Queichheim
Jugendwerk: Heimleiterin entschuldigt sich bei Opfern
Heilung beginnt oftmals damit, dass einer ins Licht tritt und vor aller Welt, vor allem mit Blick auf sein Gegenüber, dem er Leid zugefügt hat, sagt: Ich bitte um Entschuldigung. Keiner der heute Verantwortlichen im Jugendwerk St. Josef in Queichheim ist persönlich schuldig geworden. Doch für die schrecklichen Dinge, die einst hinter den Mauern der Einrichtung im schützenden Schatten der Heiligen Katholischen Kirche geschahen, gibt es eine moralische Verantwortung. Und viele sagen: Davon hat man bisher wenig gemerkt.
Doch nun hat sich offenbar etwas verändert. Erstmals hat sich die Einrichtung, nämlich Jugendwerk-Leiterin Gabriele Becker, in einem Gespräch mit der RHEINPFALZ am Donnerstag in Speyer bei jenen Menschen entschuldigt, die in Queichheim als Jugendliche Opfer meist sexualisierter Gewalt wurden. „Im Namen des Jugendwerks St. Josef bitten wir alle Betroffenen um Verzeihung. Um das, was geschehen ist. Dafür, dass es in unseren Strukturen möglich war. Viele haben zu lange geschwiegen und/oder weggeschaut. Es war Unrecht“, sagt Becker.
Gutachten: „Atmosphäre des Totschweigens“
Klare Worte. Doch für viele Menschen kommt die Entschuldigung sehr spät. Denn vor der Veröffentlichung des ersten Teils der Missbrauchsstudie Anfang Mai waren solche Botschaften aus Queichheim nicht zu vernehmen. Das haben auch die Forscher aufgeschrieben, die den jahrzehntelangen Missbrauch im Bistum untersucht haben. Auch wenn die Queichheimer Taten etwa in den 1950er- bis 1970er-Jahren zu verorten sind, werfen die Autoren der Studie dem Jugendwerk teils heftige Versäumnisse nicht nur bis in die mittleren 2010er-Jahre vor – sondern bis heute.
In dem Gutachten heißt es, im Jugendwerk „ist eine Atmosphäre des Totschweigens und Vertuschens des sexuellen Missbrauchs fast mit Händen greifbar, die sich zumindest teilweise auch noch bis heute durchzieht“. Gegenüber dem Bistum zeige man sich kooperativ, weniger aber gegenüber Betroffenen. Diese bekämen ihre eigenen Akten nur mit geschwärzten Anteilen zu sehen. Es gebe bis heute keine öffentliche Entschuldigung, „und das Heim hat sich auch noch nicht offiziell zur Übernahme der Verantwortung für das Missbrauchsgeschehen bekannt. Ebenso wenig ist auf der Website des Jugendwerks ein Hinweis auf den stattgefundenen Missbrauch zu finden, keine Erklärung, keine Stellungnahme, keine offene Erinnerungskultur“. Auch das sind klare Worte.
Heimleiterin: „Ich war nicht emphatisch genug“
„Natürlich haben uns diese Worte geschockt“, sagt Becker. Sie räumt eigene Versäumnisse im Umgang mit Opfern ein. Sie sei in den ersten Jahren in Queichheim emotional überfordert gewesen, wenn Betroffene auf sie zugekommen seien. „Ich war nicht emphatisch genug“, sagt Becker, die die Einrichtung seit 2009 führt. Sie habe erst mit der Zeit begreifen können, was geschehen sei, zuvor nicht wahrhaben wollen, welches dunkle Erbe sie mit der Leitung des Jugendwerks übernommen habe. „Für mich war das alles einfach unvorstellbar.“
Doch das habe sich mit der Zeit geändert, weil die Kontakte mit Betroffenen immer häufiger und intensiver geworden seien. Einige hätten die Einrichtung auch besucht, manche gemeinsam mit ihren Ehefrauen. „Einige wollten sehen, wie die Jugendlichen heute hier leben“, erzählt Becker. Mit Blick auf den Umgang mit Akten Betroffener sagt die Heimleiterin, es seien darin lediglich Namen Dritter geschwärzt worden, um deren Persönlichkeitsrechte zu schützen. Problematisch sei im Nachgang, dass der Einblick nur vor Ort gewährt worden sei.
„Da wurde zu sehr auf die Akten geschaut. Das war ein Fehlverhalten des Bistums und des Jugendwerks, weil viele Menschen durch die Taten zu traumatisiert sind, um nach Queichheim für die Einsicht in ihre Akten zurückkehren zu können“, sagt Generalvikar Markus Magin – in dieser Position die rechte Hand von Bischof Karl-Heinz Wiesemann –, der am Donnerstag beim Gespräch dabei ist. Magin betont, die Kritik der Forscher beziehe sich jedoch nicht auf die heutige pädagogische Arbeit der Einrichtung. Becker nickt. Dennoch seien viele Mitarbeiter betroffen. Sie wünschten sich Kontakt mit Opfern, um mit ihnen über das Geschehene zu sprechen.
Es sei festzuhalten, dass in dem Gutachten viel Wahres stehe, auf das das Jugendwerk reagieren wolle, betont die Heimleiterin. So soll die dunkle Geschichte der Einrichtung auch auf der Homepage dokumentiert werden. Zudem sei geplant, eine Erinnerungskultur, womöglich auch mit einer Erinnerungsstätte auf dem Jugendwerk-Gelände, gemeinsam mit Betroffenen und Mitarbeitern zu etablieren. „Wir wollen dem Raum geben“, so Becker.
Das Bistum hat lange weggeschaut
Damit Jugendliche in Queichheim nicht mehr Opfer von Gewalt werden, habe die Einrichtung Schutzkonzepte entwickelt. Das sei heutzutage völlig normal. Personal werde fortgebildet, die verschiedenen Wohngruppen hätten eigene Sprecher, die bei Problemen vorstellig werden könnten, zudem sei die Einrichtung gegenüber dem Jugendamt berichtspflichtig. „Die Studie stellt für uns noch mal eine Zäsur da. Deshalb prüfen wir auch die bischöflichen Aufsichtsrechte- und pflichten“, sagt Magin. Heißt: Das Bistum will erörtern, wo es künftig womöglich stärker hinschaut und gegebenenfalls auch eingreift.
Das Wegschauen war lange das Problem seitens des Bistums. Denn gegen den einstigen Leiter des Jugendwerks Alfons Henrich, der von 1969 bis 1988 in Queichheim das Sagen hatte, wurden bereits Ende der 1960er-Jahre öffentlich Vorwürfe erhoben. Die prallten jedoch an dem 2021 verstorbenen Kirchenmann ab, der inzwischen für viele das Gesicht des Queichheimer Grauens ist. Die Gutachter schreiben, der Ruf des Heims sei von Henrich so gut aufgebaut worden, „dass ein einfaches Abstreiten der Heimleitung ausreichte, um sich das Vertrauen von Bistumsleitung, Öffentlichkeit und Medien weiter zu sichern“. Henrichs Rolle soll im zweiten Teil der Missbrauchsstudie nun genauer untersucht werden.
Das Jugendwerk bekennt sich endlich zu dem, was den Jugendlichen in Queichheim angetan wurde. Für die Opfer ist das vielleicht ein erster Schritt ins Licht.