Landau Bürger sind die Bestimmer
Die acht Landauer Ortsteile schauen seit Jahren in die Röhre. Das soll sich ändern. Das Land möchte neue Entwicklungsmöglichkeiten für Stadtdörfer anstoßen. Doch erst einmal müssen die Bürger wissen, was sie wollen. Ein Gespräch mit Dorfentwicklungspartnerin Annette Struppler-Bickelmann.
Das hat sich so ergeben, wie das Leben manchmal so spielt. Ich habe ein bisschen das Gefühl, als bekäme ich gleich zwei Kinder hintereinander, denn so ein Projekt ist immer ein Baby, mein Baby. Wir haben eine gute Lösung gefunden. Jochen Blecher wird mich zunächst ab März vertreten und dann, wenn ich voraussichtlich nach einem halben Jahr auf eine halbe Stelle zurückkomme, das Projekt mit mir gemeinsam bis zum Ende begleiten. Ich werde den Kollegen in allen Ortsteilen vorstellen. Sie sind ein Kind vom Dorf, haben sozusagen Stallgeruch. Die Landauer Stadtteile haben eine große Spannbreite, der größte hat über 3000 Einwohner, der kleinste knapp 800. Haben Sie Gemeinsamkeiten festgestellt? Auf Neudeutsch: Haben die Orte einen gemeinsamen Sound? Wenn man den Charakter der Stadtdörfer betrachtet, gibt es einige, die sehr viel gemeinsam haben, zum Beispiel die eigentlichen Weindörfer. Godramstein ist ganz anders, und Queichheim schlägt ein bisschen aus der Art, weil es sehr groß geworden ist. Haben Sie einen Favoriten oder schon ein Sorgenkind ausgedeutet? Nein, so weit würde ich nicht gehen. Sicherlich muss man Queichheim anders angehen, dort steht vielleicht schon eher eine Quartiersentwicklung an und weniger eine Dorfentwicklung. Wenngleich die Queichheimer, die in der dörflichen Struktur verankert und sehr aktiv im Vereinsleben sind, das sofort bestreiten würden. Auch zu Recht. Ich glaube, es gibt eine sehr lebendige dörfliche Struktur. Die ist nur nicht für jeden, der inzwischen in Queichheim wohnt, auf Anhieb erkennbar. Und nicht jeder Queichheimer würde sich als Queichheimer identifizieren, was in anderen Stadtdörfern anders ist. Dorfentwicklung an sich ist ja nichts Neues. Auch, dass Bürger sich einbringen sollen, hat es schon gegeben. Sehen Sie dennoch einen neuen Ansatz – außer, dass es sich um Stadtteile handelt? Die Tatsache, dass es sich um Stadtteile handelt, führt ja schon zu einer anderen Ausgangsposition. Wir machen keine klassische Dorfentwicklung. Beispiel Dorfladen für Arzheim: Wenn es um die fußläufige Nahversorgung geht, ist es eine ganz andere Ausgangssituation, wenn Sie irgendwo zehn Kilometer weit weg von der nächsten Einkaufsmöglichkeit leben, als wenn der nächste Aldi zwei Kilometer entfernt liegt. Dann haben Sie eine sehr viel sicherere Basis zur Neugründung eines Dorfladens. Deswegen kann man nicht in den klassischen Schemata der Dorfentwicklung denken und deshalb ist es auch ein Modellprojekt. Wir haben ähnliche Handlungsfelder wie in der Dorfentwicklung, aber unter anderen Vorzeichen. Sie betonen, dass die Bürger entscheiden sollen. Was können Sie als Dorfpartnerin, was die Ortsvorsteher zu leisten nicht imstande sind? Erstens habe ich mehr Zeit, ich habe eine volle Stelle und kann mich auch mal um Kleinigkeiten kümmern, in die Fachabteilungen gehen. Ich bin nicht in der Breite gefordert wie ein Ortsvorsteher, sondern ich kann mich um die Knackpunkte und auch die Probleme mit der Verwaltung kümmern. Zweitens habe ich eher eine strategische Rolle, denn nach der Auftaktphase geht es auch darum, dass die Bürger der Stadtdörfer sich untereinander austauschen und beginnen, gemeinsame Ziele zu entwickeln und Projekte auf den Weg zu bringen. Dann kann ich eine organisatorische Begleitung leisten. Sie haben das Projekt einmal mit einer gewachsenen Blumenwiese verglichen. Was heißt das? Das Wichtige an dem Bild der gewachsenen Wiese ist für mich immer das Raumgeben, Platz lassen für das, was sich entwickelt, wenn man den Raum erst mal frei hält. Darin sehe ich die Riesenchance in unserem Projekt, dass es ein Modell ist und nicht eine standardisierte Auftragsarbeit, wie leider so oft in der Dorfentwicklung. Dann ist