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Mittwoch, 14. Juni 2017 Drucken

Landau

Landau: Namensgeber für Schule war Antisemit

Von Falk Reimer

Zwei der bundesweit acht nach Spranger benannten Schulen haben sich für eine Umbenennung entschieden, Mannheim und Sossenheim.

Zwei der bundesweit acht nach Spranger benannten Schulen haben sich für eine Umbenennung entschieden, Mannheim und Sossenheim. ( Foto: van)

Eduard Spranger

Eduard Spranger ( Foto: NSFS)

Der Pädagoge Eduard Spranger ist Namensgeber für ein Landauer Gymnasium. Und das seit 1964. Jetzt wird das Vorbild zum Problem. Neue Forschungen zeigen, dass der gebürtige Berliner Antisemit und Nazisympathisant war. Die Schule handelt.

„Der Nationalsozialismus, die Bewegung Adolf Hitlers, ruft uns zu den alten Werten preußischen Dienstes an der Gesamtheit zurück.“

Eduard Spranger, 1937.

„Man kennt schon einige Vererbungsgesetze. Man kennt also einige Wege zur Sicherung eines gesunden und – wenn nötig – zur Ausmerzung eines kranken Nachwuchses.“

Eduard Spranger, 1938.

 

Eduard Spranger (1882 bis 1962) war Pädagoge und Philosoph. Dem gebürtigen Berliner wird unter anderem zugeschrieben, die Pädagogik als wissenschaftliche Disziplin mit anderen maßgeblich etabliert zu haben. Der Humanismus war sein Thema. Im Nachkriegsdeutschland genoss er einen so guten Ruf, dass er von acht Schulen als Namenspatron gewählt wurde. Darunter in Landau das Eduard-Spranger-Gymnasium (ESG). Bis 1964 war die Schule das Staatliche Altsprachliche Gymnasium.

Spranger war aber auch ein Kind seiner Zeit. Er verabscheute den Parlamentarismus der Weimarer Republik, denn „zur Hälfte haben wir eine Judenherrschaft“. Er war Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei und trat 1933 in ihren bewaffneten Arm, den Stahlhelm-Bund, ein. Dieser wurde bald darauf in die SA integriert. Spranger war nie in der NSDAP, er kritisierte ihren „übersteigerten Antisemitismus“.

Der Namenspatron sei ein „Stahlhelm-Pädagoge“ gewesen, sagt Benjamin Ortmeyer von der Forschungsstelle NS-Pädagogik an der Frankfurter Goethe-Universität. Der Professor befasst sich mit den pädagogischen „Grauzonen-Kollaborateuren“, wie er sie nennt, des NS-Regimes. „Spranger war Elitist, die NSDAP war ihm zu völkisch-primitiv“, sagt Ortmeyer. Er habe von den Deportationen gewusst. 1943 bezeichne Spranger in einem Brief den Selbstmord einer alten Frau, die in den Osten gebracht werden sollte, als gelöstes Problem.

Für ihn spricht: Spranger trat 1933 kurz von seinen universitären Ämtern zurück. Aus Protest unter anderem gegen einen Stundentenaufruf, der antisemitische Ausfälle enthielt. Auch sei ihm beim Institut für politische Pädagogik an der Uni Berlin keine Rolle zugedacht worden. Die Bedenken zerstreuten sich, Spranger kehrte in seine Ämter zurück.

1944 wurde er kurzzeitig von der SS verhaftet. Die Verhaftung erfolgte laut Spranger, weil er als „Gegner des nationalsozialistischen Systems“ bekannt gewesen sei. Diese kurze Haft sei einer der Gründe, weswegen Spranger auch in der Bundesrepublik in Amt und Würden geblieben sei, sagt Ortmeyer.

Er hat seine Erkenntnisse im Spätjahr 2016 in eine Broschüre gepackt und an alle Eduard-Spranger-Schulen geschickt. Die Post ging auch nach Landau. Schulleiterin Dagmar Linnert handelte. Sie diskutierte mit der Schulgemeinschaft, der Stadt, der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion, den Schuleltern und dem Verein der Freunde.

Das Ergebnis: In der zweiten Unterrichtswoche des neuen Schuljahres werde es eine öffentliche Diskussion in der Schule geben. Alles solle auf den Tisch kommen, danach werde entschieden. Die Stadt als Schulträger hält fest: Die Entscheidung über eine Namensänderung liegt allein bei der Schule, die Entscheidung liege zwar letztlich beim Stadtrat, aber die Stadt wolle der Schule keine Vorgaben machen.

Sowohl für die Beibehaltung des Namens als auch für die Umbenennung gibt es für Linnert gute Gründe. Den Namen als Dokument der Zeitgeschichte zu behalten und damit Sprangers pädagogisch-wissenschaftliche Leistung zu würdigen, sei auch eine Möglichkeit.

Sie befürchtet einen Ansehensverlust der Schule. „Wir sind Schule ohne Rassismus, waren 2015 das erste Gymnasium in Landau, das einen Flüchtling aufgenommen hat.“ Das soziale Engagement benötige Zeit. „Und die Hauptaufgabe ist die Arbeit für die und mit den Kindern“, betont Linnert. „Durch die Diskussion, ob Spranger als Mensch zu halten ist, darf unsere eigentliche Aufgabe, die Bildung der Kinder, nicht in den Hintergrund geraten.“

Für Ortmeyer darf ein Mensch wie Spranger auf keinen Fall durch einen Schulnamen geehrt werden. Damit stelle man das Bündnis der Deutschnationalen mit den Nazis als vorbildlich dar, „das ist eine ganz falsche Konsequenz, die man aus der NS-Zeit zieht“.

Auch Spranger hatte eine Meinung zur Aufarbeitung der NS-Zeit. Bereits 1946 schreibt er: „Alles sogenannte öffentliche ,Wühlen’ in der Schuld ist zu vermeiden, weil auch das Beste der Gefahr unterliegt, schließlich zerredet zu werden (...).“

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