Herxheim
Leere Regale in Supermärkten – Wann kommt das Öl?
Freitagmorgen bei Aldi in Herxheim. Nicole Baumann aus Erlenbach braucht Öl. Ihres zu Hause „wird knapp“, sagt sie. Bei Aldi wird sie nicht fündig, sämtliche Speiseöle sind weg. Tags zuvor sei sie in Landau im neugeöffneten Kaufland-Markt gewesen. „Auch dort gab es kein Sonnenblumenöl und kein Rapsöl“, berichtet Baumann.
In dieser Hamsterwelle scheinen Speiseöl und Mehl die begehrten Artikel zu sein, sagt der Aldi-Verkaufsleiter. „Klopapier ist dieses Mal normal.“ Auch die Konservenvorräte sind gut gefüllt. „Mehl kam heute Morgen eine Palette.“ Der Stapel ist allerdings schon sichtlich geschrumpft. „Beim Rest ist ungewiss, wann wieder etwas kommt.“ Eine Aldi-Sprecherin meint dazu: „Wir sehen momentan eine stärkere Nachfrage bei einigen Warengruppen und so kann es sein, dass einzelne Artikel kurzzeitig vergriffen sind. Wir bitten um Verständnis, dass wir über die bereits gemachten Angaben keine weiteren Informationen aktuell zur Verfügung stellen.“
Ausweiskontrolle bei Öl-Kauf
„Was macht man mit 15 Flaschen Öl, die nur gut ein Jahr haltbar sind?“, fragt sich Sandra Vock, stellvertretende Marktleiterin im Herxheimer Netto. Inzwischen sei die Vorgabe der Zentrale gekommen, pro Haushalt nur noch eine Flasche Öl, ein Pack Mehl und zwei Pack Nudeln verkaufen zu dürfen. Das Lager habe ihr mitgeteilt, dass es voraussichtlich Wochen dauere, bis wieder Öl lieferbar sei. An der Kasse sitzt Lucas Ivancic. „Es gibt viele Diskussionen. Die Kunden sind entsetzt und fassungslos“, berichtet er. Manche hätten so getan, als ob sie nicht zusammen lebten. Am Ende habe er die Ausweise kontrolliert – Resultat: Ein Pärchen musste eine zweite Flasche Öl wieder hergeben.
„Die Versorgung mit Lebensmitteln ist in Deutschland derzeit nicht gefährdet“, sagt Stefanie Sabet, Geschäftsführerin der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie. Es gebe keinen Grund, aus Angst Hamsterkäufe zu tätigen. Und: Hamstern sei schädlich. Die Lieferketten würden belastet. Und: „Der Anblick leerer Regale führt zu noch mehr leeren Regalen.“ Die Ukraine sei für Deutschland vor allem ein wichtiges Lieferland für Rohstoffe der Lebensmittelproduktion. Laut Sabet belaufen sich die jährlichen Importe von Agrarrohstoffen auf 512 Millionen Euro und entfallen hauptsächlich auf Ölfrüchte- und -saaten (Sonnenblume, Lein, Soja), Hülsenfrüchte sowie Senfsaaten und Futtermittel. Auch verarbeitete Lebensmittel werden jährlich im Wert „von 284 Millionen Euro aus der Ukraine importiert, hier vor allem Öle und Fette, insbesondere Sonnenblumenöl, sowie Geflügelfleisch“.
„Komm, ich nehm eins für dich mit“
Im Penny in Herxheim fehlen Öl, Mehl und Nudeln. „Die Nudeln kommen alle nach“, sagt Marktleiterin Ina Schepp. Bei Konserven und Klopapier gibt es keine Lücken. Jedoch im Ölregal. Dort stehen einsam vier Literflaschen Marken-Ölivenöl zum Stückpreis von 5,99 Euro in den ansonsten leer gefegten Regalreihen. Die Marktleiterin schätzt, dass sich die Lage in ein bis zwei Wochen wieder beruhigt, „wenn jeder genug Öl zu Hause hat“. Auch hier gibt es Verkaufsbeschränkungen für Öl. Viele Kunden hätten dafür kein Verständnis. Die Leute probierten, mehrere Flaschen zu erhalten, „für die Nachbarn oder die kranke Mutter“, wie es heißt. Manchmal sage ein Kunde, der an der Kasse hintendran steht, „komm, ich nehme eines für dich mit“. Schepp sagt, die Preise von Öl und Mehl seien noch nicht gestiegen. Bleibt das so?
