Klingenmünster
Das Rätsel der alten Steinstufen bei Klingmünster
Wer auf den Waldwegen bei der Burg Landeck oberhalb von Klingenmünster unterwegs ist, erwartet vor allem Ruhe, Wald und Natur. Doch einen kurzen Spaziergang entfernt, zwischen Marthaquelle und Klinikgelände, ist ein RHEINPFALZ-Leser auf etwas gestoßen: Auf einer Lichtung liegen mehrere Steinstufen ohne erkennbaren Grund. Sie wirken alt und sind von Moos überwuchert. Obwohl der Boden von Laub bedeckt ist, ist die Anlage noch gut zu sehen. Die Stufen wirken wie ein Fragment aus einer anderen Zeit. „Was hat es damit auf sich?“, fragt der Leser.
Ein Blick auf die Karte zeigt: Die Stufen müssten unweit der Marthaquelle liegen, die über den Quellenweg von der Burg Landeck aus erreichbar ist. Könnte es da einen Zusammenhang geben, vielleicht sogar mit dem nahe gelegenen Martinsturm? Die Region ist reich an Geschichte. Über Jahrhunderte hinweg spielten Wasser, Waldwirtschaft und später das Klinikgelände eine zentrale Rolle. Dass sich in diesem Umfeld alte Bauwerke und Relikte finden lassen, ist nicht ungewöhnlich.
Vor Ort zeigt sich jedoch, dass es von der Marthaquelle aus keinen direkten Weg zu den Stufen gibt. Stattdessen führt die Suche quer durch den Wald, vorbei an dichtem Unterholz und über schmale Pfade. Den einfachsten Zugang gibt es vom Klinikgelände aus. Ein Waldweg führt an Holzpoltern vorbei auf eine Lichtung. Nach einem letzten Stück liegen die Steinstufen vor einem: grün schimmernd, im Moos und teilweise im Boden versunken. Die Anlage verteilt sich auf zwei Ebenen. Dort könnte einst mehr gestanden haben. Doch was? Anfragen bei der Klinik und lokalen Stellen bringen zunächst keine Klarheit. Von einem Gebäude an dieser Stelle findet sich kein Eintrag, kein Plan, keine Notiz. Immer wieder taucht bei der Recherche jedoch das Thema Wasser auf.
Ortshistoriker hilft weiter
Die Stufen liegen eindeutig im Mühltal in einer Gegend, die früher eine wichtige Rolle für die Wasserversorgung spielte. Klaus Frey, Vorsitzender der Burg-Landeck-Stiftung, erklärt: „Aus dem Wassersammler im Tal kam früher die Wasserversorgung für die Klinik.“ Schon früh wurde dort Quellwasser gesammelt und über Leitungen weitergeleitet. Auch heute noch ist diese Infrastruktur teilweise in Betrieb.
Aus der Johannaquelle an der Zufahrtsstraße zur Burg Landeck fließt Wasser aus dem Mühltal. „Wir konnten alte Pläne ausfindig machen und den Wassersammler sowie die Rohrleitungen von drei Quellen wieder anschließen“, berichtet Frey über das Projekt vom Pfälzerwald-Verein Klingenmünster und dem Landeckverein. Von der Burg-Landeck-Stiftung gab es finanzielle Unterstützung. Nach der Verlegung einer rund 660 Meter langen Leitung im Jahr 2013 sprudelt heute wieder das Wasser aus der Quelle.
Dienten die Stufen vielleicht dazu, einen Höhenunterschied zu überwinden? Doch es müsste Hinweise geben, wenn dort einst ein Nebengebäude oder ein technisches Bauwerk gestanden hätte. In Unterlagen ist nichts dazu zu finden. Doch eine Info vom Klingenmünsterer Ortshistoriker Erich Laux hilft weiter: „Die Treppenstufen führten zu einer Jagdhütte von August Hoffmann, dem ehemaligen Ochsenwirt.“ Hoffmann, einst Wirt des Gasthauses Zum Ochsen, ließ sich im Wald eine private Jagdhütte errichten: als Rückzugsort, Treffpunkt und Ausgangspunkt für Ausflüge. Mit Klinik, Quellen und Martinsturm hatte sie nichts zu tun. Laux verweist auf die Urenkelin des Hüttenbesitzers.
Viele Gebäude zerstört
Sie und ihr Mann öffnen das Familienfotoalbum. Auf den Schwarz-Weiß-Aufnahmen ist die Hütte zu sehen: ein Holzbau mit breitem Dach, Veranda und vielen Holzelementen. „Zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Hütte vermutlich von durchziehenden Truppen niedergebrannt“, sagt die Urenkelin. Genaue Aufzeichnungen gibt es nicht, doch viele Gebäude in der Region wurden in dieser Zeit zerstört. Innen sei die Hütte liebevoll eingerichtet gewesen, mit zwei großen Räumen und einem Kamin. „Das war ein Treffpunkt für Familie und Freunde.“ Dort sei gefeiert, gegessen und gesungen worden. Auf dem Foto ist neben Familienmitgliedern und Freunden sogar ein Vertreter des Pfälzerwald-Vereins zu erkennen, ein Hinweis darauf, dass die Hütte auch für Wanderer und Naturfreunde eine Rolle spielte. Und auch die Stufen, die heute noch im Wald liegen, sind zu sehen.
