Weissenburg RHEINPFALZ Plus Artikel Lithografie-Ausstellung im Musée Westerkamp in Weißenburg

Auf dem Dachboden der früheren Druckerei fanden sich Unmengen an wertvollen Lithografien, die viel über das Leben im Elsass dere
Auf dem Dachboden der früheren Druckerei fanden sich Unmengen an wertvollen Lithografien, die viel über das Leben im Elsass dereinst erzählen.

Das Musée Westerkamp zeigt in der früheren Unterpräfektur in Weißenburg eine Ausstellung aus den Beständen der früheren Lithografie-Druckerei Wentzel.

Die einst in Weißenburg ansässige Druckerei von Jean Frédéric Wentzel entwickelte sich aus einem Buchladen in der Bannackerstraße in Weißenburg, wurde 1835 gegründet und produzierte mit dem Lithografie-Verfahren zur Hochzeit im Jahr 1869 zwei Millionen Bilder pro Jahr. Sie berichteten sehr farbenprächtig von Gestalten aus Gedichten, fernen Kontinenten, Königshäusern und von der elsässischen Lokalkultur. Die Darstellungen entsprachen nicht immer der Realität, sondern eher dem, was sich der Zeichner unter dem jeweiligen Sujet vorstellte. Die „Amerikanerinnen“ auf einem Blatt beispielsweise waren wohl mehr der Wunschvorstellung des Künstlers entsprungen als der tatsächlichen Urbevölkerung. Populäre Bilderbogen waren das Haupterzeugnis der Druckerei. So wie heute die Menschen über das Smartphone fremde Welten entdecken, so begaben sich die Menschen damals über die Bögen von Wentzel auf imaginäre Reisen.

Rund 50.000 Drucke

Im 19. Jahrhundert gab es eine riesige Nachfrage nach den Bildern und Drucken aus dem Hause Wentzel. Das Unternehmen konnte eine Dependance in Paris eröffnen. Die Drucke wurden in zehn Sprachen produziert – auch in Latein. Entsprechend groß war der Fundus, der sich nach dem Ende der Firma auf dem Dachboden fand. Nicht nur tausendundein Bild, wie es auf der Werbung für das Museum heißt, warteten auf die Sichtung, die bereits seit Jahren läuft.

Geschätzt 50.000 Drucke stehen dem Museum zur Verfügung. Dazu kommen Lithopressen, Werkzeuge und Farben, die Einblick in ein Handwerk geben, das heute nur noch von Künstlern für kleine Auflagen genutzt wird. Der Offsetdruck machte die Lithografie zu teuer. Als Lithografie wird die 1796 von Aloys Senefelder in Deutschland entwickelte Technik bezeichnet, die durch die Abstoßung von Fett und Wasser auf Kalksteinen detailreiche Drucke ermöglichte. Der Lithograf zeichnete mit einem Fettstift auf dem Kalkstein. Nur das Fett der Zeichnung hält die Farbe auf der Oberfläche. Der Stein kann mehrere hundert Drucke liefern. Die Lithografie war viel günstiger und schneller als die zuvor übliche Gravur und konnte Massen mit Bildern beliefern.

Bis unter die Decke

Zur Zeit von Wentzel herrschte keine Bilderflut wie heute. Die Menschen gierten nach Darstellungen ländlichen Lebens, Dorfansichten oder Illustrationen bekannter Geschichten sowie nach wissenschaftlichen Darstellungen von Pflanzen und Tieren. Die Sammlung der Druckerei Wentzel fand sich über viele Jahre im Museum Westerkamp in einem Fachwerkhaus der Altstadt von Weißenburg. Aus bautechnischen Gründen musste das Museum geschlossen werden. Ein Teil der Sammlung – speziell die Funde aus der Druckerei Wentzel – wanderte in die Räume der früheren Unterpräfektur. Die „L’imagerie populaire de Wissembourg“, also die volkstümliche Bilderwelt von Weißenburg, füllt die Räume bis unter die Decke. Das Ergebnis ist kein heute übliches Museum mit vielen digitalen Elementen. In Weißenburg wird mit dem gearbeitet, was die Druckerei etwas länger als 100 Jahre geliefert hatte. Die Farbkräftigkeit und vor allem die schiere Masse an Bildern, die zwischen 1835 und 1940 aus der Druckerpresse kam, beeindrucken. Vor allem der Detailreichtum der Darstellungen verblüfft. Die Koloristen sollen 69 Stunden pro Woche gearbeitet haben. Von einer 40-Stunden-Woche war die Wirtschaft im 19. Jahrhundert noch weit entfernt.

18 Lithopressen waren zwischen 1869 und 1870 in Betrieb. 63 Mitarbeiter zählte die Druckerei. Täglich wurden maximal 400 Blätter produziert. Wentzel nutzte den Wunsch der Menschen nach erschwinglichen Bilderbögen, die von seinen Buchhändlern und Hausierern vertrieben wurden. Die Themenpalette bot für jeden etwas und reichte von frommen Darstellung über weltliche, militärische, moralische und humoristische Motive. Weißenburg war zur Blütezeit der Druckerei ein Zentrum der Bildproduktion für ganz Frankreich. „Im 19. Jahrhundert war sie die wichtigste Industrie in Weißenburg und gehörte zusammen mit Epinal, Metz, Nancy und Straßburg zu den führenden Produzenten in Ostfrankreich und konnte mit der Pariser Bilderindustrie konkurrieren“, erläutert Serge Burger, der Leiter des Museums.

Ein Museum mit Tausenden Bildern schaffen

Die Blütezeit der Druckerei Wentzel war in den Jahren 1869 und 1870. Sie endete abrupt mit der Eingliederung des Elsasses in das Deutsche Reich nach dem Deutsch-Französischen Krieg. Erst 1880 wurde der Betrieb wieder aufgenommen und neun Jahre später an zwei Deutsche verkauft. Zwischen 1930 und 1940 endete schrittweise die Produktion.

Die derzeitige Ausstellung ist nur ein Provisorium, wie Serge Burger erzählt. Die Sammlung wird weiterhin gesichtet, archiviert und aufbereitet. Vier Restauratorinnen sind derzeit mit der Aufbereitung beschäftigt. Ziel ist es, ein großes Museum mit Tausenden Bildern zu schaffen. In diesem Jahr ist nur noch am nächsten Wochenende, 20. und 21. Dezember, geöffnet. Die Saison startet dann erst wieder im April.

Info

Öffnungszeiten: Samstag und Sonntag von 14 bis 18 Uhr im Dezember. Ab April bis Oktober jeden Sonntag von 14 bis 18 Uhr. Der Eintritt beträgt vier Euro.

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