Böchingen RHEINPFALZ Plus Artikel Haingeraideplatz: Neuer Glanz für eine alte Stätte

Sieht unscheinbar aus, hat aber historische Bedeutung: Roland und Birgit Cornelius (links) hübschen den Geraidestuhl auf, Angeli
Sieht unscheinbar aus, hat aber historische Bedeutung: Roland und Birgit Cornelius (links) hübschen den Geraidestuhl auf, Angelika Smetana und Marco Volz sind bei der neuen Infotafel am Werk.

Ein RHEINPFALZ-Artikel hat beim Verein Leben im Dorf Böchingen für Nachforschungen und eine Verschönerungsaktion am Haingeraideplatz gesorgt. Das hat es damit auf sich.

Etwas gewurmt hat Birgit Cornelius ein Bericht, der am 2. Juni 2023 in der RHEINPFALZ erschien. Darin wurden die Gegebenheiten eines kleinen historischen Platzes zwischen Böchingen und Walsheim beschrieben – direkt an der Straße gelegen, zur Gemarkung Böchingen gehörend und mit einem wunderschönen Panoramablick in Richtung Wald. Als „lieblos“ wurde der Zustand damals betitelt. Warum? Nun, weil der Platz nur so vor Historie glüht, das aber auf den ersten Blick nicht so recht zu erkennen war.

Vieles hat sich seitdem getan. Der Verein Leben im Dorf Böchingen fühlte sich angesprochen und legte sich ordentlich ins Zeug. Zuerst wurde bei Historiker Rolf Übel gefragt, wie historisch dieser Platz eigentlich wirklich sei. Zurück kamen viele Informationen. Zum Beispiel, dass die unscheinbare Steinbank – sprich: der Geraidestuhl – eine wichtige Rednertribüne für das alljährliche Treffen der Genossen der ersten Mittelhaingeraiden war. Am Sonntag nach Martini gab es dort stets eine Versammlung.

Historiker räumt mit Legende auf

Die Haingeraiden waren Dorfgemeinschaften mit einem gemeinsamen Waldnutzungsrecht, hier: Böchingen, Burrweiler, Dernbach, Flemlingen, Ramberg und Walsheim. Gegründet wurden sie angeblich vom sagenhaften König Dagobert, um bezüglich der Waldnutzung Recht und Ordnung zwischen den Orten festzulegen. Wer nicht erschien, für den gab es Konsequenzen. Laut Übel stimmt diese Theorie jedoch nicht. Vielmehr seien die Haingeraiden als eine Art Genossenschaften schon im Hochmittelalter, also zwischen 1000 und 1250, gegründet worden. Zwischen Queich und Speyerbach habe es allein fünf davon gegeben.

Bei den Treffen am Sonntag nach Martini ist Übel zufolge unter anderem über das Beholzungsrecht und das Recht „zu fischen und zu krebsen“ debattiert. Außerdem seien die Verfehlung Einzelner angekreidet und bestraft worden. Zum Beispiel: Wenn ein Bauer dem anderen einfach das fertig gestapelte Holz wegklaut oder sein Vieh an eine Stelle getrieben hatte, die ihm nicht zustand.

Spenden eingeworben und losgelegt

Kurzum: Der Platz zwischen zwei Straßen war seinerzeit eine bedeutende Richterstelle. Wer das Wort hatte – meist waren das Zehntschultheißen, also Vorsteher von Gemeinden – stieg jeweils auf das Sandsteinbänkel und verlieh seiner Meinung Ausdruck. Laut Übel konnte es dabei auch schon mal zu heftigen Streitereien kommen. Erst 1820 seien die Haingeraiden aufgelöst worden und die Waldflächen an die Gemeinden verteilt. Das waren die Anfänge der heutigen Gemeindewälder. Grenzsteine, die an die Zeit des Genossenschaftswaldes erinnern, kann man dort aber auch heute noch finden.

Doch zurück zum Verein Leben im Dorf aus Böchingen: Der hat beim Landrat um Spenden für die Verschönerung des Platzes gebeten und von der Sparkassen-Stiftung 1500 Euro bekommen. Durch die Leader Förderung Rheinland-Pfalz gab es dann noch 2975 Euro dazu. So wurden Pflastersteinbänder rund um den Geraidestuhl und den nebenanstehenden Findling aus dem Böchinger Wald gelegt und Blumen und Sträucher gepflanzt. Außerdem wurden Tisch und Bänke verschönert und eine Liegebank angeschafft – Letztere finanziert durch eine private Spende des Ehepaar Wagner aus Böchingen.

Mittlerweile sieht der Haingeraideplatz einladend aus. Auch eine Tafel mit wichtigen Hinweisen zum Platz und dessen Historie wurde aufgestellt. Der am Platz vorbei führende Gemarkungsweg von etwa 6,8 Kilometern Länge führt zu weitere Sehenswürdigkeiten altem Schulhaus, Süwegalinde und Skulpturenweg. Ein Besuch am historischen Geraidestuhl lohnt sich jetzt also auf jeden Fall.

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