es vielleicht das, was Sie besser können als die Ortsvorsteher, weil Sie unvoreingenommen in das Dorf kommen und die Leute selbst gestalten lassen? Ich habe zumindest die für mich erfreuliche Erfahrung gemacht, dass es einigen Ortsvorstehern sehr wichtig ist, dass wir den Prozess ergebnisoffen angehen. Dass sie sich sträuben, Themen vorzuformulieren oder mit der Koordinierungsgruppe, die in jedem Stadtteil zu Jahresbeginn tagt, Themen vorweg zu nehmen. Zuerst soll die Bevölkerung gefragt werden: Was sind eure Themen, wo liegt euer Interesse, wo wollt ihr euch engagieren, welche Projekte sollten wir in den kommenden Jahren angehen? Das find’ ich total toll. Das ist wirklich ein erster Erfolg, den ich so für mich persönlich fast ein bisschen feiere, dass sich die Ortsvorsteher darauf gerne einlassen wollen. Obwohl sich hier und da schon herauskristallisiert hat, wo die Probleme liegen. In Arzheim fehlt ein Dorfladen, da gibt es bereits eine Initiative. In Nußdorf und in Godramstein blutet die Gastronomie aus. Hat sich noch mehr Konkretes gezeigt? Ein weiteres Thema, das natürlich schon konkret angesprochen wurde, ist „Wohnen im Alter“, wie können die alten Leute im Stadtdorf alt werden und möglicherweise dort sterben, auch als Pflegefall. Dazu gab es Gespräche mit dem Sozialamt, wir wollen Anfang des Jahres eine Informationsveranstaltung anbieten. Das ist eines dieser Themen, ähnlich wie beim Dorfladen, bei denen ich einen Vernetzungsbedarf zwischen den Ortsteilen sehe. Es gibt ein gemeinsames Informationsbedürfnis. Ich suche da auch sehr gezielt die Zusammenarbeit mit den Fachämtern. Wie geht es jetzt weiter? Das Thema Dorfladen haben wir nur deshalb vorgezogen, weil es Beratungsbedarf in Arzheim gab. Die eigentliche Projektchronologie sieht vor, dass jetzt die von den Ortsvorsteher zusammengetrommelten Koordinierungsgruppen – schrecklicher Fachterminus, jeder Ortsteil darf die Gruppe anders nennen – die Startveranstaltung vorbereiten sollen. Sie sollen überlegen, welche Multiplikatoren im Dorf angesprochen werden, welche Themen auf der Tagesordnung stehen oder ob es offen gehalten werden und schlicht zu einem Zukunftsworkshop eingeladen werden soll. Den Titel der Auftaktveranstaltung zu finden, ist die wesentliche Aufgabe der Gruppe, die bis zu 15 Personen groß sein kann. Im zweiten Quartal sollen die moderierten Auftaktveranstaltungen in jedem Stadtteil sein, zu denen alle Bürger eingeladen sind. Und dann werden Schwerpunkte herausgearbeitet und Workshops gebildet, die inhaltlich weiterarbeiten? Das wird ganz unterschiedlich sein. Da bin ich wahnsinnig gespannt drauf, auch wenn ich vielleicht nicht alle mitbekomme. Ich nehme nicht an, dass ich mich im Mutterschutz ganz fernhalten kann. Mir war es sehr wichtig, für die Moderation jemanden zu finden, der das Konzept mittragen kann, der nicht mit vorgefertigten Denkstrukturen reingeht, sondern offen ist für das, was das Dorf bewegt. Danach werden wir ganz unterschiedliche Arbeitsstände in den einzelnen Orten haben. Ortsvorsteher und Ortsbeiräte sehen sich oft nur in der Statistenrolle, fühlen sich vernachlässigt. Kann der Modellversuch auch für diese Leute selbst etwas bewegen, ihnen mehr Gewicht und ein besseres Standing geben in der Stadtpolitik? Ich nehme es so wahr, dass schon allein durch diesen Modellprojektstatus im Moment die Stadtspitze offene Ohren hat für die Anliegen der Stadtteile. Mein Wunsch wäre es, dass dies nach drei Jahren nicht vorbei ist. Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um für eigene Anliegen zu kämpfen. Was wird in drei Jahren sein? Wie die Investitionsförderung für die Stadtdörfer sein wird, kann ich noch nicht sehen. Ich kann nur versuchen, einen guten Beitrag für handfeste Konzepte und gute Projektideen zu leisten. Dann sagt mir die Erfahrung: Für gute Ideen gibt es immer Geld. Die meisten Fördertöpfe werden nicht ausgenutzt. Die Konzepte müssen stimmen, das Engagement muss da sein, und dann öffnen sich auch die Fördertöpfe. | Interview: Sabine Schilling