Südpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Rentiert sich der Abhol- und Lieferservice für die Gastronomen in der Lockdown-Zeit?

Alexa versorgt Konstantin mit Kirchererbsen-Eintopf zum Mitnehmen. Der Rest des Thekenbereichs ist mit einer großen Plexiglassch
Alexa versorgt Konstantin mit Kirchererbsen-Eintopf zum Mitnehmen. Der Rest des Thekenbereichs ist mit einer großen Plexiglasscheibe abgeschirmt.

Lockdown-Zeit ist To-go-Zeit. Viele Südpfälzer Gastronomen, die wegen Corona ihre Schotten dicht machen mussten, bieten wieder Abhol- und Lieferservice an. Aber ist das überhaupt rentabel? Oder nur ein Zeichen, um zu sagen: Wir sind noch da.

Es ist ein Kommen und Gehen wie im Taubenschlag. Zwischen 50 und 100 Kunden kommen pro Mittagspause im hippen Landauer Restaurant Suppe mag Brot vorbei. Schlange stehen ist draußen angesagt, natürlich mit Abstand und Maske. Aber es geht zügig voran. Man merkt gleich: Der Außer-Haus-Service ist durchorganisiert, die Abläufe sind eingespielt. Die meisten Kunden haben schon online vorbestellt. Um die 30 Stullen mit Aufstrichen haben die Mitarbeiter bereits hinter einer riesigen Plexiglaswand verpackt. Jetzt warten die Butterbrotpapier-Päckchen auf ihre Abholer. Wer für eine bestimmte Uhrzeit bestellt, kann sein Lunchpaket sogar schon fix und fertig in einer Papiertüte gerichtet von einem extra Tisch mitnehmen. Denn die Suppe kommt natürlich erst ganz zum Schluss ins To-go-Töpfchen, damit sie noch warm in den Gaumen wandern kann.

Der Umsatz sei zwar nicht vergleichbar mit dem normalen Geschäft – allein schon weil Gastronomen viel vom Getränkeverkauf lebten, der nun weitgehend weggebrochen sei –, „aber wir kommen finanziell so weit hin“, sagt Inhaber Jörn Weisenberger, der sich zwischendurch immer wieder die Hände desinfiziert. Für ihn sei immer klar gewesen, auch während der Lockdown-Phasen den Laden offen zu halten – nun eben mit Abhol- und Lieferservice. „Wir haben eine Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeitern“, sagt er. Zudem seien die vielen Stammkunden und Firmenkunden froh, nicht auf ihren Mittags- oder Abendsnack verzichten zu müssen. So geht es auch Jörg Quicker, der sich hier häufiger mit Suppe und Brot eindeckt. Natürlich, weil’s schmeckt, aber auch „weil ich denke, dass man die Menschen, die davon leben, unterstützen muss“, wie der Landauer sagt.

Abholservice trotz Corona-Hilfe erlaubt?

Aber lohnt sich der ganze Außer-Haus-Aufwand überhaupt für die Gastronomen? Und braucht es diesen? Schließlich winken den Gastronomen 75 Prozent Umsatzausgleich. Nachdem aus Berlin die Order für einen weiteren Gastronomie-Lockdown im November kam, will man der Branche mit einer umfänglicheren Wirtschaftshilfe als beim Shutdown im Frühjahr unter die Arme greifen. Ein Dreiviertel des November-Umsatzes des Vorjahres soll fließen. Extra ausgenommen ist das To-go-Geschäft, auf das sich viele Betriebe verlagert haben. Sprich: Die Gastronomen dürfen Außer-Haus-Service nicht beim Umsatz 2019 anrechnen. Dafür dürfen sie jetzt damit hinzuverdienen, ohne dass die Corona-Hilfe gekürzt wird.

Deswegen will man beim Stiftsgut Keysermühle in Klingenmünster auch erst einmal schauen, wie sich die Nachfrage entwickelt. „Wir haben jetzt keine Berge von Bestellungen“, macht Hotelleiterin Elke Sommer deutlich. Trotzdem habe das dazugehörige Restaurant Freiraum entschieden, jeden Mittwoch ein Mittagessen und am Wochenende ein Drei-Gänge-Menü für zu Hause anzubieten. „Das Menü hatten wir sowieso schon für die Adventszeit geplant, jetzt haben wir es eben vorverlegt“, berichtet sie. Zwölf Bestellungen seien am vergangenen Wochenende eingegangen. „Klar, die Kosten müssen sich für uns decken, aber wir wollen damit auch zeigen, dass wir den Kopf nicht in den Sand stecken“, macht sie die Beweggründe für das neue Angebot deutlich.

Problem: der viele Verpackungsmüll

Das gilt auch für die Burg Landeck, wo die Keysermühle Pächterin der Burgschänke ist. Dort gibt es jetzt immer samstag- und sonntagmittags die Gerichte to go. Aber die Nachfrage sei am ersten Wochenende eher verhalten gewesen, so Sommer. „Es gab zwar Andrang, aber das waren Leute, die die Burg besichtigen wollten und dann enttäuscht waren, dass sie es nicht dürfen“, berichtet sie. Es gelten nämlich strenge Vorschriften. Besucher können zwar Speisen zum Mitnehmen in der Burgschänke kaufen, aber sie müssen die Burg gleich wieder verlassen, dürfen sich nicht hinsetzen und noch nicht mal auf dem Parkplatz essen. Abstands- ud Maskenpflicht versteht sich von selbst. Und es gibt noch ein weiteres Problem, das dem Betrieb, der auf Nachhaltigkeit bedacht ist, zu schaffen macht: der viele Müll. „Mayo, Ketchup – hatten wir alles in großen Spendern auf der Burg. Jetzt brauchen wir für alles kleine Päckchen. Das ist eine Katastrophe.“ Beim Restaurant konnte man glücklicherweise Verpackungen besorgen, die kompostierbar sind, berichtet die Hotelleiterin.

