Saint-Louis-lès-Bitche RHEINPFALZ Plus Artikel Kristallerie: Warum für die Produktion mancher Teile mehr als drei Mitarbeiter nötig sind

In Saint-Louis-lès-Bitche wurde in die Glasbläserhalle ein kompletter Museumsbau als Haus im Haus gebaut.
In Saint-Louis-lès-Bitche wurde in die Glasbläserhalle ein kompletter Museumsbau als Haus im Haus gebaut.

Während im benachbarten Meisenthal aktuell tausende Besucher pro Tag sich eine Weihnachtskugel aus der örtlichen Manufaktur sichern wollen, setzt die Kristallerie in Saint-Louis-lès-Bitche auf das Luxussegment. Seit über 250 Jahren kommen edelste Gläser aus dem Dorf. Der Konzern Hermès leistet sich ein Museum als Haus im Haus – mitten in der Produktionshalle.

Genau genommen wird an dieser Stelle schon seit 1586 Glas hergestellt. Damals hieß das Dorf Saint-Louis-lès-Bitche noch Münzthal, verschwand aber im Dreißigjährigen Krieg von der Landkarte. Erst 1767 erinnerte sich der französische König Louis XV. an das Dorf und seine Glasmacher. Er ließ eine neue Manufaktur errichten mit Arbeiterhäusern und allem, was für die Herstellung edler Gläser nötig war. Das Dorf wurde ihm zu Ehren Saint-Louis genannt.

Die Glasbläser in Saint-Louis müssen zu den besten des Landes gezählt haben. Auf jeden Fall gelang ihnen 1781 als erster Manufaktur auf dem europäischen Festland die Herstellung von Bleikristall. Davor kam Kristallglas nur aus England, und die Engländer hüteten ihr Geheimnis sehr streng. Die Handwerker in Saint-Louis entwickelten das Glas in mannigfacher Form als königliche Manufaktur weiter. Heute ist Saint-Louis wegen seiner Golddekore und feinen Gravuren bekannt und eine der wenigen Manufakturen, die immer noch produzieren. Rund 300 Mitarbeiter sind dort beschäftigt. Die Automatisierung hat auch hier Einzug gehalten, wie ein Blick in die Produktionshalle zeigt. Es wird aber immer noch sehr viel von Hand gearbeitet. Viele der Objekte, von der Vase bis zum Kronleuchter sind, auch nur in reiner Handarbeit machbar. Für die Fertigung besonders schwerer Teile sind oft mehr als drei Personen nötig. Später hängt das Kristallglasteil mitten in einem Kronleuchter, der Ausmaße hat, die jedes normale Wohnhaus sprengen würden. Den Geldbeutel der Bewohner garantiert auch.

Vasen kosten grundsätzlich mehrere Tausend Euro

Die Produkte der Kristallerie, die gleich neben dem Museum angeboten werden, sind nichts für den kleinen Geldbeutel. Der Preis für ein Champagnerglas beginnt bei 250 Euro. Aschenbecher kommen gerne auf mehr als 600 Euro, und die Vasen sind grundsätzlich nur für mehrere Tausend Euro zu haben. Was der Kronleuchter kostet, wird nur auf Anfrage wirklich seriöser Kunden mitgeteilt, wie eine Unternehmenssprecherin mit vielsagendem Blick erzählt. Gerade die Kronleuchter sind weltweit begehrt. Der König von Nepal hat einen und lässt ihn gerne alle paar Jahre in Saint-Louis grundreinigen. Der französische Bahnkonzern SNCF hat für seine Schnellzuglinie TGV und deren Bahnhöfe mehrere der Kronleuchter von Saint-Louis geordert, die nun in Bahnhofshallen für Licht und Glanz sorgen.

1995 kaufte sich der französische Luxuskonzern Hermès die Kristallerie und ließ zwölf Jahre später ein Museum in die Produktionshalle bauen, das seinesgleichen sucht. Da der gesamte Manufakturkomplex unter Denkmalschutz steht und die französischen Denkmalschützer sehr streng sind, durfte in der vorhandenen Bausubstanz nichts geändert werden. Deshalb kamen die Architekten auf die Idee eines Hauses im Haus: Ein komplett aus Holz gebautes Gebäude wurde in die riesige Halle gesetzt. Der Besucher läuft auf einem schneckenförmigen Wandelgang durch die Jahrhunderte der Glasproduktion von Saint-Louis. Die Manufaktur hat im Gegensatz zu anderen den unschätzbaren Vorteil, dass auf einem Dachboden des Areals so ziemlich alle Gläser, die je dort produziert wurden, auch aufgehoben und archiviert waren. Die Museumsmacher konnten also aus dem Vollen schöpfen. Von den ersten Gläsern des 18. Jahrhunderts über erstaunlich modern wirkende Kreationen des 19. Jahrhunderts bis zu heutigen Designerstücken ist alles zu sehen. Weingläser, Karaffen und auch ordinäre, aber sündhaft teure Wassergläser inklusive deren Metamorphose im Laufe der Jahrzehnte werden gezeigt. Immer aktuellen Moden und neuen Produktionstechniken folgend, aber stets auch dem Kristall und seinem feinen Klang verpflichtet. Von einem Balkon aus können die Besucher direkt in die Produktion spitzeln und die Arbeiter beobachten.

In oberen Etage Platz für zeitgenössische Kunst

Der Konzern Hermès fühlt sich immer auch der Kunst verpflichtet. Im Haus wird mit dem aus dem Bitscherland stammenden Patrick Neu ein zeitgenössischer Künstler als Berater beschäftigt. In der oberen Etage des Museumsbaus ist Platz für zeitgenössische Kunst, die Kuratoren des Konzerns auswählen. Die Künstler können sich dann mit der Kristallerie, ihren Produkten und der Geschichte beschäftigen, um entsprechende Werke aus Glas oder auch anderen Materialien zu fertigen. Aktuell hat sich der französische Fotograf Patrick Faigenbaum lange in den Hallen und anderen Teilen der Manufaktur auf Motivsuche begeben dürfen. Faigenbaum durfte dabei sogar ins Archiv auf den Dachboden, wo es immer noch so aussieht, als wenn die königlichen Glasmacher des Jahres 1780 ihre Werke gerade eben hingestellt hätten.

Die Fotografie von Faigenbaum ist im übrigen keine normale Fotokunst. Der 1954 geborene Fotograf nutzt Techniken der Malerei zum Bildaufbau und hier die so genannte Kunst der Komposition par excellence. Das ist eine Weiterentwicklung des bekannten Goldenen Schnitts, die Bildelemente entlang einer geschwungenen Linie einer Spirale platziert. Der Blick wird so geleitet und wirkt fließender. Die Ausstellung von Faigenbaum ist noch bis 12. Januar zu sehen.

Wer Saint-Louis-lès-Bitche besucht, sollte auf jeden Fall auch den Ort besichtigen. In der riesigen Kirche glänzen die Kronleuchter der Kristallerie – und so manche Seitenstraße des Dorfes ist genau so erhalten, wie sie im 18. Jahrhundert angelegt wurde. Nicht umsonst dient das Dorf gelegentlich als Kulisse für historische Filme.

Öffnungszeiten

Täglich, außer Montag, von 10 bis 13 Uhr und 14 bis 18 Uhr.

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