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Samstag, 09. Juni 2018 Drucken

Kreis Germersheim

Europäische Neonazi-Szene tummelt sich in Kandel

Von Volker Knopf

Noch mehr bürgerlicher Protest ist in Kandel notwendig, um den „rechten Spuk“ zu beenden.

Noch mehr bürgerlicher Protest ist in Kandel notwendig, um den „rechten Spuk“ zu beenden. ( Archivfoto: van)

Kandel. Aufschlussreicher Vortrag über die Strippenzieher der rechten Szene. Auffällig sind die AfD-Dominanz und die internationale Verflechtung. Referenten fordern mehr bürgerlichen Protest. Rechtsextreme waren im Kultursaal nicht geduldet. Polizei und Ordner passen auf. Morddrohung gegen Vortragsredner.

Wie stark der Mordfall Mia die Gesellschaft in Kandel und dem Rest der Republik polarisiert, wurde am Donnerstag im voll besetzten Kultursaal der Stadthalle deutlich. Beim Bildvortrag „Rechts von Kandel: Antifaschismus und die rechten Strippenzieher in Kandel“, waren am Eingang zwei Polizeibeamte positioniert. Ordner sorgten zudem dafür, dass Personen, die mit einer rechtsextremen Gesinnung bereits in der Vergangenheit aufgefallen waren, gar nicht erst in den Saal gelangten, um so einen störungsfreien Ablauf zu gewährleisten. Ein Aushang am Eingang wies eigens darauf hin.

Ein Referent hatte Morddrohungen erhalten

 

Mehrere Personen aus dem Umfeld von „Kandel ist überall“ respektive des rechten „Frauenbündnisses“ hatten es versucht, wurden aber „freundlich, aber bestimmt“, wie es von Ordnerseite hieß, aus dem Foyer verwiesen. Einer der Referenten des Abends hatte im Vorfeld der Veranstaltung gar Morddrohungen erhalten.

"Beziehungstat von rechter Seite instrumentalisiert"

 

Letztlich ging der Abend jedoch, ruhig über die Bühne. Organisiert wurde er vom Bündnis „Wir sind Kandel“ innerhalb der Themenwoche „Aktiv für die offene Gesellschaft“. Die beiden Fotojournalisten John Brambach (Heidelberg) und Christian Ratz (Ludwigshafen), die beide in der Flüchtlingshilfe aktiv sind, berichteten äußerst detailliert über ein rechtes Netzwerk, das regelmäßig die Verbandsgemeinde als Bühne nutzt. „Hier wird eine Beziehungstat von rechter Seite instrumentalisiert, unter anderem von einem Frauenbündnis, das zu 80 Prozent aus gewaltbereiten Männern besteht. Kandel wird regelrecht terrorisiert. Wenn alle zusammenhalten würden, wäre dieser Spuk schnell vorbei“, konstatierte Brambach.

Rechtsradikale Umtriebe dokumentiert

 

Was folgte, war eine Auflistung des Who-is-who der bundesdeutschen und europäischen Neonazi-Szene, die regelmäßig in verschiedenen Funktionen bei den Demonstrationen auftaucht. Von der längst verbotenen, militanten „Blood & Honour“-Bewegung über Hammerskins (LUNARA – steht für Ludwigshafener Nationalisten und Rassisten), Berserker Pforzheim bis hin zu Reichsbürgern, der neurechten Identitären Bewegung, NPD-Funktionären oder dem völkischen Witiko-Bund.

Anhand von Fotos auf Demonstrationen dokumentierten die beiden Männer aus dem Rhein-Neckar-Kreis akribisch die Umtriebe in Kandel und ordneten sie ein. Namen von bekannten Neonazis und Hooligans aus Nordbaden wie Christian Hehl oder Holocaust-Leugner Günther Deckert tauchten auf.

"Übelste Typen des rechten Spektrums"

 

Namen, die sich letztlich keiner merken muss. Aber mit den Querverbindungen war es durchaus interessant zu erfahren, wie die Akteure miteinander vernetzt sind. Entscheidend für die rechte Szene in Kandel ist zweifellos die Person Marco Kurz („Frauenbündnis“). Dieser hatte 2017 einen Marsch nach Berlin initiiert, um (vergeblich) die Regierung zu stürzen. Der Mannheimer, der in Wiesbaden bei einer Briefkastenfirma gemeldet ist, tauchte schon früh bei AfD- und Pegida-Veranstaltungen auf. Oder: Myriam Kern. Die Ex-AfD-Abgeordnete aus Landau sei eine der Ersten gewesen, die auf Mahnwachen vor dem Rathaus erschien und sich „Myriam – Stimme für Kandel“ nennt.

Des Weiteren: Ricarda Riefling (NPD-Bundesvorstand) nutze ebenfalls regelmäßig das Podium, das ihr die Szene in der Südpfalz bietet. Ob Rechtsrock-Veranstalter, Skinheads oder Verschwörungstheoretiker – den Zuhörern drängte sich fast der Eindruck auf, kaum ein Rechtsradikaler, der nicht schon einmal Kandel besucht hat. „Wir möchten Transparenz schaffen und aufzeigen, dass hier die übelsten Typen des rechten Spektrums einen Ort für sich instrumentalisieren“, so Brambach.

AFD-Akteure dominant

 

Auffällig waren zwei Dinge: Zum einen die Dominanz von AfD-Akteuren (innerhalb des nationalistischen Spektrums) und die bundesweite bis internationale Vernetzung. Auch rechtspopulistische Szenegänger aus den Niederlanden und der Schweiz schauten bereits bei Demos im Landkreis Germersheim vorbei. Aufschlussreich war beispielsweise, dass eine AfD-Aktivistin in Speyer mit ihrer Werbeagentur Flyer, Internet-Auftritt und Ähnliches für „Kandel ist überall“ organisieren soll. Ein „Verein für Verfassungstreue“ wiederum besorge Gelder für die Gruppierung.

Lösung: Mehr Gegenprotest

 

Nach all den Namen, Fotos und Videosequenzen stellte ein Bürger bei der rund zweieinhalbstündigen Veranstaltung die letztlich entscheidende Frage. „Mir stinkt es gewaltig, dass Neonazis aus ganz Europa durch Kandel marschieren. Wie lange müssen wir diesen Mist noch ertragen?“ Noch eine ganze Weile, da waren sich die Referenten relativ sicher.

„Es sei denn, der Gegenprotest wird stärker. Es müssen mehr Bürger aus Kandel auf die Straße. Wenn mehr aufstehen, wenn mehr Verantwortung übernehmen, dann sind die schnell wieder weg“, mutmaßte Christian Ratz – und zum ersten Mal brandete Applaus im Kultursaal auf.

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