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Julian Roth zwischen marokkanischer Begeisterung und Robbie
Vom Krönungsbusch direkt ins Al-Bayt-Stadium: Gerade stand er noch beim Fußball-Landesligagipfel SV Herxheim - SV Büchelberg (1:0) zwischen den Pfosten, 24 Stunden später sah Büchelbergs Torhüter Julian Roth den 3:0-Sieg von England über Senegal im Achtelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft. Es war die erste von acht Partien, die er sich in Katar ansah.
Von den überall kühlenden Klimaanlagen hat Roth sich einen leichten, trockenen Husten mit nach Hause gebracht. Der Roschbacher war bei allen vier Viertelfinals. Die Partie Niederlande - Argentinien war sein sportlicher und emotionaler Höhepunkt.
Viertes großes Turnier in Folge
Es war Roths viertes großes Turnier in Folge. Die Vergabe der WM sah er von Beginn an kritisch, dennoch wollte er dabei sein: „Ich bin durch und durch Fußballer, konnte den Austragungsort ja nicht beeinflussen. Doch ich wollte diese einmalige Atmosphäre wieder erleben, mich mit den Fans anderer Nationen austauschen. Ich gehe immer offen auf alle zu. Mein erster Trip 2016 hat mich regelrecht angefixt.“
Damals hatte sein Landauer Schiedsrichterkollege Dorian Volker Schurer eine Männertour zur Europameisterschaft in Frankreich organisiert. Diesmal flog Roth alleine. Den Flug hatte er im Sommer gebucht. Geschlafen hat er bei seinem Freund Jörg Mardo in einer Wohnung in unmittelbarer Nähe des Al Thumana Stadions in der Hauptstadt Doha. Der Rinnthaler Mardo hat sich das Domizil für die gesamte WM angemietet. Er ist seit vielen Jahren als Groundhopper unterwegs und hat sich weltweit ein engmaschiges Netzwerk aufgebaut, durch das er leicht an Tickets kommt. Der durchschnittliche Preis für einen Platz auf den unteren Rängen hinter dem Tor betrug 150 Euro.
Acht Spiele in einer Woche
Die geringe Entfernung zwischen den Stadien machte Roth den Besuch von acht Spielen in einer Woche möglich. Die längste Anreise dauerte 45 Minuten mit der U-Bahn oder mit dem Auto per Fahrdienst.
Ein Spiel der deutschen Mannschaft hat Roth wieder nicht gesehen. Bei der EM im vergangenen Jahr mit dem Eröffnungsspiel in Rom und dem Finale in London rechnete er mit Deutschland als Gruppensieger und organisierte sich die „falschen“ Karten. Doch das hat seine Begeisterung nicht getrübt. Getroffen hat er in Katar auch Südpfälzer wie den Insheimer Marco Schäfer.
Den Alltag vergessen
Doch vor allem genoss er die Begeisterung und pure Lebensfreude bei Brasilianern und Argentiniern: „Sie haben getanzt, laut gesungen und ununterbrochen ihr Team angefeuert. Ihr ganzes Leben ist Fußball. Sie leben nur für diese Momente.“ Viele hätten ihm erzählt, dass sie während der WM ihre schwierige Situation im Alltag vergessen könnten und schon wieder jeden Peso auf die Seite legten, um 2026 in den USA und Kanada wieder dabei zu sein. Getoppt worden seien Lautstärke und Begeisterung nur noch von Marokkanern: „Hinter ihnen hat sich die ganze arabische Welt vereint.“ Nach dem Stopp im Halbfinale gegen Frankreich bestreitet Marokko am Samstag das Spiel um den dritten Platz gegen Kroatien.
Viele einheimische Fußballfans seien häufig erst eine halbe Stunde nach Anpfiff ins Stadion gekommen, hat Roth beobachtet. Für sie sei das sportliche Großereignis wohl nur dazu da, mit dem Handy viele Bilder zu machen.
Deutsche Doppelmoral
Roth ist mit vielen positiven Eindrücken zurückgekehrt. Er traf freundliche und hilfsbereite Einheimische, denen er den Stolz über die Ausrichtung dieses Turniers anmerkte. Sie hätten ihre Enttäuschung nicht verhehlt, dass wenige Europäer gekommen seien. Ausschreitungen hat Roth keine mitbekommen, alles war sehr sauber und bestens organisiert. Für die Besonderheiten des Turniers zeigt Roth Verständnis. Sie seien Bestandteil der Kultur eines muslimischen Landes: Alkoholverbot, viele verschleierte weibliche Fans und Betkammern in den Stadien. Die Weltmeisterschaft in Russland hatte er intensiver erlebt: „Durch die große Entfernung der Stadien war ich damals im ganzen Land unterwegs und konnte die Menschen viel besser kennenlernen. In Katar hat sich alles in den Zentren abgespielt.“
Am fußballfreien Tag besuchte Roth ein Konzert des britischen Sängers Robbie Williams. Am Auftritt der deutschen Nationalmannschaft hat Roth eine Menge auszusetzen. Für ihn war es ein Spiegelbild der Wohlstandsgesellschaft aus negativer Grundeinstellung, Pessimismus und Doppelmoral. Wieso Doppelmoral? Der Bankbetriebswirt Roth: „ARD und ZDF prangern die Missstände in Katar an, überweisen jedoch der Fifa 220 Millionen Euro, um fast alle Spiele zu übertragen. Die diesjährige Basketball-EM im eigenen Land lief bis zum Halbfinale dagegen nur auf Magenta.“
Bei der Euro 2024 hat Roth ein Heimspiel. 2026 in den USA und Kanada will er wieder dabei sein.