Pirmasens
Physiotherapieschule wird zum Magnet für französische Schüler
Im Foyer der Physiotherapieschule in Pirmasens herrscht fröhliches Stimmengewirr: deutsch und französisch wechseln sich in schneller Reihenfolge ab, als die Auszubildenden die Treppe des Gebäudes hinabgehen. Dieser Moment ist kein Einzelfall: Von den 121 Schülerinnen und Schülern stammen derzeit lediglich 31 aus Deutschland. Die übrigen sind aus Frankreich, vornehmlich aus der Region Grand Est. „Sie sind einfach irgendwann gekommen“, sagt Schulleiterin Vanessa Sofsky mit einem Lächeln. Als sie 2012 als Lehrerin an der Schule angefangen habe, seien französische Schüler die Ausnahme gewesen. Heute sei das ganz anders. Das dürfte an mehreren Gründen liegen.
„Ich habe nur gute Sachen über die Schule gehört“, erzählt Mélina Werner. Die 19-jährige Französin ist in ihrem zweiten Ausbildungsjahr in Pirmasens und hat sich ganz bewusst für die Schule entschieden, nachdem ihr Freunde davon erzählt hatten. So sei das häufiger, erzählt Sofsky, die die Schule seit 2019 leitet und mittlerweile fließend französisch spricht. „Man wächst ja mit seinen Aufgaben“, sagt sie und erzählt davon, dass regelmäßig das Telefon klingle und sich französischsprachige Schüler nach der Ausbildung erkundigten.
Keine großen Hürden
Die Hürden, die Ausbildung in Pirmasens zu beginnen, seien für die französischen Schülerinnen und Schüler nicht hoch, sagt Sofsky. Der Kontakt laufe über die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion ADD. Es dauere etwas Zeit, beispielsweise, bis ein ausländischer Schulabschluss anerkannt werde. Zudem koste es 70 Euro Gebühr, aber dann sei eine Aufnahme problemlos möglich. „Ich habe noch nie eine Ablehnung erlebt“, berichtet Sofsky. Wie für deutsche Auszubildende auch, ist der Besuch der Schule für die französischen Auszubildenden kostenfrei. Lediglich ein Lehr- und Lernmittelbeitrag von 35 Euro falle monatlich an.
Mittlerweile suchten französische Gymnasien gezielt den Kontakt zur Physiotherapeutenschule in Pirmasens, berichtet Sofsky. An einem französischen Gymnasium werde sogar in Biologie und Sport auf Deutsch unterrichtet, um die Schüler auf eine Ausbildung in Deutschland vorzubereiten.
Als Au-pair die Sprache gelernt
Die 19-Jährige Constance Hugo hat vor ihrer Ausbildung in Pirmasens ein halbes Jahr als Au-pair in Perl verbracht, um dort die deutsche Sprache zu lernen. Die medizinischen Fachbegriffe lägen den französischen Azubis in der Regel sogar näher als den deutschen, erzählt Sofsky und nennt ein Beispiel: Der deutsche Begriff Schlüsselbein heiße auf französisch clavicule – der medizinische Fachbegriff lautet Clavicula. Für die französischen Absolventen sei es eher herausfordernd, die Fachbegriffe, die sie in Deutschland gelernt haben, ins französische zu übertragen. „Wir lernen hier ja alles auf Deutsch“, erzählt Robin Schöndorf. Der 21-Jährige hat einen deutschen Vater und ein zweisprachiges Abitur in Saargemünd gemacht. Jetzt ist er im zweiten Jahr an der Physiotherapieschule in Pirmasens.
„Physio ist ein cooler Job“, sagt Florian Fierling. Der 25-Jährige ist im ersten Semester, hat davor zwei Jahre als Ingenieur bei Michelin in Homburg gearbeitet. Als seine Stelle dort durch den Sozialplan wegfiel, habe er beschlossen, beruflich einen anderen Weg einzuschlagen. „Ich will den Menschen in meiner Umgebung helfen, dass es ihnen besser geht“, erzählt er.
In Frankreich fünfjähriges Studium
In Frankreich führe der Weg in die Physiotherapie über ein Studium und dauere fünf Jahre. Es ist nicht einfach, überhaupt einen Platz zu bekommen. Im ersten Jahr müsse zudem ein Medizinkurs belegt werden, der für alle gleich sei – Human- und Tiermediziner sowie Physiotherapeuten. Das sei extrem hart, erzählt Fierling. Er kennt viele, die das Studium deswegen abgebrochen haben. In der deutschen Ausbildung werde viel Wert darauf gelegt, sich gegenseitig zu helfen und das Wissen weiterzugeben, erzählt Constance Hugo. „Es gibt keine Konkurrenz“, erzählt die 19-Jährige, was ihr an der Ausbildung besonders gut gefällt.
„Bei uns dauert die Ausbildung drei Jahre und ist viel praktischer orientiert“, ergänzt Sofsky. Auch inhaltlich unterschieden sich die Physiotherapie-Konzepte der beiden Länder. Während in Frankreich noch stark auf passive Behandlungsansätze wie Schlingentisch und Elektrotherapie gesetzt werde, liege in Deutschland der Schwerpunkt stärker auf der Aktivität und dem sportlichen Aspekt.
Grenzkontrollen kosten Zeit
Manche Auszubildende wohnen in Pirmasens, andere, wie Robin Schöndorf, pendeln täglich. Die Grenzkontrollen kosteten dabei immer wieder Zeit. „Aber mittlerweile kennen sie mein Auto und winken mich durch“, erzählt er.
In der letzten Zeit entschieden sich viele französische Azubis dazu, nach ihrer Ausbildung in Deutschland zu arbeiten, erzählt Sofsky. Das können sich auch Constance Hugo, Mélina Werner, Florian Fierling und Robin Schöndorf vorstellen, wie sie erzählen. „Die Schülerinnen und Schüler haben viele Möglichkeiten“, erzählt Sofsky. So gebe es in vielen Regionen einen großen Bedarf an Physiotherapeuten.
