Niederschlettenbach Von Kriegswunden geheilt: Die bewegte Geschichte der St. Anna-Kapelle
Eine Katastrophe für die St. Anna-Kapelle bei Niederschlettenbach waren die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges. Nach der Wiederbesetzung des Rheinlandes 1936 wurde in der Pfalz mit den Bauarbeiten am Westwall begonnen. Die Bunkerlinie zog sich nördlich der L478 durchs Lautertal und oft mitten durch die hiesigen Dörfer. Gut 100 Meter westlich der Kapelle entstand ein Bunker, oberhalb und etwa 100 Meter östlich der Kapelle weitere Bunker. Ein Kabel-Bunker hat sich bis heute am Hang hinter der Kapelle erhalten. Die Kapelle lag also mitten in der Bunker-Linie. Das konnte nicht ohne Folgen bleiben.
Im ersten Kriegsjahr kam die Kapelle noch relativ glimpflich davon. Das Bau-Zustandprotokoll berichtet am 28. Dezember 1940: „Gemäuer und Dach sind gut. Die Seitentür ist aufgebrochen. Der Verputz hat jedoch sehr gelitten, weil während des Winters die Soldaten im Innern Öfen aufgestellt hatten. In die Bleifenster waren Löcher geschlagen, durch die Ofenrohre hinausgeleitet wurden.“ Dieser Zustand ändert sich zunächst nicht, im August 1944 wurde nochmals das Kapellendach repariert.
Bombenhagel
Im März 1945 ging auf die Dörfer Schlettenbach und Erlenbach ein Bombenteppich der Amerikaner vor deren Einmarsch nieder. Dieser Luftangriff mit 270 Sprengbomben alleine auf Schlettenbach und einsetzender Artilleriebeschuss trafen auch das Gotteshaus. Das Chorgewölbe hatte hierbei einen Bombentreffer abbekommen und stürzte ein. Das ganze Dach der Kapelle und der gotische Chor wurden zerstört. Von der Inneneinrichtung blieben nur die Altarmensa, die steinerne Kanzel, der Kreuzweg und der Annenaltar erhalten. Das Kultbau-Protokoll vom 30. Dezember 1946 berichtet: „Von der Annakapelle steht nur noch das Gemäuer einschließlich des Türmchens. Eine Abdeckung der Mauern wäre wünschenswert, doch es fehlt an Material und Arbeitskräften“.
Kulturgeschichtlicher Verlust
Der Treffer auf den Chor war besonders dramatisch. Bis zum Zweiten Weltkrieg schmückte ein gebustes Netzgewölbe in Sternform den Chorraum. Das Gewölbe wurde aus Kostengründen nicht mehr hergestellt – bis heute nicht. Kulturgeschichtlich ist das ein großer Verlust, denn das Gewölbe war das einzige Netzgewölbe im gesamten Landkreis Südwestpfalz. Erhalten sind die drei filigran gearbeiteten Basen und Säulenschäfte am Ostabschluss des Chores. Die vier anderen Rippen enden in profilierten Polygonkonsolen an den Chorwänden, welche ebenfalls noch erhalten aber teilweise beschädigt sind.
Kriegsschäden an der Kapelle sind aber noch viele Jahre später erkennbar. Ein neuer Außenputz an der Kapelle im Jahr 1962 deckt manche Kriegswunde zu. Bei einer Begehung des Daches im Jahr 2000 werden alleine am Türmchen noch 44 Kugeleinschläge gezählt. Bezeichnend ist hierbei, dass alleine 29 Einschläge auf der Freundseite, jedoch nur 15 auf der Feindseite liegen.
Wallfahrt am Samstag
Doch die Kapelle soll nach dem Krieg so bald wie möglich wieder hergerichtet werden. Durch den großen Umfang der Schäden verzögern sich zunächst die Arbeiten. Im Juni 1948 wird das erste Baumaterial angeliefert. Für den Transport ist eine gesonderte Genehmigung des Bezirksstraßenverkehrsamtes erforderlich. Im Frühjahr und Sommer 1949 kann die Annakapelle wieder unter Dach gebracht und die Mauern repariert werden. Wegen der Arbeiten wird das Annafest aufs Spätjahr verschoben. Nur durch Zuschüsse des Landes und des Bistums Speyer kann die Kirchengemeinde die dadurch entstandenen hohen Schulden abtragen. Am 8. September 1949 findet nach den Kriegsjahren erstmals nach zehn Jahren im Wasgau wieder eine Wallfahrt mit Prozession zur wieder hergestellten Annakapelle statt. Ab 1950 werden alle Gottesdienste in Schlettenbach in der St. Anna-Kapelle abgehalten, weil die St. Laurentius-Kirche im Dorf wegen der großen Kriegsschäden abgerissen und neu erbaut werden muss.
Die Pfarrei Heiliger Petrus und die Kirchengemeinde St. Laurentius Niederschlettenbach laden alle zur Wallfahrt am Fest der heiligen Mutter Anna, am Samstag, 26. Juni, ein. Beginn ist um 9 Uhr mit einem Festgottesdienst in der St. Laurentius-Kirche Niederschlettenbach. Im Anschluss, kurz nach 10 Uhr, führt dann die Wallfahrt zur Annakapelle hinaus, wo eine Andacht gehalten wird. Der Prozessionsweg führt durch den Wald über den Radweg. Für Wallfahrer, die nicht gut zu Fuß sind, steht für die Hinfahrt wieder ein Kleinbus zur Verfügung. Die Rückfahrt erfolgt für alle mit dem Bus. Nach der Wallfahrt lädt die Gemeinde gegen 12 Uhr alle zur Einkehr beim Pilger-Imbiss auf dem Dorfplatz und ins Pfarrheim ein. Im heiligen Jahr 2025 hat die Gemeinde diesmal „Unterwegs sein als Pilger der Hoffnung“ als Wallfahrtsmotto ausgewählt. Hauptzelebrant und Festprediger in diesem Jahr ist Pater Christoph Bergmann. Mit seinen erst 33 Jahren ist der Pater der jüngste Prior des Dominikanerkonvents aus Düsseldorf.