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Freitag, 18. Januar 2019 Drucken

Landau

Endstation Landau

Die Polizei befreit im Mörlheimer Industriegebiet vier junge Männer aus einem Lastwagen voller Reifen. Sie kommen offenbar aus Afghanistan und sind von Schleusern in Serbien in den Transport nach Deutschland eingeschmuggelt worden. Nach einer eiskalten Nacht machen sie sich bemerkbar.

Von Falk Reimer

und Sebastian Böckmann

Den Flüchtlingen geht es „den Umständen entsprechend gut“, sagt ein Sprecher der Bundespolizei.

Den Flüchtlingen geht es „den Umständen entsprechend gut“, sagt ein Sprecher der Bundespolizei. ( Foto: Bundespolizei)

Ein Lastwagenfahrer bemerkt am Mittwochvormittag etwas ungewöhnliches vor dem Zentrallager des Reifenherstellers Michelin in der Landkommissärstraße im Mörlheimer Industriegebiet: Aus dem Planenaufbau eines dort abgestellten Lkw macht sich ein Mann bemerkbar. Er winkt und ruft in einer fremden Sprache. Der Fahrer verständigt die Polizei. Die angerückten Einheiten, darunter vier Beamte der Landauer Polizei sowie die Kaiserslauterer Bundespolizei öffnen gegen 10.45 Uhr die Ladefläche des verplombten Lasters.

Drinnen finden sie – neben der eigentlichen Ladung – vier junge Menschen. Zwei 16-Jährige, ein 17-Jähriger und ein 27-Jähriger haben es sich auf den Rollerreifen so bequem wie möglich gemacht. Es stellt sich heraus: Das Quartett kommt aus Afghanistan und wollte eigentlich nach Belgien und Irland reisen, teilt die Bundespolizei mit.

Nach ersten Ermittlungen brachte ein unbekannter Schleuser die vier Afghanen am Sonntag in Serbien auf den Lastwagen. Sie reisten so unerkannt über Ungarn, Slowakei und Tschechien nach Deutschland ein. Erst in Landau machten sie durch Rufe auf sich aufmerksam. Warum sie dies erst so spät taten, wird später klar: Der Lkw war über Nacht auf dem Parkplatz in Landau abgestellt worden, sagt ein Sprecher der Bundespolizei der RHEINPFALZ. In der Nacht auf Mittwoch lag die Tiefsttemperatur bei ungemütlichen Minus vier Grad. Den vier Menschen gehe des „den Umständen entsprechend gut“, sagt der Sprecher. Sie hätten noch Verpflegung dabei gehabt. Zudem sei die Plane luftdurchlässig, ergänzt der Sprecher.

Er spielt damit auf die Tragödie von Parndorf an. Am 27. August 2015 waren 71 Menschen aus Irak, Afghanistan, Syrien und Iran bei der österreichischen Gemeinde Parndorf gefunden worden – allesamt erstickt. Sie wollten in einem Kühllastwagen von Ungarn aus nach Österreich einreisen. Mitte Oktober wurden fünf Iraker ebenfalls in einem Kühllaster auf der A 620 bei Saarbrücken gefunden, sie haben die Reise bei Minustemperaturen ohne Sauerstoffzufuhr überlebt.

Die Landauer Polizei hat bei der Festnahme des Fahrers des Reifen-Lkw und bei der Absicherung des Tatorts geholfen, teilt sie auf Anfrage mit. Der Mann bleibt, nach Rücksprache mit der zuständigen Staatsanwaltschaft, auf freiem Fuß. Die Bundespolizeiinspektion Kaiserslautern ermittelt gegen ihn wegen des Verdachts auf Einschleusen von Ausländern. Den vier Afghanen hält sie die unerlaubte Einreise vor. Aus Polizeikreisen heißt es, dass man davon ausgehe, dass der Fahrer nichts von den Menschen auf der Ladefläche gewusst habe. Er habe den Lastwagen vermutlich verplombt übernommen.

Eine Sprecherin der Michelin-Reifenwerke in Karlsruhe bestätigt den Vorgang. Nach ihren Angaben hat Michelin ein Reifenwerk in der im Südosten Serbiens gelegenen Gemeinde Pirot. Dort werden unter dem Namen Tigar Tyres Reifen produziert. Der Lastwagen habe eine Ladung Rollerreifen für das Landauer Zentrallager gebracht.

Die Bundespolizei hat die drei Minderjährigen dem Jugendamt überstellt, den 27-Jährigen brachten sie zur Landeserstaufnahmeeinrichtung nach Karlsruhe.

Die drei Minderjährigen sind in Trier angekommen, sagt Michael Schmitz, Leiter der Pressestelle der Stadt Trier. Sie werden vom dortigen Schwerpunktjugendamt betreut. Nach seinen Angaben wurden sie in einer „Clearinggruppe“, also einer betreuten Wohngruppe, untergebracht. Angaben zum Zustand der jungen Männer konnte er nicht machen, nur soviel, dass sie keine medizinische Betreuung brauchen. Bisher habe es eine vorläufige Altersfeststellung gegeben, in den nächsten Tagen werde eine qualifizierte Altersfeststellung folgen. So will das Land feststellen, ob es sich tatsächlich um Jugendliche handelt. Im Zweifelsfall würde dann auch noch eine medizinische Altersfeststellung erfolgen. „Man muss sie aber auch erstmal ankommen lassen“, sagt Schmitz. In Trier sind im vergangenen Jahr 850 unbegleitete minderjährige Ausländer (Umas) betreut worden.

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