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Freitag, 18. Januar 2019 Drucken

Landkreis Kusel

„Die Opfer zahlen den höchsten Preis“

Interview: Sybille Jatzko über das Erinnern von Angeklagten, das Abdriften nach rechts und die Resignation von Opfern der Loveparade

Kreuze an der Gedenkstätte für die Opfer der Loveparade in Duisburg.

Kreuze an der Gedenkstätte für die Opfer der Loveparade in Duisburg. ( Foto: dpa)

Sybille Jatzko

Sybille Jatzko ( Foto: Jatzko/frei)

«KRICKENBACH.» Der Prozess um das Loveparade-Unglück von 2010 in Duisburg, bei dem 21 Menschen ums Leben kamen, steht nach 13 Monaten Verhandlung vor der Entscheidung, ob er fortgeführt oder eingestellt wird. Eine Einstellung ist gut möglich. Die Krickenbacher Therapeutin Sybille Jatzko, die Opfer dieses Unglücks betreut, erläutert Gundula Zilm, wie sich jene bei dem Prozess fühlen.

Frau Jatzko, Sie sind mit Ihrem Mann Hartmut Jatzko in der Nachbehandlung von Trauma-Patienten von großen Unglücken weltweit aktiv. Wie ist Ihr Kontakt zu den Opfern – Hinterbliebenen und Überlebenden – der Loveparade in Duisburg?

Persönlichen Kontakt habe ich nicht mehr, aber über soziale Netzwerke wie Facebook begleite ich noch einige.

 

Wie haben jene den Prozess verfolgt?

Ein großer Teil von ihnen ist zu den Verhandlungen gegangen und hat den Prozess direkt mitverfolgt. Sie haben das Gefühl, dass viel vertuscht wird. Sie haben zu oft die Aussage gehört: „Ich kann mich nicht erinnern.“

 

Was bewirkt das bei ihnen?

Das hat ihnen das Gefühl vermittelt, dass niemand an der Wahrheit, an der Aufarbeitung interessiert ist: Sie haben den Eindruck, dass die Unfallverursacher versuchen, sich reinzuwaschen. Deshalb sind die Opfer hin- und hergerissen zwischen der Hoffnung, dass doch noch etwas aufgeklärt wird, und der Resignation, dass niemand zur Rechenschaft gezogen wird. Daraus entsteht das Gefühl der Hilflosigkeit, des Ausgeliefertseins.

 

Dieses Gefühl hatten sie auch sicherlich bei dem Unglück damals. Erleben sie jetzt eine Wiederholung auf emotionaler Ebene?

Ja, für etliche wiederholt sich jetzt sicher die Geschichte, sie durchleben sehr ähnliche Gefühle wie damals. Die Überlebenden spüren jetzt eine Resignation gegenüber dem Staat, der nicht behilflich ist, herauszufinden, was damals passiert ist. Sie klagen das Rechtsverständnis an. Das macht einige sauer bis aggressiv, jene wenden sich nach rechts.

 

Weil der Staat nicht für Gerechtigkeit sorgt, wenden sie sich gegen ihn und driften nach rechts ab?

Ja. Sie haben den Wunsch nach einer starken Hand. Für die Angehörigen ist es bitter, wenn sie erleben: Dafür ist mein Kind gestorben! Entweder ziehen sie sich zurück oder sie werden laut und wenden sich radikal gegen das Rechtssystem. Für sie ist das ein Versagen des Staates. Ein Affront, ein Schlag ins Gesicht.

 

Bei einem Rechtsgespräch soll nun entschieden werden, ob der Prozess weitergeführt wird oder nicht. Wie nehmen die Betroffenen dies auf?

Das Rechtsempfinden, auch der Anwälte aus Spanien und Italien, die Opfer vertreten, ist stark angeschlagen. Der Staat erkennt die Ernsthaftigkeit der Lage nicht, erkennt nicht, welchen Preis die Opfer zahlen.

 

Welchen Preis zahlen sie denn?

Sie erfahren eine körperliche und psychische Beeinträchtigung, Traumatisierung, den Verlust eines Menschen. Das ist der höchste Preis, der nach so einer Katastrophe entsteht, den die Opfer zu bewältigen haben.

