Geiselberg
Vom Baum zum Bett: Tischler fürchtet um den Wissensschatz seines Handwerks
Als Restaurator und Tischler geht Andreas Hergert zwei Leidenschaften nach, die er beide nicht missen möchte. Die Abwechslung mache seinen Beruf interessant. Seine Werkstatt steht seit bald 30 Jahren im Holzland: Der gebürtige Pirmasenser hat 1998 zunächst eine Halle in der Geiselberger Hauptstraße gemietet, ein paar Jahre später dann wenige Meter weiter ein Grundstück gekauft und nach und nach alles gebaut, was er für seine Arbeit braucht. „Die Meisterschule war teuer. Danach hatte ich nur noch 50 Mark in der Tasche“, erzählt Hergert und lacht. So habe er seinen Betrieb langsam aufgebaut.
Inzwischen steht an der Geiselberger Hauptstraße sogar ein eigenes kleines Sägewerk, wo Hergert Stämme aus dem Pfälzerwald selbst zu Brettern schneidet. Die lagern hinter den Gebäuden auf einem zweiten Grundstück, dass der Tischler vor wenigen Jahren dazugekauft hat. 80 Festmeter sitzen dort derzeit auf langen Holzgestellen. Sechs bis acht Jahre müssen die dicken Eichenbretter lagern, bevor der 52-Jährige sie weiter verarbeitet. „Ich lasse sie lufttrocknen, so wie es früher gemacht wurde. Erst danach kommen sie in die Trockenkammer“, erzählt Hergert. So verliere das Holz langsam und gleichmäßig Wasser. Das dauere länger, als die Bretter gleich in eine Trockenkammer zu bringen. Doch dafür stehe sein Holz weniger unter Spannung und habe nicht so viele Haarrisse, erklärt der Schreiner. „Ich kaufe fast keine Bretter mehr.“
Als in der Corona-Pandemie auch für Tischler das Material knapp wurde, konnte Hergert sich selbst versorgen. „Ich brauche nur die Bäume aus dem Wald.“ Gelegentlich rufe ein Förster an, wenn ein Sturm im Wald einen Baum umgeworfen hat. Hergert kauft diese Stämme nach Bedarf.
Viel Wissen könnte verloren gehen
Der Tischler bildet nach Möglichkeit aus, hat auch immer wieder Praktikanten, arbeitet sonst aber meist allein. Einen Mitarbeiter zu finden, der sich mit Restaurierungen auskennt, sei schwierig. Generell fehlt der Nachwuchs, findet Andreas Hergert. „Schreiner war schon zu meiner Ausbildungszeit ein sterbender Beruf.“ Sechs Schüler habe seine Klasse damals umfasst. Und heute sei die Lage eher schlimmer. Südwestpfälzer, die das Handwerk lernen wollen, müssen zur Berufsschule nach Kaiserslautern pendeln. Und selbst dort komme in vielen Jahren nur schwer eine Klasse zusammen. „Dabei würden Tischler gebraucht.“ Laut Hergert wird überlegt, künftige Tischler-Azubis nach Neustadt oder Ludwigshafen zur Schule zu schicken. „Wie soll ein junger Mensch ohne Auto dort hinkommen?“, fragt der Tischlermeister. „Wir sind die letzte Generation, die den Jungen noch Berufserfahrung mitgeben könnte.“ Gehen die heutigen Tischler in Rente, könnte viel Wissen verloren gehen, fürchtet Hergert.
Neben dem Sägewerk hat Hergert für seine Arbeiten als Restaurator eine weitere Maschine gekauft: einen Niederdrucksandstrahler, der in einer eigenen Hütte auf seinem Gelände steht – weil er im Einsatz seine ganze Umgebung mit feinem Sand bedeckt. Besonders oft wird der Tischler für Kirchenportale angefragt. In Geiselberg und Otterberg hat Hergert die großen Eingangstüren an Kirchen erneuert, auch in Bann, in weiteren Orten des Bistums Speyer und vielerorts in Luxemburg. Bei Bedarf schiebt er mit dem Stapler ein ganzes Portal durch die breite Tür in die Hütte, hüllt sich in einen Ganzkörperanzug mit Maske und spritzt mit dem feinen Sandstrahl Verschmutzungen und alte Farbreste von den Toren. Auch geschredderte Walnussschalen seien dafür geeignet.
Manchmal vermischen sich die zwei Seiten von Hergerts Beruf: etwa kürzlich bei der Restaurierung einer altehrwürdigen Vordertür eines Hauses in Luxemburg. Da treffe der Anspruch, die ursprüngliche Schönheit wiederherzustellen, auf moderne Bedürfnisse wie Wärmeisolation, Schallschutz und Schutz vor Einbrechern. So richtete Hergert die ursprüngliche Tür wieder her und klebte sie als Außenseite auf eine neue, die alle Ansprüche erfüllte, aber ebenfalls in alter Optik hergerichtet wurde. So ein Konstrukt könne bis zu zwölf Zentimeter dick sein, erzählt der Schreiner.
Trend: Runde Formen wie in den 60ern
Der Luxemburger Kunde hatte den Tischler aus Geiselberg dann gleich noch engagiert, um eine neue Garderobe zu bauen. „Das ist eine ganz andere Art von Arbeit. Modern und weiß soll die Garderobe werden“, erzählt Hergert.
Generell sei die Auslastung seines Betriebs gut: „Ich habe genug zu tun.“ Neben privaten Kunden und Kirchen erneuere er beispielsweise Möbel im Rodalber Krankenhaus. Einfache Metallarbeiten erledige er selbst, bei komplexen Aufgaben arbeite er am liebsten mit dem Höheischweilerer Schmied Thomas-Maria Schmidt zusammen.
Nach der Erfahrung des Schreiners entdecken Kunden alte Vorlieben: „Die Leute mögen wieder runde Formen – ein bisschen wie in den 60ern –, abgerundete Ecken und warme Erdtöne.“ Die Hölzer seien wieder ruhiger und wiesen weniger Astlöcher auf. Das klare Weiß, in dem Holzmöbel in modernen Häusern lange Zeit gestrichen wurden, sinke derzeit in der Beliebtheit.
