar keinen Stress machen“, sondern nur „Bewegung reinbringen“. Mit der von den Grünen und ihm vorangetriebenen, aber nicht unumstrittenen Zweckentfremdungssatzung – Geißler sprach von „Leerstandskiste“ – soll leerstehender Wohnraum der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden. „Bitte, bitte macht was“, rief er den vermögenden Eigentümern prominenter Leerstände in der Stadt unter Beifall zu und bat darum, auch an Flüchtlinge und Menschen mit Behinderung zu vermieten.
Viel Beifall gab es auch für Benjamin Sturm aus Wollmesheim, der das Logo für das Jubiläumsjahr entworfen hat – für Geißler ein Zeichen, was mit Bürgerbeteiligung alles zu erreichen ist. Er räumte allerdings ein, dass er es bei Beteiligungsprozessen nicht immer jedem recht machen könne. Wichtig sei, Entscheidungen gut zu kommunizieren. Er rief die Menschen auf, bei den Wahlen im Juni keine extremistischen, demokratie- und ausländerfeindlichen Parteien zu wählen, sondern für eine tolerante und respektvolle Gesellschaft einzutreten, die Minderheiten als gleichberechtigt annimmt – eine Aussage, die ihm den stärksten Beifall des Abends einbrachte.
Winzer schenken aus
Wie immer, war beim anschließenden Empfang im Foyer der Festhalle kaum ein Durchkommen. Winzer aus allen acht Stadtteilen schenkten ihre Weine aus. Für Bierfans standen die Freunde aus dem bayrischen Landau parat. Fulminanter Abschluss für alle, denen die Lautstärke im großen Saal nichts ausmachte, war die Party der Dicken Kinder, die am Samstag wieder einmal mit ihrer Professionalität überzeugt haben.
Info
Der Offene Kanal Weinstraße hat den Empfang gefilmt – nachzuschauen auf dem YouTube-Kanal www.youtube.com/@okweinstrasse und auf der Facebook-Seite www.facebook.de/okweinstrasse.
