Rodalben
Vogelleichen, Schwindelfreiheit und Kirchendächer: Die Glockenwächter der Pfalz
Wenn die Kirchturmuhren in der Pfalz richtig gehen und die Glocken verlässlich schlagen, dann hat das auch mit der Familie Buse aus Rodalben zu tun. Seit drei Generationen betreut der Familienbetrieb viele Kirchen und Türme der Region. Begleitet man die Glocken- und Turmuhren-Servicetechniker bei ihrer Arbeit, gewinnt man Einblicke und erlebt Überraschungen.
Vater und Sohn sind sich gar nicht ähnlich. Da ist zum einen Wolfgang Buse, Sohn des Firmengründers Josef Buse, ein 63-Jähriger, der vor Anekdoten praktisch überquillt: Durch eine Stuckdecke durchbrechen? Ist ihm schon passiert. Als Kind auf einem Glockenstuhl turnen, den der Vater für die Ortskirche daheim aufgebaut hat? „Wenn du sowas schon mal im Garten stehen hast, da hält so einen jungen Kerl ja gar nichts.“
Und da ist Johannes Buse, der wohl gegen jedes Klischee anläuft, das man über Menschen haben könnte, die sich täglich in bis zu vier Kirchen aufhalten. Die Arme und Beine des 32-Jährigen sind tätowiert und in den Ohren hat er große Tunnel. In seiner Freizeit ist er Sänger einer Metal-Band.
Ohne Schwindelfreiheit geht nichts
Die Firma, zu der noch Wolfgang Buses Bruder gehört, ist beispielsweise im Einsatz, wenn eine Anlage gewartet werden muss oder sich ein Pfarrer meldet, weil eine Glocke nicht schlägt. Der Weg zum Einsatzort ist häufig anstrengend, weil treppen- und leiterreich, wenn nicht gar abenteuerlich. „Das A und O ist Schwindelfreiheit“, betont Wolfgang Buse. „Wenn du nicht schwindelfrei bist, brauchst du mit mir nicht wegzugehen zum Arbeiten.“
Ein Test dafür ist beispielsweise die Steigeisenleiter am Turm der Markuskirche in Pirmasens. Oben angekommen repariert Johannes Buse die Läutemaschine im Licht seiner Stirnlampe; das Satteldach ist so niedrig, dass die Arbeit nur auf den Knien ausgeführt werden kann. „Je nach Größe des Turms ist es eng oder man hat mega viel Platz“, erklärt Johannes Buse. Es gebe auch riesige Türme, auf den nur eine Glocke hänge. „Man kann gefühlt Fußball spielen“.
Interessante Funde in den Kirchtürmen
Komplett leer sind diese oft nicht: Cola-Dosen, Werkzeug, alte Uhren, auf all das stoßen die Servicetechniker in den Dachstühlen der Kirchen. „Kommt auch schon mal vor, dass man was Interessantes findet“, sagt Johannes Buse. Das meiste habe sein Vater schon abgegrast, erzählt er. „Aber man findet auch regelmäßig Werkzeug, was man mal selbst hat liegen lassen.“
Und es gibt die Bewohner der Türme. Das seien häufig Tauben, die zum Leidwesen der Familie Buse alles vollmachen. „Wir haben Läutemaschinen, die müssen wir freigraben“, sagt Wolfgang Buse. „Das ist eine Riesensauerei und kann nicht gut sein für unsere Gesundheit.“
Ein mindestens genauso großes Risiko sind nicht gewartete Glocken: Theoretisch könnte ein Klöppel, der nicht nachgezogen wurde, beim Läuten wegfliegen und Menschenleben gefährden.
Aber die Bedeutung von Kirchen nimmt ab. Das Geld fehlt und Pfarreien werden zusammengeschlossen. Die Glocken verstummen und nicht mehr alle Anlagen werden gewartet. Das merken die Buses auch an ihrer Auftragslage, berichten sie.
Neugierige kommen immer noch zum Probeläuten
Der Glockenklang scheint der Bevölkerung jedoch weiterhin wichtig zu sein: „Gerade mit Glocken identifizieren sich die Leute“, erzählt Wolfgang Buse. Beim Probeläuten nach der Wartung auf dem Dorf kämen die Leute zur Kirche, um nachzuschauen, was passiert sei.
Fragt man Wolfgang Buse nach seinen persönlichen Lieblingsglocken, sagt er erst „Lieblingsglocken habe ich eigentlich viele“, um dann doch auf ein spezifisches Geläut zu kommen: In der Kirche St. Josef in Rodalben sei er getauft worden, zur Kommunion gegangen, gefirmt worden. Auch kirchlich geheiratet hat er dort. „Und auch wenn das eine Sonderbronze ist und das laut Glockensachverständigen nicht die schönsten Glocken sind – für mich sind sie, glaub ich, die schönsten.“
