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Montag, 02. November 2015 Drucken

Kusel

Ein Leben wie in der Steinzeit

Von Luna Watfa

 

Beim Schreiben ihres ersten Artikels: Luna Watfa und ihr Mann Basel. ( Foto: Sayer)

Gastbeitrag: Deutsche schreiben über Flüchtlinge und ihr Schicksal – das ist die Regel. Wir brechen Sie auf. Luna Watfa, eine syrische Journalistin, die derzeit in der Notaufnahmeeinrichtung in Kusel untergebracht ist, wird für uns als Gastautorin tätig und schreibt über das Leben in Syrien, ihre Flucht und ihre Hoffnungen auf Deutschland.

„Wie konntest du eine solche Entscheidung treffen und deine Kinder zurücklassen?“, fragte ich ihn, nachdem wir die griechische Küste erreicht hatten. Seine Antwort: „Ich bin doch schon tot in meinem Heimatland. Ich habe nichts mehr zu verlieren.“

Wenn man über sein Leben redet, denkt man an jede kleine Einzelheit zurück, die man hinter sich hat. Wenn du noch atmen kannst, bedeutet das nicht, dass du noch lebst? Wie schlimm ist es dann, wenn du eine solche Antwort hörst: „Ich bin bereits tot. Ich habe nichts mehr zu verlieren.“

Als wir die syrisch-libanesische Grenze überquerten, zog mein ganzes bisheriges Leben wie ein Kurzfilm vor meinem inneren Auge vorbei. Mein schönes Haus, meine Familie, Nachbarn, meine Katze „Sambo“, meine Schule, meine Straße. Ich spürte den Verlust und ich dachte mir, dass ich zwar zwischen Wänden lebe, aber ohne ein Heim, in dem ich mich sicher fühlen konnte; meine Lungen atmen, aber ich lebe nicht.

Im Zusammenhang mit dem Krieg in Syrien gibt es viele unausgesprochene Details. Details, die viel über den Zustand des Tot-Seins aussagen. Vier Jahre lang habe ich, wie alle Syrer, ein Leben wie in der Steinzeit geführt. Und das ist jetzt keine metaphorische Übertreibung, es ist die Realität.

Bevor ich etwas genauer erkläre, wie dieses primitive Leben während der vier Kriegsjahre ausgesehen hat, möchte ich eines noch klarmachen: Das diktatorische Regime in Syrien hat uns schon vorher stark eingeschränkt. Zugang zum Internet und zu sozialen Netzwerken gab es erst ab 2002 – und das nur ganz, ganz begrenzt. Der Zugang zu Wikipedia und Facebook beispielsweise war bis 2011 komplett blockiert.

Zurück zu den vergangenen vier Jahren, auf die ich mich hier konzentrieren möchte. In diesen vier Jahren waren die Menschen in Syrien nicht nur in ihrer Kommunikation eingeschränkt, es fehlte ihnen auch am Notwendigsten zum Leben. Es war beispielsweise ein steinzeitliches Leben, wenn wir immer mal wieder zehn Tage lang ohne Strom auskommen mussten, weil eine Bombe ein Kraftwerk getroffen hatte. Und in Zeiten, in denen die Versorgung „normal“ lief, war der Strom rationiert – oft gab es pro Tag nur sechs Stunden lang Strom. Darauf musste man sich einstellen.

Diese Umstände zwangen die Menschen dazu, nur noch Lebensmittel zu besorgen, die nicht auf Kühlung angewiesen waren; und sie mussten immer einen Vorrat an Trinkwasser für zwei Tage zu haben, weil die Wasserversorgung jederzeit abgestellt werden konnte – was auch immer wieder vorkam. Ab Anfang 2011 war der Wasserkauf ein entscheidender Punkt, um den man sich Gedanken machen musste – eine völlig neue Erfahrung für die Syrer, die mit einem solchen Problem noch nie zu tun hatten. Über Jahrzehnte waren natürliche Quellen ihre Wasservorräte gewesen.

All das betrifft noch nicht einmal jene Gebiete des Landes, die belagert und in denen gekämpft wurde. Dort waren die Lebensumstände noch viel schlimmer. Menschen, die in diesen Gebieten lebten, konnten oft nur Blätter essen und Sumpfwasser trinken. Hunderte starben davon.

Mein Bruder, 43 Jahre alt, schaffte es nach 18 Monaten, aus einem solchen belagerten Gebiet herauszukommen. Ich werde nie vergessen, wie dürr er war und wie sehr mich sein geisterhaftes Aussehen geschockt hat. Er war nur noch ein Skelett mit einer dünnen Hautschicht. Er hat mir erzählt, wie sein Leben dort ausgesehen hat – Worte können es kaum beschreiben. Er erzählte von der täglichen Angst, zufällig Opfer eines Bombenangriffs zu werden, während er verzweifelt nach ein paar Rettich-Blättern suchte, mit denen er seine zweijährigen Zwillinge ernähren konnte.

Er lebte damals in Ost-Ghouta (wo es 2013 die Giftgasangriffe gegeben hatte), einem Vorort von Damaskus. Die Menschen in diesem Ort mussten seit zwei Jahren ohne Strom und ohne Kommunikation leben – so wie in allen belagerten Gebieten. Deshalb habe ich auch zwei Jahre lang nicht gewusst, wie es ihm und seiner Familie geht – bis sie sich glücklicherweise retten konnten.

Wenn du dich um Trinkwasser sorgen musst; wenn du abends nur noch mit einer Kerze Helligkeit bekommst; wenn deine Kleidung das einzige ist, was dir Wärme gibt; wenn Brot zu einem Luxusgut wird, das du nur selten bekommen kannst; wenn der Hunger das Leben deiner Kinder stiehlt, vor deinen Augen, ohne dass du irgendetwas dagegen tun kannst; wenn die Bomben aus verschiedenen Richtungen dein Haus zerstören und du jederzeit von irgendeiner der kämpfenden Gruppen (Regime, IS oder andere) verhaftet werden kannst, ohne zu wissen, warum; wenn du dann gefoltert und für Jahre vergessen wirst. Wenn das alles zusammenkommt, dann fängst du an, täglich darüber nachzudenken, ob du in deinem Haus bleiben sollst mit der Gefahr, in seinen Trümmern zu sterben, oder ob du es verlässt und vielleicht dabei durch eine Bombe ums Leben kommst. Oder in Folge einer Verhaftung.

Zerstörung, Bombardierung und der mögliche Verlust deiner Liebsten, dazu kaum das Nötigste zum Leben zu haben, das macht dich zu einem anderen Menschen. Zu einem nahe am klinischen Tod, während dein Mensch-Sein langsam aus dir herausgepresst wird. Entweder du gibst dann auf und stirbst. Oder du versuchst mit aller Kraft und aller Hoffnung, die in deiner Seele verblieben ist, irgendwie zu überleben und zu flüchten. Wenn Sie versuchen, sich all diese Umstände eines solchen Lebens vorzustellen, das die Menschen in Syrien seit Jahren ertragen müssen, dann können sie sich sicher auch denken, welche bitteren Konsequenzen die Antwort auf diese Frage hat.

Kusel-Ticker