Hauenstein / Wilgartswiesen
Vor 100 Jahren: „Ein Brausen und Zischen wie beim Sturm“
Der Sommer vor genau 100 Jahren muss in der Pfalz ein heißer Katastrophen-Sommer gewesen sein. Im Jahr 1921 litten Mensch, Vieh, Wald und Flur unter sengender Hitze. Für viele Hauensteiner und Wigartswiesener Kleinbauern war es auch der Sommer „vum grouße (großen) Brand“, bei dem der gesamte westliche und nördliche Mischberg ein Raub der Flammen wurde.
Zwei Briefe des Hauensteiner Ehrenbürgers Karl Kreuter (1876-1965) – er lebte damals als Rektor in Oggersheim – , die er in einer emotionalen Sprache aus seinem Ferienbesuch in seinem Heimatort an seine Frau geschrieben hatte, klingen schmerzlich und von tiefer Sorge erfüllt. „Den ganzen Sommer des Jahres 1921 regnete es keinen Spritzer. Die Sonne brannte tagtäglich von früh bis spät auf die Erde nieder“, lesen wir von dem Ausnahme-Hitzesommer. Bei den Bauern führten Brände und Missernten zu Existenz-Nöten. „Das Futter gedieh nicht, das Gras aus den nicht wässerbaren Wiesen dörrte aus wie in den Maremmen unter der Sonnenglut Italiens, die Kartoffeln blieben klein und wurden teuer, der Wald verlor seine Bodenfeuchtigkeit und oft entstanden Brände, die oft große Schäden verursachten“, heißt es in einem begleitenden Text zu den minuziösen Schilderungen des „Großen Brandes“ von Karl Kreuter.
Verlust von Wohlstand
Der erste Brief vom 2. August 1921 beleuchtet neben dem Brandinferno den Verlust der eigenen Waldungen, die damals nicht nur das wertvolle Brennholz lieferten, sondern auch den Bauern ein kleines Stück Wohlstand bescherten. In der heutigen Pirmasenser Straße, wo jetzt der Kfz-Betrieb Debnar zu finden ist, habe es zum Felsen hin angefangen: „Im Nu standen 30 bis 40 Morgen in Flammen.“ Es sei „ein Brausen und Zischen wie bei einem mächtigen Sturmwind“ gewesen. Die Rauchwolken hätten „die Täler bis gegen Annweiler erfüllt, die Flammen züngelten haushoch“.
Kreuter eilte wie die meisten Männer und Frauen zusammen mit der Feuerwehr „hinter den Felsen“. Ihn begleitete die Angst, dass auch seine Familie den bald schlagfertigen Wald verlieren könnte, „es waren allein für unsere Familie rund sieben Morgen“-das sind immerhin bei rund 2500 Quadratmeter pro Morgen mehr als drei Fußballfelder. „Die Hitze vom Feuer war kaum zum Aushalten, die Feuerwehren von Hauenstein und Wilgartswiesen kamen und verlängerten und verbreiteten den Graben.“ Zunächst habe das Feuer still gehalten, schreibt Kreuter von einer bisweilen aufkommenden Hoffnung. „Auf einmal aufseiten der Wilgartswiesener ein fürchterliches Geschrei, das Feuer hatte eine Schneise gefunden, doch die Wilgartswiesener hielten sich tapfer, einer verbrannte sich Schuhe und Füße und es gelang…“
Erneuter Ausbruch
Hatte man das Feuer besiegt? Es schien so. Man stellte eine Feuerwache aus zehn Hauensteiner und zehn Wilgartswiesener Feuerwehleute. Man war zuversichtlich, die ganz große Katastrophe abgewendet zu haben. Da brach das Feuer am 3. August bei aufkommendem Wind in seiner ganzen Zerstörungswut neu aus: „Nach und nach fraßen die Flammen über den ganzen Berg, es war unmöglich etwas dagegen zu tun, den größten Schaden hatten die Wilgartswiesener.“ Und die traurige Bilanz dieser beiden August-Schreckenstage fasst der Hauensteiner in einem verzweifelten Satz zusammen: „Gestern und heute fielen ungefähr 100 Morgen schöner Waldbestand der Vernichtung anheim.“ Um unsere Vorstellung von dieser Katastrophe anschaulicher werden zu lassen: Das ist eine Fläche von rund 50 Fußballfeldern, die am Wilgartswieser und Hauensteiner Mischberg in einem Feuersturm vernichtet worden sind.
„Die ganze Bergseite, man sieht’s gut von der Bahn aus, war ein Raub der Flammen“, schrieb Kreuter. Er selbst habe zusehen müssen, „ohne die Arme rühren zu können, wie “die Bäume zischend und krachend haushohe Feuergarben aufwarfen“. Kreuter verweist an anderer Stelle des zweiten Briefs nochmals auf den für damalige Verhältnisse außergewöhnlich hohen Vermögensschaden durch den „Großen Brand“: „Ein Kriegsinvalide aus Wilgartswiesen, der ein Bein ab hat, verlor fünf Morgen“. Etwa 30 andere, meist Wilgartswiesener, „sehen auf die Trümmer von zwei, drei oder vier Morgen“.
Zigarette oder Hornissennest
In der Ursachenforschung war übrigens damals schon von einem Zigarettenstummel die Rede, Es wurde aber auch gesagt, Buben hätten ein Hornissennest neben der Straße ausgebrannt: „Der Gendarm hat die Sache in Händen, was aber den Geschädigten nichts nützt“, schreibt Karl Kreuter in seiner Verzweiflung. Heute ist der an den Wald angrenzenden Bereich auf Hauensteiner Seite längst Teil moderner Bebauung unter anderem durch die Schuhmeile, auf Wilgartswiesener Gemarkung entsteht unmittelbar unterhalb des damaligen Waldes das erste interkommunale Gewerbegebiet Hauenstein/Wilgartswiesen. Nach 100 Jahre erinnert nichts mehr an die Katastrophe. Zwischen Mischberg, Bahn und B 10 zeigen Hauensteiner und Wilgartswiesener den gleichen Gemeinsinn, wie drei Generationen zuvor, als sie innerhalb von zwei Tagen einen Teil des Waldvermögens verloren hatten und ihn trotz schwieriger Jungpflanzenbeschaffung in den Nachkriegsjahren gemeinsam wieder aufforsteten.