Darauf greift man auch im Suppe mag Brot zurück. Nicht erst seit Corona. „Wir wollten den Müll schon immer so gering wie möglich halten“, erklärt Inhaber Weisenberger. Es gebe aber auch Kunden, die mit Tupperbehältnissen angerückt kommen. Dann füllen die Mitarbeiter die Suppe auf einen Teller, und der Gast füllt sie vom Teller in seine Dose. Klingt kompliziert, ist aus hygienischen Gründen aber nicht anders erlaubt. Melanie Martin hat zwar keine eigene Tupperbox mitgebracht, dafür einen wiederverwendbaren Kaffeebecher, mit dem sie sich jetzt ihren Cappuccino holen will. Und noch Suppe und Eintopf. Etwa einmal pro Woche sei sie zum Einkaufen in Landau, erzählt die Frau aus Schaidt. Sie kaufe Bio, und da seien die Möglichkeiten auf dem Dorf begrenzt. Jedes Mal, wenn sie in Landau ist, schaue sie auch gerne im Suppe mag Brot vorbei. „Weil ich keine Lust zum Kochen habe“, verrät sie und freut sich, dass sie hier weiterhin einen Anlaufpunkt hat.

Was sind die Gründe gegen Außer-Haus-Service?

Ganz frisch im Außer-Haus-Business ist Piccolo Italia. Zwar hat der Landauer Italiener auch schon über den Sommer einen Abhol- und Lieferservice angeboten, aber eher im kleineren Maßstab. Jetzt, angesichts des erneuten Lockdowns, hieß es erst einmal Umorganisieren. „Wir brauchen schließlich Autos und Fahrer. Die Kunden wollen ja nicht drei Stunden warten“, sagt Geschäftsführer Giuseppe Baorda. Seit Dienstag können die Gäste wieder Pizza, Pasta und Co. bestellen. Finanzielle Aspekte stünden aber nicht hinter dem Angebot, macht Baorda deutlich: „Es rentiert sich definitiv nicht. Wir machen das, damit uns unsere Kundschaft treu bleibt und damit wir unsere Mitarbeiter weiter angestellt lassen können.“

Einer der sich hingegen bewusst gegen einen To-go-Service entschieden hat, ist Helmut Bamesberger. In einem 900-Seelen-Dorf wie Hainfeld sei es nun mal nicht so umtriebig wie in der Stadt oder einem Großdorf, sagt der Inhaber des Restaurants Am Dorfbrunnen. „Da wäre so ein Angebot nicht rentabel.“ Aber sein Verzicht hat noch einen anderen Grund: Er möchte nicht, dass die Qualität seiner Speisen leidet. „Wenn jemand ein Rumpsteak erst noch mit nach Hause nimmt, dann ist es einfach nicht mehr so gut, wie wenn es frisch aus der Küche kommt.“ Die Schließungszeit nutzt er, um die Räume zu renovieren. „Wenn wir dann wieder öffnen dürfen, soll alles auf dem neuesten Stand sein“, sagt er. Die Arbeiten übernimmt die Familie selbst. Gerade ist es ruhig im Haus, seine 15 Mitarbeiter musste Bamesberger in Kurzarbeit schicken. Er hofft jetzt darauf, dass die versprochene Corona-Hilfe schnell fließt. Dann werde sein Betrieb die Zeit verkraften können, aber es sei schon alles schwierig. „Es wird Kollegen geben, die auf der Strecke bleiben“, ist ihm klar. So eine Krise wie jetzt habe es bisher nicht gegeben. „Man weiß nicht, was richtig oder falsch ist. Ich hoffe einfach, dass es bald wieder bergauf geht.“

Zweifel, ob Umsatzausgleich wirklich kommt

Das hofft auch das Hubertushof-Team aus Ilbesheim, das passend zur Saison Martinsgänse und Entenbraten für den heimischen Esstisch anbietet. „Damit haben wir einen Nerv getroffen, die Nachfrage ist groß“, berichtet Koch Jochen Sitter. Wie viele Braten genau das Restaurant verlassen, will er nicht verraten, aber es sind so viele, dass Herd und Öfen dauerhaft belegt seien und nichts anderes angeboten werde. „Aber eine Dauerlösung ist das nicht“, ist ihm bewusst, „nach ein paar Wochen ist der Drops gelutscht“. Dann muss sich das Restaurant etwas Neues einfallen lassen, um die Kunden bei der Stange zu halten. Denn Sitter geht nicht davon aus, dass die Gastronomie im Dezember wieder öffnen kann. Beim ersten Lockdown im Frühjahr sei er – wie viele seiner Kollegen auch – fast leer ausgegangen. Deswegen glaubt er an die von der Regierung versprochenen 75 Prozent Umsatzausgleich, „erst, wenn das Geld auf dem Konto ist“.

Das Landauer Bistro Suppe mag Brot hat auf Abhol- und Lieferservice umgestellt.
Das Landauer Bistro Suppe mag Brot hat auf Abhol- und Lieferservice umgestellt.
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