Schließen x

Anmelden

»Registrieren     »Passwort vergessen

Mittwoch, 04. November 2015 Drucken

Kusel

Der Tod begleitet dich auf jedem Schritt

Gastbeitrag (2): Eingepfercht in einem Lastwagen, über das Meer in einem überfüllten Boot – Flucht aus Syrien ist ein Horrortrip

Von Luna Watfa

 

Er sagte: „Ich bin in fünf Minuten zurück.“ Dann verschwand er für fünf Tage – und ließ uns im Nirgendwo an der türkisch-griechischen Grenze zurück; in einem Wald, in dem wir nichts anderes hörten als Geräusche, die von wilden Tieren stammen konnten. Ein wenig Wasser und ein paar Dattelstücke waren alles, was wir in diesen fürchterlichen Tagen hatten. Ich habe alles unter meinen Kindern aufgeteilt, die in der akuten Gefahr schwebten, vor Hunger und Angst zu sterben, während ich wie gelähmt war.

In meiner Verzweiflung beschloss ich, dass wir weitergehen sollten – in der Hoffnung, dass uns irgendjemand findet. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie lange wir liefen, bis uns türkische Grenzschützer aufgriffen und zurück Richtung Türkei brachten.

Ein alter Mann, den ich später an der griechisch-mazedonischen Grenze traf, erzählte mir von seiner Flucht und wie ihn ein Schmuggler einfach seinem Schicksal überließ. Wenn die Verzweiflung in dir überhand nimmt, dann entscheidest du dich für diesen Weg, obwohl du weißt, dass du dein Leben in die Hände der schlimmsten Sorte von Wesen legst; in die von Menschenhändlern, die unter dem Begriff Schmuggler bekannt sind. Sobald du deinen Handel mit ihnen abgeschlossen hast, ist der Wert deines Lebens nur noch genau der Betrag, den du bezahlt hast. Und exakt so wirst du auch behandelt. Kurzum: Du bist für sie kein Mensch mehr.

Der Transport zur Ablegestelle des Bootes ist der Auftakt eines Trips, der in vielen Fällen acht bis zwölf Stunden dauert und bei dem etwa 80 Menschen in einem Lastwagen zusammengepfercht werden – ihre Hände umfassen die Knie, um Platz zu sparen. Der Lastwagen ist wie eine Metallbox mit nur einer kleinen Öffnung oben, damit wenigstens ein bisschen Luft zum Atmen hineinkommt. Normalerweise werden mit solchen Lastwagen Waren transportiert, nicht Menschen. Trotz allem, was man über diese Schmuggler hört, die zum Teil auch im illegalen Organhandel aktiv sind, nehmen viele Menschen dieses Risiko auf sich. Nur warum?

Oft holen dich die Schmuggler weit vom Ablegepunkt entfernt aus dem Lastwagen, so dass du kilometerweit laufen musst – begleitet von Männern mit Gewehren, deren unwirsche Gesichter dir noch mehr Unbehagen einflößen. Dann werden die Menschen aufgeteilt in Gruppen von mindestens sechs, um die Bootsteile zu tragen – oft über sehr lange Distanzen –, die dann später an der Küste zusammengesetzt werden. An einem einsamen Ort, wo man dann warten muss. Ich hatte Glück, denn ich musste nur zehn Stunden warten. Andere erzählten mir, dass sie bei früheren, gescheiterten Versuchen vier Tage hatten warten müssen. Der Chef der Schmuggler bedroht die Flüchtlinge derweil mit seinem Gewehr, zwingt sie, kein Geräusch von sich zu geben – auch die Babys. Später zwingt er Flüchtlinge, die Schlauchboote zusammenzusetzen und mit Luft zu füllen. Dann wählt er sich irgendeinen der Menschen aus und gibt ihm einen Schnellkurs, wie man das Boot steuert und den Motor bedient. 15 Minuten – nicht mehr. Längst ist man dann an einem Punkt angekommen, an dem es keine Umkehr mehr gibt. Jeder muss auf das Boot. Wir hatten von anderen Syrern gehört, dass die Schmuggler jeden erschießen, der sich weigert.

Du kannst dich bei diesen Menschenhändlern auf nichts verlassen, was vorher besprochen war. Bei Abschluss der Vereinbarung wird dir zugesichert, dass das Boot neun Meter lang ist und maximal 40 Passagiere aufnehmen wird. Jeder dürfe eine Tasche oder einen Rucksack mitnehmen. Wie soll man das Gefühl beschreiben, wenn dein ganzes Leben auf den Inhalt einer Tasche reduziert wird und du entscheiden musst, was noch mitdarf und was dableibt? Du musst mitnehmen, was dir vielleicht dein Leben retten kann.

Am Strand zählt die Vereinbarung nicht mehr. Dann heißt es auf einmal: eine Tasche für zwei Passagiere. Du musst jemanden finden, mit dem du dir eine Tasche für deine Sachen teilen kannst. Findest du niemanden, musst du selbst das zurücklassen, was dir das Leben retten kann. Dann bist du bist komplett allein auf dich gestellt. Der Gnade anderer ausgeliefert.

Erst später merkst du, dass die Tasche, die du hast wegwerfen müssen, Platz für zusätzliche Passagiere geschaffen hat. Dass plötzlich etwa 80 Passagiere in diesem kleinen Boot sind. Überladene Boote, keine Erfahrung im Steuern und dazu noch miserable Motoren – das sind die Hauptgründe, warum so viele Flüchtlingsboote sinken. Und Rettungswesten? Zu wenige und in so schlechtem Zustand, dass sie die Menschen untergehen lassen.

Mein 16-jähriger Sohn hat mir bei einem unserer Telefonate gesagt: „Mami, ich kann nicht länger warten, bis wir auf regulärem Weg wieder zusammen sind. Ich kann nicht. Ich werde mich schmuggeln lassen.“ Ich bin richtig panisch geworden bei diesem Gedanken. Ich habe geantwortet: „Darüber wirst du nicht einmal nachdenken.“

Wie so viele, die diesen Horrortrip nicht selbst erlebt haben, kann sich auch mein Sohn nicht vorstellen, wie es ist, wenn dich der Tod auf jedem Schritt begleitet, den du machst. Das ist auch der Grund, weshalb ich mich dazu entschieden habe, es zum Wohl meiner Kinder ohne sie zu machen. Ich wollte keinesfalls auch ihr Leben aufs Spiel setzen.

In Syrien zu sterben, ist sehr wahrscheinlich. Aber auf diesem Horrortrip hast du wenigstens eine Chance. Daher nimmst du diese Chance wahr und setzt dabei das Wertvollste aufs Spiel, was du hast: dich selbst – in der Hoffnung, ein neues Leben beginnen zu können.

Das alles ist erst der Anfang; so brutal, wie er nur sein kann. Und was folgte, ist eine weitere traurige Geschichte. (Foto: Sayer)

 

Info

 

Die 34-jährige Journalistin Luna Watfa musste aus Syrien fliehen und ist zurzeit in der Erstaufnahmeeinrichtung in Kusel untergebracht. Ihren englischen Beitrag übersetzte Wolfgang Pfeiffer.

Kusel-Ticker