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Freitag, 06. November 2015 Drucken

Kusel

Nur ja nicht stehen bleiben...

Gastbeitrag (3): Auf der Flucht von Syrien nach Deutschland müssen große Distanzen zu Fuß zurückgelegt werden

Von Luna Watfa

 

Wie es in der Hafenstadt Mytilini auf Lesbos aussah, wo Hunderte von Flüchtlingen auf ihre Papiere warteten, zeigt das Bild. (Fotos: privat)

Luna Watfa (Foto: Sayer)

Als wir Richtung der griechischen Küste fuhren, gab plötzlich der Motor unseres Bootes auf. Wir waren noch etwa zwei Kilometer von der Insel Lesbos entfernt. Die griechische Küstenwache zu rufen, war zwecklos, nachdem schon mehrfach Versuche gescheitert waren, Hilfe zu holen. Die einzige Chance, die uns noch blieb, waren zwei Plastikpaddel und mehrere Männer, die ins kalte Wasser sprangen, um das Boot mit seinen um ihr Leben bangenden Passagieren anzuschieben.

 

Lesbos galt als die Insel, auf der Flüchtlinge ihre Papiere für die Weiterreise binnen maximal zweier Tage bekommen konnten. Doch was dort passierte, war schockierend. „Ich bin seit zehn Tagen hier, habe immer noch dieselbe Kleidung an, habe nicht duschen können, und ich schlafe im Staub, damit ich meinen Platz in dieser riesigen Menschenschlange behalten kann, um meine Papiere zu bekommen. Wie lange ich noch darauf warten muss? Ich habe keine Ahnung.“ Diese Aussage habe ich von vielen Syrern gehört, die ich in der Hafenstadt Mytilini auf Lesbos getroffen habe. Einige von ihnen hatten noch länger gewartet. Sie hatten kein Geld mehr; alles, was ihnen von ihrem Ersparten geblieben war, hatten sie ausgeben müssen.

Unsere erste Nacht auf Lesbos haben wir auf der Straße verbracht, total durchnässt, zitternd vor Kälte. Wir wussten, dass wir keine Möglichkeit hatten, zu dem Camp zu kommen, wo wir uns registrieren lassen mussten. Denn die griechischen Behörden haben eine strikte Verordnung erlassen, die es Flüchtlingen verbietet, ein Auto zu mieten, ein Hotelzimmer zu buchen oder auch nur die öffentlichen Busse zu benutzen. Unsere einzige Möglichkeit war es, die 45 Kilometer zum Camp zu laufen – und das taten wir dann auch.

Die Innenstadt stellte sich als riesiges Camp heraus, in dem – nach Angaben lokaler Medien – 20.000 Flüchtlinge festsaßen. In jeder Ecke standen Zelte. Hunderte Menschen standen für ihre Papiere an, rangelten miteinander, wurden von der Polizei geschlagen. Die Stadt hatte sich in eine riesige Toilette verwandelt, denn die Flüchtlinge durften ja nicht in ein Hotel gehen und hatten ewig zu warten. Wir mussten in dieser Umgebung acht Tage warten, im Zelt schlafen und die Zeit totschlagen, ehe wir endlich unsere Papiere bekamen, mit denen wir dann die Insel verlassen und mit einer Fähre nach Athen fahren konnten.

„Nicht stehenbleiben, weitergehen … in Bewegung bleiben!“ Laufen ist das Herzstück dieser Flucht über mehrere Grenzen hinweg. Von einem Land in das nächste, von einem Ort zum anderen, stets begleitet von der Ungewissheit, was uns erwartet. Dazu die Sorge, nicht die erforderlichen Ausreisepapiere zu haben – wie in Griechenland oder in Serbien –, die Angst, von der ungarischen Polizei verhaftet zu werden, wo du dann ohne Wasser und Nahrung in einer Zelle sitzt und misshandelt wirst. Alles das, was deine schwierige Reise noch verlängert und was auch die Wiedervereinigung mit deiner Familie hinausschiebt, wenn du endlich dein Ziel in Westeuropa erreicht hast.

Wenn du bei Dauerregen sehr große Distanzen durch den Schlamm zurücklegen musst, dann zehrt das vor allem die Kinder bis zur Erschöpfung aus. Sie können sich auch nicht vorstellen, wie das Ziel deiner beschwerlichen Reise aussieht, werden ihre Geduld verlieren und irgendwann einfach aufgeben wollen. Ihre Eltern müssen ihnen dann immer wieder mit dem einzig möglichen Satz in den Ohren liegen: „Nicht stehenbleiben, weitergehen... in Bewegung bleiben.“

Ich brauchte zwei Wochen, bis ich Deutschland erreichte. Ich dachte, das Warten und Leiden habe nun ein Ende – doch ich hatte mich getäuscht. Ich habe meine Papiere in der Aufnahmeeinrichtung in Trier abgegeben, wo ich drei Nächte auf dem Flur verbringen musste, weil es keine freien Zimmer mehr gab. Diese drei Nächte waren mit das Schlimmste, was ich durchlebt habe. Dann kamen Busse, und die Sicherheitskräfte sagten uns, wir müssten da einsteigen und nach Kusel fahren. Ich hatte nie von Kusel gehört. Man sagte uns, dort gebe es Zimmer für uns. Doch als wir in Kusel ankamen, gab es keine Zimmer. Nur Zelte und Hallen für jeweils 200 bis 250 Flüchtlinge.

Nach sechs Wochen in einer Halle mit 250 Flüchtlingen betrachte ich mich – trotz des Lärms, des Fehlens an Privatsphäre und der Kälte – glücklich im Vergleich zu den Menschen in anderen Camps, wo es deutlich schwieriger ist. Hier in Kusel fühlte ich die Wärme dieses Ortes, wie hilfsbereit und freundlich die freiwilligen Helfer sind und wie uns die Einheimischen hier willkommen geheißen haben.

Als Journalistin, die ihre gesamte Flucht mit Fotos und Videos dokumentiert, aber durch die Erschöpfung ihre Fähigkeit zu schreiben verloren hat, habe ich hier ganz einfach ein warmes Willkommen gespürt, das mir hilft, in den Journalismus zurückzukehren und wieder zu schreiben. Es gab mir die Möglichkeit, mich wieder wohlzufühlen und in die Atmosphäre einzutauchen, in der ich früher war. Ich bin dann weit weg davon, ein Flüchtling zu sein – zumindest für einige Stunden. Doch das Warten ist noch nicht zu Ende. (Übersetzung: Wolfgang Pfeiffer)

 

Info

—Die Journalistin Luna Watfa ist aus Syrien geflohen und war in der Erstaufnahmeeinrichtung in Kusel untergebracht. Mit ihrem Mann Basel wurde sie gestern nach Koblenz transferiert, wo sie eine eigene Unterkunft bekommen sollen. Sie will weiter für die RHEINPFALZ berichten.

—Twitter: https://twitter.com/luna_alabdalla

 

 

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