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Mittwoch, 30. August 2017 Drucken

Kreis Südliche Weinstrasse

Hängt Naziglocke in Wendelinuskapelle?

Von Andreas Schlick

Gotisches Gotteshaus: Die Glocke für die Wendelinuskapelle wurde 1936 gegossen.

Gotisches Gotteshaus: Die Glocke für die Wendelinuskapelle wurde 1936 gegossen. ( Foto: Iversen)

Forscht zu Pfälzer Kirchenglocken: Bernhard Bonkhoff.

Forscht zu Pfälzer Kirchenglocken: Bernhard Bonkhoff. ( Foto: Moschel)

„Als Hitler Schwert und Freiheit gab dem Deutschen Land...“. 1936 wurde eine Glocke der Wendelinuskapelle in Essingen mit dieser Inschrift versehen.

Hängt im Kirchturm der Wendelinuskapelle in Essingen eine Glocke mit der Aufschrift „Als Adolf Hitler Schwert und Freiheit gab dem Deutschen Land, goss uns der Meister Pfeifer, Kaiserslautern“? Wilfried Schweikart bestätigt im Gespräch diese Information der RHEINPFALZ. Er ist Vorsitzender des Heimatvereins St. Wendelinus, der sich gemeinsam mit der Ortsgemeinde Essingen um das einschiffige gotische Gotteshaus kümmert. In den Turm der Wendelinuskapelle darf die RHEINPFALZ gestern jedoch nicht hinein. Es heißt kurzfristig, man müsse sich erst mit den Eigentümern – das sind die beiden Kirchengemeinden im Ort – und anderen Institutionen abstimmen.

Braune Glocke 1936 in der Kapelle aufgehängt

Ausgangspunkt der Recherche ist ein Werk mit dem Titel „Pfälzisches Glockenbuch“. Der Autor ist Bernhard Bonkhoff, promovierter Theologe und Historiker. Er hat sich in seiner wissenschaftlichen Arbeit auch mit Glocken pfälzischer Kirchen beschäftigt, die Nazisymbole oder Führersprüche tragen. Er fand bei seinen Untersuchungen heraus, dass eine dieser braunen Glocken 1936 im Turm der Wendelinuskapelle aufgehängt wurde. Viele protestantische Pfarrer hätten im Aufkommen der Nazis eine neue, eine heilbringende Zeit anbrechen sehen und sich der Bewegung angeschlossen, sagt Bonkhoff. Örtliche SA-Truppen hätten sonntags regelmäßig den Gottesdienst besucht. Meister Pfeifer aus Kaiserslautern, der die Glocke für die Essinger Kapelle gegossen hat, sei „braun bis in die Unterhosen“ gewesen, erzählt der Pfarrer aus dem saarländischen Homburg, der im Ruhestand ist. Pfeifer sei 1938 bankrott gegangen. Um seine hohen Schulden bei der damaligen Bezirkssparkasse Landau abzutragen, habe er drei Glocken für sie gegossen, sagt Bonkhoff. Auf einer stand der Spruch: „Wer die Freude haben will, muss den Krieg hassen.“ Die drei Exemplare seien aber 1942 aufgrund des Materialmangels im Krieg eingeschmolzen worden.

Von Nachricht überrascht

Richard Hackländer, Pfarrer der protestantischen Pfarrgemeinde Essingen-Dammheim-Bornheim, ist von der Nachricht über die angebliche Naziglocke überrascht. „Das Alter und der spezielle Guss der Glocke in der Wendelinuskapelle Essingen waren mir bislang fremd. Die kleine Glocke ist nicht zugänglich, da keine Treppe oder Leiter in den Turm führt, ihre Herkunft ist für mich bislang ungeklärt“, schreibt er auf Anfrage der RHEINPFALZ. Die Kapelle sei etwa seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum Jahr 1998 nicht mehr für Gottesdienste und kirchliche Veranstaltungen verwendet worden. Ungewöhnlich sei, schreibt Hackländer, dass die Glocke nicht über einen Motor angetrieben, sondern noch von Hand gezogen werde. Sie lade ein zu Gottesdiensten, ebenso erklinge sie, wenn ein Essinger im Oberdorf gestorben sei. „Unsere Evangelische Kirche der Pfalz richtet sich aus an der Barmer Theologischen Erklärung von 1934. Als Kirchengemeinde wenden wir uns gemäß unserem Leitbild in Gottesdiensten und Veranstaltungen gegen nationalsozialistisches Gedankengut und stehen ein für ein menschenfreundliches Handeln zum Lobe Gottes“, heißt es in dem Schreiben.

Ist die Glocke immer noch dort?

Hängt die Glocke aber noch immer in der Wendelinuskapelle? Birgit Müller, Glockensachverständige der Evangelischen Landeskirche der Pfalz, sagt, sie könne das weder bestätigen noch dementieren. Sie müsse dazu erst noch Akten einsehen.

In Herxheim am Berg im Kreis Bad Dürkheim ist die Glockenfrage schon geklärt. In der dortigen evangelischen Kirche hängt ein Klangkörper mit Hakenkreuz und der Aufschrift „Alles fuer’s Vaterland – Adolf Hitler“. Der Gemeinderat hatte am Montag beschlossen, ein Gutachten über die Glocke bei Birgit Müller einzuholen. Zudem steht der Vorschlag im Raum, eine Gedenktafel an der Kirche anzubringen. Die Hitlerglocke von Herxheim am Berg sorgt noch immer deutschlandweit für Schlagzeilen.

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