 

Warum ist das soziale Umfeld so wichtig?

Weil die Heilung durch Fürsorge, Anerkennung und Wertschätzung geschieht. Das ist ungefähr so, als ob man zu Herrn Schäuble sagte: „Wir sehen, Sie können sehr gut Rollstuhl fahren. Danke. Sie können jetzt aufstehen!“ Die Wertschätzung fehlt. Das Sehen und Anerkennen einer gravierenden Lebensveränderung wird damit bagatellisiert. Wenn ich in der Stadtverwaltung Duisburg gearbeitet hätte, mit der Vorbereitung der Loveparade beschäftigt gewesen wäre, hätte ich ein schlechtes Gewissen, auch wenn ich gar nicht beteiligt gewesen wäre! Es gibt eine ethische und moralische Verantwortung.

Aber wir wissen ja nicht, ob es Mitarbeiter gibt, die sich schuldig fühlen.

Ich weiß von Mitarbeitern, dass sie solche Schuldgefühle empfinden. Aber die dürfen nicht öffentlich gemacht werden, weil jene sonst für schuldig erklärt würden.

 

Wie? Jene, die für nichts verantwortlich sind, aber moralische Schuld empfinden, würden von der Gesellschaft für schuldig erklärt, und die wirklich Verantwortlichen kommen davon?

Tja, so ist es. Die auf der Anklagebank saßen, sprachen alle von „ich erinnere mich nicht“. Dabei wissen wir, dass Erinnerungen, die mit starken Gefühlen abgespeichert werden, gut erinnert werden können.

 

Tja, wenn die ersten neun gesagt haben, ich erinnere mich nicht, wird der Zehnte kaum etwas anderes sagen, als Einziger die Schuld auf sich nehmen, wissend, dass die anderen alle davonkommen. Und er der Dumme wäre ...

Richtig. Aber den Indizien hätte man stärker nachgehen müssen. Doch das wurde kaum getan. Das ist eine bittere Pille für die Opfer! Das kennen wir vom Ramsteiner Flugtagsunglück. Bis heute können Schuld und Schuldgefühle in Deutschland schwer benannt und dazu gestanden werden.

 

Wenn die Anklage tatsächlich fallen gelassen wird, ist das dann noch mal ein Schlag für die Betroffenen oder haben die eh schon so resigniert?

Das wäre schon noch mal ein Schlag. Viele von den Opfern sind untereinander vernetzt und verarbeiten diese schwere Zeit gemeinsam.

 

Oft ist die Aussage vor Gericht für Opfer ja auch eine besondere Belastung, weil sie so alles noch einmal durchleben. Wie ist es in diesem Fall? Würden sie das auf sich nehmen oder wären sie eher froh, davon befreit zu sein?

Es gibt sicher einige, die das psychisch nicht können. Aber die meisten würden gern aussagen. Denn sonst werden sie die Geschichte nicht los, sie brauchen einen Abschluss. Dann gibt es aber auch eine Gruppe, die mit dem Kapitel aufgrund neuer Umstände abgeschlossen hat, zum Beispiel Frauen, die Kinder und damit andere Lebensinhalte bekommen haben; die wollen und brauchen nicht mehr aussagen. Und dann gibt es einige, die einen Gewinn daraus gezogen haben.

 

Einen Gewinn?

Es gibt Menschen, die waren selbstunsicher, benachteiligt, seelisch beeinträchtigt und bekommen nach einer Katastrophe besondere Aufmerksamkeit. Das nennt man sekundären Krankheitsgewinn, wodurch die Persönlichkeit an Bedeutung gewinnt.

 

Ein Gewinn ist ja etwas Positives. Aber das ist es für sie nicht wirklich, nicht dauerhaft, oder?

Genau. Anfangs wirkt es sich positiv aus, ist ein Motor für sie. Aber langfristig ist es kein Gewinn, denn die Seele ernährt sich davon. Um die Aufmerksamkeit zu erhalten, werden sie zum Beispiel aggressiv. Und letztlich müssen sie die Geschichte selbst aufarbeiten.

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