Meisenthal
Glaskunstzentrum: Wie aus alten Formen eine letzte Kunst entstand
Der in Paris lebende Designer François Azambourg entwirft normalerweise edle Aktentaschen für den Luxuskonzern Hermès oder Stühle und öfter auch Glasobjekte. Für eine besondere Vase ist er aus Paris nach Meisenthal gekommen, wie es viele internationale Designer tun, wenn sie ein spezielles Objekt fertigen wollen. Dort zeigte ihm Yann Grienenberger, der Leiter des Centre International D’Art Verrier (CIAV), also des Internationalen Glaskunstzentrums, die „Moulotheque“ des Hauses. Dort lagern seit dem Ende der Produktion von Industriegläsern in den 1960er Jahren die Formen, also Moules, mit denen Prototypen entwickelt wurden oder kleine Serien.
Über 8000 Formen waren es beim Produktionsende. Die meisten davon sind aus Metall und waren deswegen einst begehrt bei den Schrotthändlern. So gibt es heute nur noch rund 1500 Formen, viele davon aus Holz. Die Holzformen galten für den Produktionsprozess als noch praktischer als das Metall, da sie sich nicht bei Hitze verziehen und die Form behalten. Grienenberger bedauert, dass einst so viele der Formen zum Schrottpreis verkauft wurden. Immerhin werde an den Formen ein Stück Industriegeschichte der Region wiedererlebbar. Bedauerlich war auch, dass einige der Formen inzwischen durch Nässe so beschädigt waren, dass sich eine weitere Aufbewahrung nicht empfahl. Teilweise war das Holz schon angeschimmelt.
Für den Designer François Azambourg stellte dies allerdings keinen Makel dar. Im Gegenteil, es reizte ihn geradezu, mit den beschädigten Formen ein Kunstprojekt zu machen. Eine Spezialität von Azambourg ist, beim Entwurf eines Objekts immer den Produktionsprozess ganz genau im Auge zu behalten. Er sehe die Dinge durch den Prozess der Produktion, betont der Designer. Die Idee für „Le dernier souffle“ war geboren. So wurden 84 Holzformen noch einmal zum Blasen einer Vase, eines Bechers oder einer Schale genutzt. Ein besonders schwarzes Glas wählte Azambourg für diesen letzten Akt im Zyklus einer Blasform aus.
Während früher die Formen bei der Produktion immer nass gehalten wurden, um sie nicht zu verbrennen, wird beim letzten Blasen bewusst darauf verzichtet. Die Form verbrennt, wenn das über 1000 Grad heiße Glas hineingeblasen wird. Wie das passiert, sehen die Besucher beim Besuch der Ausstellung mit den Ergebnissen der Kunstaktion. Die ausgebrannten Formen liegen neben dem letzten aus ihnen entstandenen Werk. Wobei der Begriff „ausgebrannt“ im doppelten Sinne zu verstehen ist: Die Form wäre ohnehin am Ende, also ausgebrannt, gewesen und wurde von Azambourg gezielt innen verbrannt.
Zeugen des letzten Atems
Da die Formen während der früheren Produktion schon erste Schäden erhielten und während der jahrzehntelangen Lagerung weitere Macken und Risse entstanden, sind die Objekte aus dem letzten Blasen an vielen Stellen ebenfalls rissig und mit Stellen überzogen, die dem Schaden entsprechen. Im Prozess des Verbrennens entsteht also etwas ganz Neues, eine Form, wie sie die einstige Industrieproduktion sofort in den Container für Ausschuss befördert hätte. Für Azambourg stellen die Zeugen des letzten Atems einer Blasform aber echte Kunst dar.
Ausstellung
„Le dernier souffle“, Centre International d’Art Verrier (CIAV), Meisenthal, bis 29. Juni, täglich außer montags von 13.30 bis 18 Uhr.