Südwestpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Geheimnisse der Napoleonsbänke im nördlichen Elsass

Der Heimathistoriker Rudolf Wild ist ein Spezialist für Napoleonsbänke.
Der Heimathistoriker Rudolf Wild ist ein Spezialist für Napoleonsbänke.

Was haben viereckige Steinkonstruktionen im Elsass mit Napoleon zu tun? Tauchen Sie ein in die historische Welt der Napoleonsbänke.

Wer im nördlichen Elsass unterwegs ist, kommt immer wieder an viereckigen Steinkonstruktionen aus Sandstein vorbei, die im ersten Moment an einen Bilderrahmen erinnern. Sie finden sich entlang von Wegen und Straßen und werden gemeinhin als Napoleonsbänke bezeichnet. Etwa 230 dieser Bänke seien im nördlichen Elsass noch erhalten, sagt Rudolf Wild (80).

Eine typische „Napoleonsbank“: eine Ruhebank in der Nähe von St. Germanshof.
Eine typische »Napoleonsbank«: eine Ruhebank in der Nähe von St. Germanshof.

Seit Jahren beschäftigt sich der Heimathistoriker mit den steinernen Zeugnissen aus der Vergangenheit. Wild stammt aus dem Odenwald, ist studierter Landschaftspfleger und wohnt seit 1982 in Annweiler. Um die Pfalz besser kennenzulernen, ging er wandern und hielt viele der historischen Besonderheiten fotografisch fest. So auch die Napoleonsbänke. Sein Wissen fasste er 1997 in seinem Beitrag „Vom Ruhstein zur Napoleonsbank“ in den Volkskundlichen Beiträgen zur Kulturgeschichte der Pfalz zusammen. Zudem hat er eine eigene Homepage entworfen.

Die Bänke und Napoleon

Und was haben die Bänke jetzt mit Napoleon zu tun? Eine der Legenden besage, dass Napoleon Bonaparte höchstpersönlich befohlen habe, Bänke aufzustellen, nachdem er beobachtet habe, wie Frauen auf dem Land schwere Lasten auf dem Kopf getragen haben, erzählt Wild. Sie sollten sich auf den steinernen Bauten ausruhen können.

Das Holzmodell einer Napoleonsbank, das Rudolf Wild gefertigt hat.
Das Holzmodell einer Napoleonsbank, das Rudolf Wild gefertigt hat.

Diese Verbindung zu Napoleon dürfte der Fantasie entsprungen sein, der Grund, aus dem die Steinquader aufgestellt wurden, dürfte aber der genannte sein: Die Bänke sind in regelmäßigen Abständen entlang der damaligen Wege aufgestellt worden und dienten als Rastplatz. Alle zwei Kilometer habe eine Ruhebank gestanden, das entspreche einer Gehzeit von 30 Minuten, sagt Wild. Bei manchen Bänken fanden sich sogenannte Reitsteine, die das Aufsteigen auf Pferde erleichterten.

Staatliche Fördermittel für die Bänke

Der erste schriftliche Nachweis über die Bänke stamme aus dem Jahr 1811. Einen Bezug zu Napoleon gibt es darin tatsächlich, wenn auch anders, als die Legende besagt: Der Straßburger Präfekt Adrien de Lezay-Marnésia habe die Feierlichkeiten rund um die Taufe des Thronfolgers im Jahr 1811 nutzen wollen, um mit staatlichen Fördermitteln Ruhebänke zu finanzieren. Zwischen den Zeilen werde deutlich, dass es um Bänke ging, die bereits bestanden hatten – eine neue Idee schienen sie also nicht zu sein, sagt Wild. Er geht davon aus, dass die ersten Ruhebänke aus Holz bestanden und erst später aus Stein gefertigt wurden.

Nachbau der Ruhbank, die dem Pirmasenser Stadtteil seinen Namen gab.
Nachbau der Ruhbank, die dem Pirmasenser Stadtteil seinen Namen gab.

