Landau „Hat Rudi Dutschke dich geschickt?“
In einer Zeit, in der in deutschen Universitätsstädten Studenten auf die Straße gingen, um gegen den Vietnam-Krieg, die atomare Aufrüstung und die fehlende Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit zu demonstrieren, entwickelte sich zwischen dem Landauer Karl Unold und einem französischen Internatsschüler eine tiefe Freundschaft, die auf ewig bestand hielt. Die Auswirkungen der Proteste und Unruhen damals, im Mai 1968, bekamen sie jedoch zu spüren.
Auf die Frage, ob er lieber in einer anderen Generation aufgewachsen wäre, schüttelt Unold den Kopf. „Nein, keineswegs.“ Er habe keine Kriege durchstehen, ebenso wenig Hunger oder Durst leiden müssen, wie die Generation seiner Eltern oder Großeltern. „Ich bin in einer historisch einmaligen Zeit aufgewachsen, in der es zwar Unruhen gab, die aber überwiegend von Wohlstand geprägt war.“ Geboren in Pirmasens und aufgewachsen in Petersbächel, einem Ortsteil von Fischbach bei Dahn, hat Karl Unold als Jugendlicher zunächst nur aus der Ferne mitbekommen, dass es in großen deutschen Universitätsstädten wie Berlin, München und Frankfurt brodelte. Dass Studenten aus Unzufriedenheit über die verkrusteten Strukturen an den Hochschulen und weltpolitischen Verhältnisse auf die Straße gingen und protestierten. Das revolutionäre Gedankengut habe seine Schwester ins Elternhaus gebracht. „Sie studierte damals in Landau und demonstrierte auch gegen den Vietnam-Krieg und den Schah-Besuch in Deutschland“, erzählt der heute 64-Jährige. Im Hause Unold führte dies jedoch unweigerlich zu Konflikten. „Unsere Eltern waren schließlich streng konservativ, mein Vater war Gründungsmitglied der CDU-Ortsgruppe, da stieß meine Schwester mit ihrer Meinung zur gesellschaftlichen Lage auf Widerstand.“ Wird Karl Unold zum Jahr 1968 befragt, kommt er als erstes auf seine Freundschaft zu Rémy zu sprechen. Zu seinem französischen Schulkameraden, den er eines Tages zu sich nach Hause einlud, damit er die Wochenenden nicht alleine im Internat verbringen musste. „Da meine Mutter Französisch sprechen konnte, war ich überzeugt, dass er sich bei uns wohlfühlen würde.“ Das tat er. Als Zeichen der Dankbarkeit wurde Unold in den Sommerferien vom Rémys Familie nach Paris eingeladen. Ein einprägendes Erlebnis für ihn. Nicht nur, weil zur damaligen Zeit der Aufenthalt in einer Weltmetropole wie Paris etwas Besonderes war. Sondern auch, weil er die Nachwirkungen der Studentenrevolte, den Drang nach Freiheit, zu spüren bekam, die es ebenso wie den Generalstreik Zehntausender Arbeiter im Mai 1968 in Frankreich gab. „Straßenpflaster waren aufgerissen, überall Absperrungen, kaputte Schaufenster, Polizeibeamte, die einen kontrollierten.“ Selbst ein junger Deutscher sei da suspekt gewesen. „Sie dachten, ich sei von Rudi Dutschke geschickt worden, um Krawall zu machen.“ Auch mit der deutsch-französischen Vergangenheit, die von zahlreichen Kriegen geprägt war, wurde Karl Unold als Jugendlicher konfrontiert. Rémys Vater konnte Deutsch, „die Sprache habe er während der Kriegsgefangenschaft gelernt, wie er mir erzählte“. Ein brisantes Thema, das noch aufgearbeitet werden musste. Die Freundschaft zwischen ihm und Rémy störte das jedoch keineswegs. Sie hielt. Bis zum Ende. Das war im Jahr 2013, als sein Freund verstarb. Karl Unold, der heute in Ruhestand ist, studierte Pädagogik an der Uni Landau, war anschließend 20 Jahre lang in der freien Wirtschaft tätig, im Bereich Personalentwicklung. „Das Jahr 1968“, sagt er, „hat dazu beigetragen, dass wir im Deutschland weltoffener geworden sind. Wir haben uns damals erstmals mit der Vergangenheit auseinandergesetzt, nachdem lange Zeit geschwiegen und alles unter den Teppich gekehrt wurde.“ Das habe sich auch in der sexuellen Revolution beziehungsweise der Enttabuisierung sexueller Themen geäußert. „Es gab natürlich auch einen kriminellen Nebeneffekt, die zur Bildung der RAF zehn Jahre später führte, das darf man nicht verschweigen.“ Doch alles in allem sei die Generation 68 für die gesellschaftliche Entwicklung von besonderer Bedeutung gewesen. Es war eine Zeit, in der sich auch neue Freundschaften entwickelten – wie die zwischen ihm und Rémy.