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Montag, 23. November 2015 Drucken

Kusel

Das Warten auf das Wiedersehen

Von Luna Watfa

 

Luna Watfas Kinder, die 13-jährige Sara und der 16-jährige Obada, warten in der Türkei auf das Wiedershen mit ihrer Mutter. ( Fotos: Privat)

Gastbeitrag (4): Luna Watfa, unsere syrische Kollegin, und ihr Mann Basel sind inzwischen von der Notunterkunft in Kusel nach Koblenz transferiert worden. In ihrem vierten Artikel für uns schreibt sie über schwierige Umstände im dortigen Hotel und darüber, wie schwierig es ist, von ihren Kindern getrennt zu sein.

„Was wird mit uns geschehen?“. „Habt Ihr die brennenden Flüchts-lings-Camps in Frankreich gesehen?“ „Kann etwas Ähnliches auch in Deutschland passieren?“All diese Sätze habe ich von syrischen Flüchtlingen in den vergangenen Tagen in dem Hotel gehört, in dem wir jetzt untergebracht sind. Dessen Besitzer hat uns gerade mitgeteilt, dass der Essenssaal, der sich außerhalb des Hotels befindet, ab sofort um 22 Uhr abgeschlossen wird. Angeblich aus Angst vor eventuellen Angriffen von Extremisten, die etwas gegen Flüchtlinge in Koblenz haben.

Als mir mitgeteilt wurde, dass ich von Kusel nach Koblenz transferiert werde, fühlte ich mich besser, weil ich wusste, dass dies der erste Schritt sein würde, um endlich eine eigene Wohnung zu haben. Als ich dann in Koblenz merkte, dass wir – völlig unerwartet – in einem Hotel untergebracht werden, wo wir Küche und Essensraum mit anderen teilen mussten, hat mich das auch nicht weiter gestört.

Aber seither überrascht uns der Hotelbesitzer immer wieder mit Aktionen: Er kommt in unser Zimmer, egal ob wir dort sind oder nicht; und um Erlaubnis, ob er hereinkommen dürfe, fragt er auch nicht. Er verbietet uns, in unserem Zimmer etwas zu essen oder zu trinken. Er schaltet immer mal nachts die Heizung komplett ab. Abgesehen von der eingangs geschilderten Furcht, die unter den Flüchtlingen die Runde machte, frage ich mich, ob all diese Hindernisse mir vielleicht irgendwann die Zufriedenheit darüber rauben, dass ich den ersten Schritt zur Wohnung hinter mir habe.

Das Warten selbst laugt dich aus; vor allem das Warten darauf, dass du dein neues Leben beginnen kannst nach all dem, was du hinter dir hast. In Syrien und auf der Flucht durch Europa. Doch erneut mit der Angst konfrontiert zu werden, der du entkommen zu sein glaubtest, macht das Warten noch schwerer.

Jeden Tag zu unterschiedlichen Zeiten telefoniere ich mit meinen beiden Kindern, die in der Türkei zurückgeblieben sind. Das ist meine einzige Möglichkeit, wenigstens ein bisschen mit ihnen zusammen zu sein. Dass die Verbindung mit dem Internet während meiner Flucht und auch jetzt immer mal wieder schwierig ist, macht die ganze Sache nicht besser.

Wir lachen oft, während wir telefonieren – aber wir weinen auch miteinander. Vor allem dann, wenn meine Kinder mich fragen, ob ich ihnen schon sagen könnte, wie wir uns wiedersehen können. Oder wie lange es noch dauert. Oder wenn mir meine 13-jährige Tochter Sara erzählt, dass sie davon geträumt habe, wie sie in einem blauen Kleid am Flughafen darauf wartet, dass sie zu mir fliegen kann. Oder wenn sie sagt, dass sie oft weint, weil sie ihre Heimat vermisst und sich verloren fühlt an einem Ort, an dem ihre Mutter ihr nicht nah sein kann. Wenn ich das von ihr höre, kann ich kaum noch sprechen.

Etwas anders sind meine Unterhaltungen mit Obada, meinem 16-jährigen Sohn, der zwar nicht weint, aber auch damit klarzukommen versucht, dass er weit weg ist von seiner Mutter. Er hat schon darüber nachgedacht, nach Syrien zurückzukehren, weil ihm das Warten in der Türkei auf ein Wiedersehen mit mir zu schwer fällt. Als er merkte, wie sinnlos solche Gedanken sind, begann er darüber nachzudenken, ob er nicht die gleiche Fluchtroute wie ich nehmen sollte, um möglichst schnell bei mir zu sein. „Ich bin jung genug, um diese Anstrengung zu meistern“, sagte er. Und: „Ich kann einfach nicht länger hier warten. Lass mich das machen, und dann warten wir gemeinsam darauf, dass auch Sara zu uns kommen kann.“

Ich kann meinen Kindern leider keinen genauen Termin für unser Wiedersehen geben; nicht einmal ein Versprechen, das ich einzuhalten in der Lage wäre. Das Einzige, was mir bleibt: Ich versuche, ihnen in unseren langen Gesprächen jeden Tag aufs Neue Hoffnung und Trost zu geben. Mehr kann ich nicht tun.

Warten bedeutet für Flüchtlinge, den Termin herbeizusehnen, an dem sie bei Gericht ihre offiziellen Papiere bekommen; es bedeutet zugleich wertvolle Zeit, um Deutsch zu lernen, um anschließend arbeiten zu können. Da ich selbst ein Flüchtling bin, teile ich diese Bedeutung von „Warten“.

Aber für mich bedeutet es auch, dass nur das Wiedersehen mit meinen Kindern mein Herz heilen und es wieder schlagen lassen wird. Erst dann kann ich sagen, dass unser neues Leben ohne Furcht begonnen hat.

Kusel-Ticker