Rund um die Taufe 1811 sollen im Departement Bas-Rhin rund 120 Bänke aufgestellt worden sein, die als „Banc du roi de Rome“ bezeichnet worden seien. Pro Bank sollten vier Bäume als Schattenspender gepflanzt werden, Linden oder Kastanien. Etwa 20 dieser Ruhebänke seien noch erhalten, sagt Wild. Das Aussehen der Bänke habe variiert. Die Urform war relativ schlicht, sie bestand aus einer Sitzfläche und daneben einer höheren Stele, auf der Lasten abgestellt werden konnten.

Jahreszahl im Sturz

Im größeren Stil wurden im Jahr 1854 weitere Bänke aufgestellt. Auch hierbei spielte ein Napoleon eine Rolle: Der Präfekt des Départements Bas-Rhin, Auguste César West, habe die Hochzeit Napoleons III. zum Anlass genommen, 448 Bänke aufstellen zu lassen – alle zwei Kilometer eine, berichtet Wild. Er geht davon aus, dass im Zuge dieser Maßnahme auch beschädigte Bänke wieder aufgebaut wurden.

Eine Gedenktafel an der Pirmasenser Ruhbank informiert über die Geschichte der Bank.
Eine Gedenktafel an der Pirmasenser Ruhbank informiert über die Geschichte der Bank.

Dieses Mal seien die Bänke einheitlich gestaltet worden und so habe sich für diesen Typ Bank – bestehend aus zwei Seitenteilen, einer Sitzfläche unten und einer Abstellfläche oben – der Name „Napoleonsbank“ durchgesetzt. In der Pfalz und dem Elsass seien die Bänke vorwiegend an wichtigen Fernstraßen aufgestellt worden, die im 19. Jahrhundert gebaut oder ausgebaut worden seien.

So wurden die Bänke genutzt

Als die Bänke aufgestellt wurden, sei es üblich gewesen, dass Frauen Lasten in Körben auf dem Kopf trugen: Stallmist wurde auf den Acker getragen, die Obsternte nach Hause gebracht, die Ernte auf den Markt. Kopflasten um die 40 Kilogramm seien durchaus üblich gewesen, sagt Wild.

„Haben sie schon einmal versucht, eine schwere Last auf den Kopf zu setzen?“, fragt Wild. Er selbst hat’s probiert, mit einem 15 Kilogramm schweren Stein. Es sei gar nicht so einfach, so eine Last im flachen Gelände auf den Kopf zu heben oder wieder abzusetzen. Dazu brauche es die Hilfe einer weiteren Person oder eben einer Ruhebank mit Ablageflächen in verschiedenen Höhen, damit die Last in Etappen abgesetzt werden kann. Bei den Napoleonsbänken sei die obere Abstellfläche eigentlich etwas zu hoch, um die Lasten gut absetzen zu können. Das liege daran, dass zwischen Sitzbank und Sturz mindestens ein Meter liegt, damit sich die Menschen beim Sitzen nicht den Kopf anstießen.

Modelle aus Holz nachgebaut

Die Form der Bänke habe sich über die Jahre gewandelt. Zwölf verschiedene Modelle der historischen Ruhebänke hat Wild aus Holz nachgebaut. Im deutschsprachigen Raum gebe es die meisten Ruhebänke in Baden-Württemberg, etwa 140 davon seien verzeichnet, schildert Wild.

Auch in der Pfalz gab es die Praxis, Bänke aufzustellen. Den frühesten Hinweis darauf liefere im Jahr 1748 der Name „Ruhbank“ des Pirmasenser Stadtteils. Wie diese Bank einmal ausgesehen hat, ist nicht bekannt. Das Exemplar, das sich an der Einmündung der Beckenhofer Straße in die Lemberger Straße findet, sei eine Nachbildung aus dem Jahr 1948, die Form orientiere sich an den Napoleonsbänken, die Konstruktion sei aber eine andere. Etwas hat die Pirmasenser Ruhebank aber, das es sonst wohl nicht gibt: eine Rückenlehne. „Das ist außergewöhnlich“, sagt Wild.

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