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Mittwoch, 26. April 2017 Drucken

Kreis Südliche Weinstrasse

„Ich habe meine Brille nicht dabei“

Bornheim: Kreisvolkshochschule wirbt mit Alfa-Mobil für Alphabetisierungskurse für Erwachsene

Von Elke Partovi

 

Durch die Werbeaktion mit dem Alfa-Mobil soll Betroffenen Mut gemacht werden, an Alphabetisierungskursen teilzunehmen. ( Foto: Iversen)

Mehr als sieben Millionen Erwachsene in Deutschland können nicht richtig oder überhaupt nicht lesen und schreiben. Um das zu ändern, reist derzeit das Alfa-Mobil durchs Land und macht Werbung für Lese- und Schreibkurse. Gestern stand der Bus auf Einladung der Kreisvolkshochschule Südliche Weinstraße von 10 bis 14 Uhr auf dem Parkplatz des Hornbach-Baumarkts in Bornheim.

 

Zu behaupten, die Interessenten hätten den Ansprechpartnern des Alfa-Mobils die Bude eingerannt, wäre stark übertrieben. Aber der eine oder andere Neugierige machte Halt, ließ sich von den Experten informieren und mit Broschüren versorgen. Träger des Projekts ist der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung mit Sitz in Münster, Kooperationspartner ist das Grubi-Netz – Kompetenzzentrum Grundbildung und Alphabetisierung Rheinland-Pfalz. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.

Es sei schwierig, Betroffene direkt zu erreichen, sagte Andrea Michel-Schilling, die bei Grubi-Netz für die Region Pfalz verantwortlich ist. Deshalb werde versucht, das „mitwissende Umfeld“ zu erreichen, beispielsweise Nachbarn, Arbeitskollegen, Freunde, Ärzte. „Wir können ihnen Tipps geben, wie sie Menschen ansprechen können, bei denen sie Probleme mit Lesen und Schreiben vermuten“, erklärte Projektleiter Tim Henning.

Die Hemmschwelle und die Scham bei den Betroffenen sei sehr groß, so Michel-Schilling. Niemand wolle zugeben, nicht lesen und schreiben zu können. Die Ausrede „ich habe meine Brille nicht dabei“, wenn es ans Ausfüllen von Formularen geht, werde zigmal bemüht. Analphabeten stünden zudem überdurchschnittlich oft in prekären, schlecht bezahlten Arbeitsverhältnissen, fühlten sich häufig gesellschaftlich ausgeschlossen.

Dabei sei die gesellschaftliche Teilhabe sehr wichtig, betonte die Leiterin der Kreisvolkshochschule (KVHS), Monika Kukyte. Wer nicht lesen könne, beteilige sich auch nicht an Wahlen, nannte sie ein Beispiel. Durch die Werbeaktion mit dem „Alfa Mobil“ solle Betroffenen Mut gemacht werden, an Alphabetisierungskursen teilzunehmen. Einen solchen Kurs bietet die KVHS ab Freitag, 5. Mai, jeweils von 18 bis 19.30 Uhr im Kreishaus an. Der Kurs sei auch geeignet für Migranten, die sehr gut Deutsch sprechen, aber noch nicht lesen und schreiben können.

Der 53-jährige Peter Andernach aus Koblenz weiß, wie es ist, nicht lesen und schreiben zu können und sich ausgegrenzt zu fühlen. Er ist einer der Ansprechpartner am Alfa-Mobil und will Betroffenen Mut machen, den Schritt in die Welt der Buchstaben zu wagen. „25 Jahre lang war ich als Lagerarbeiter in einer Firma tätig, dann hat sie Konkurs gemacht und ich war arbeitslos“, erzählte er. Weil er „Probleme mit den Ohren“ habe, kämen die Wörter bei ihm anders an als bei anderen: „Ich schreibe sie dann halt so, wie ich sie verstehe.“ Also nicht der gültigen Rechtschreibung entsprechend. Fünf Jahre lang habe er als sogenannter Lerner Lese- und Schreibkurse besucht, mittlerweile wieder eine Arbeit gefunden. „Ich kann mich heute in eine Bahn setzen und alleine irgendwo hinfahren“, machte er deutlich, wie sehr er an Lebensqualität gewonnen habe.

INFO

Lesen und Schreiben für Erwachsene, anonyme Telefonberatung: 0800 53 33 44 55. Alphabetisierungkurs KVHS, 06341 940123.

 

 

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