Verband: Es drohen keine Engpässe
Der Krieg könne im Einzelhandel preistreibend wirken, sagt Franziska Berg, Pressesprecherin des Handelsverbands Deutschland (HDE). „Die infolge des Krieges steigenden Energiepreise treffen Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette, von der Landwirtschaft über das produzierende Gewerbe bis hin zum Handel.“ Werden die höheren Kosten innerhalb der Lieferkette weitergegeben, erreichen sie auch die Verbraucher – die Preise würden steigen. Immerhin: Wegen des Krieges drohten keine Warenengpässe, da Produkte aus Russland hierzulande nur eine geringe Bedeutung hätten. Eine große Herausforderung für die Lieferketten bleibe nach wie vor die Pandemie. Logistische Prozesse seien von Corona-Maßnahmen geprägt, weil beispielsweise Häfen geschlossen würden.
Auch im Herxheimer dm fehlen am Freitagmorgen Öl und Mehl. Außerdem Windeln und Babykost der Hausmarke, was wohl auch mit der Spendenaktion in die Ukraine zusammenhängt. „Wir beobachten, dass die Nachfrage bei Windeln, Babynahrung sowie Hygieneartikeln und Toilettenpapier derzeit schwankt“, teilt die dm-Pressestelle in Karlsruhe mit. Es könne vorkommen, dass einzelne Produkte zeitweise nicht vorrätig sind.
Speditionen sagen Transporte ab
Samstag: Die Regalfächer bei hellen Mehlen und günstigen Speiseölen im Offenbacher Wasgau-Markt sind leer gefegt. Montag: Im Inland produziertes Thomy-Öl steht in den Regalreihen. „Seit rund 14 Tagen verzeichnen wir in unseren Märkten einen erhöhten Abverkauf haltbarer Lebensmittel; darunter auch Speiseöl und Konserven“, erklärt Wasgau-Marketingleiterin Isolde Woll. Die Versorgung sei jedoch weiterhin gesichert, wenn auch mit der Einschränkung, dass nicht immer gerade die bevorzugte Marke vorrätig sei und der Kunde auf Alternativen ausweichen müsse.
„Laut manchen Edeka-Märkten sind die Lieferketten bei Speiseöl durch den Ukraine-Krieg unterbrochen“, sagt Dirk Engelhardt, Vorstandssprecher des Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL). Auch wenn nur wenige deutsche Logistiker Waren in die oder aus der Ukraine transportierten, sei die Branche über die explodierenden Spritpreise indirekt unter Druck. „Es droht schlicht und ergreifend eine Insolvenzwelle im deutschen Transportlogistikgewerbe – dann wäre die Versorgung von Bevölkerung und Wirtschaft in Gefahr.“ Was der europäischen Wirtschaft ganz konkrete Probleme bereiten könne, sei der Fahrermangel. „2021 saßen in mindestens sieben Prozent der in Deutschland eingesetzten Lkw ukrainische Fahrer hinterm Steuer.“ Alleine in Deutschland fehlten 60.000 bis 80.000 Lkw-Fahrer. „Wir haben von osteuropäischen Speditionen gehört, dass dort erste Transporte verschoben oder abgesagt werden müssen. Inwieweit sich das auch auf die Versorgungssituation in Deutschland auswirken wird, lässt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht abschätzen.“ Doch es liegt nicht nur am Fernverkehr, dass es kaum Mehl und Öle gibt.
Auch Südpfälzer Produzenten haben Engpässe
Zurück nach Herxheim: Auch im Edeka sind die Regale leer. „Die Leute kaufen wie wild“, sagt der stellvertretende Marktleiter Anas Hamue. Maximal zwei Flaschen Öl und zwei Packungen Mehl sind hier pro Haushalt erlaubt. Selbst eine Südpfälzer Mühle habe die zweite Lieferung Mehl diese Woche nicht bringen können, berichtet Hamue. Nicht nur Mehl, auch Öl wird zum Teil bei uns in der Heimat hergestellt. Patrick Marz von der Agriluna-Ölmühle in Rheinzabern produziert jede Woche frisches Mehl und Speiseöl. „Wir haben die Abgabemenge reduziert und geben Öl und Mehl in haushaltsüblichen Mengen ab.“ Der Verkauf gehe ganz normal weiter, es seien genug Rohstoffe bis zur nächsten Ernte vorhanden.