Pirmasens/Waldfischbach-Burgalben Fast drei Jahre Haft für Säureanschlag auf Frau mit Kleinkind

Seit dem 1. Februar 2021ist der Verkauf von Batteriesäure an Endverbraucher verboten. Es gibt sie nur noch in Fachwerkstätten. A
Seit dem 1. Februar 2021ist der Verkauf von Batteriesäure an Endverbraucher verboten. Es gibt sie nur noch in Fachwerkstätten. Als Inhaber eines Autohauses kam der Angeklagte ohne Probleme an die Säure.

Im Verfahren wegen eines Säureanschlags auf offener Straße auf eine junge Frau und ihren kleinen Sohn hat das Pirmasenser Schöffengericht am Dienstag das Urteil gesprochen: zwei Jahre und elf Monate Freiheitsstrafe für den 34-jährigen Angeklagten – einen Monat weniger als von der Oberstaatsanwältin beantragt.

Laut Anklage soll die Cousine und Schwägerin des späteren Opfers in einem Autohaus im Saarland, dessen Inhaber der Angeklagte war, nach Batteriesäure gefragt haben. Sie brauche es für private Zwecke. Der Angeklagte soll sich angeboten haben, die Sache für sie zu erledigen – für 12.000 Euro. Mit der Tatausführung soll dieser eine andere Person für 2000 Euro beauftragt haben. So die Anklage.

Am 23. November 2020 gegen 18 Uhr ging die spätere, heute 28-jährige Geschädigte mit ihrem damals 17-monatigen Sohn auf dem Arm vor ihrer Wohnung spazieren. Jemand habe sie an der Schulter berührt und angesprochen. Als sie sich umdrehte, habe ihr eine vermummte Person etwas ins Gesicht geschüttet, das gebrannt habe. Auch ihr Sohn habe etwas abbekommen. Das hatte die Frau vor Gericht berichtet. Beide erlitten fleckige Verätzungen im Gesicht, die Frau auch Sehprobleme. Bleibende Schäden gab es aber nicht.

Widersprüchliche Aussagen

Das Gericht ging in seiner Urteilsbegründung die möglichen Motivlagen der vor Gericht aufgetretenen Personen durch, ihre Verbindungen zueinander und wie die Polizei auf sie aufmerksam wurde: Zwei Wochen nach dem Anschlag und der Anzeige des Ehemanns bei der Polizei habe sich jemand gemeldet, der nicht im hiesigen Bereich wohnt, und mit Details, die nur jemand wissen könne, der damit zu tun hatte. Damit sei der Angeklagte ins Spiel gekommen. Ein Mann, der bei ihm aus der Wohnung geflogen war, war bei einem anderen untergekommen und habe geplaudert – wohl aus Hass, weil er rausgeflogen war. Damit rückte die Verbindung zur Cousine des Tatopfers ins Licht und die zwischen dem Angeklagten und einem Mann aus Nordrhein-Westfalen, der viel im Saarland unterwegs ist. Dieser habe aber keinen Kontakt mit der Cousine des Tatopfers gehabt.

Das Handy des Angeklagten habe neben Chats mit seiner Ehefrau auch Bilder von der Örtlichkeit des Hauses der Geschädigten und im Papierkorb ein gelöschtes abfotografiertes Bild des Opfers enthalten. Auf dem Handy des Mannes aus Nordrhein-Westfalen hatte die Polizei mehrere Fotos von Vermummten gefunden, die der Beschreibung des Opfers im Wesentlichen entsprochen hätten. Seine Geschichte dazu ergebe keinen Sinn, er habe außerdem verschiedene Namen für den Vermummten genannt. Für das Gericht war klar, dass der Mann aus Nordrhein-Westfalen mit dem Angeklagten in Verbindung stand.

Richter: Tat auf einer „sittlich sehr tiefen Stufe“

Das Gericht hatte keine Zweifel, dass der 34-Jährige der „Dreh- und Angelpunkt“ des Anschlags war. Es sei klar, dass es um Geld gegangen sei, angesichts der finanziellen Lage des Angeklagten. Nach dessen Angaben wollte sein zeitweiliger Geschäftspartner seine Einlage von 12.000 Euro zurück, wohingegen er, der Angeklagte, mit dem Autohaus pleite gegangen war. Der Angeklagte besitze die Schläue, dass er den Anschlag von einem anderen ausführen lasse, da er sonst vielleicht noch erwischt würde, argumentierte der Richter.

Aber das Schöffengericht verurteilte den Mann „nur“ wegen gefährlicher Körperverletzung, nicht auch wegen versuchter schwerer Körperverletzung. Der Nachweis, dass der Mann wollte, dass das Opfer bleibende Schäden davonträgt, also das Augenlicht verliert oder dauerhaft entstellt wird, habe nicht geführt werden können. Eine Frau, die nicht damit rechnet, mit einer ätzenden Flüssigkeit zu überschütten, „ist sittlich auf sehr tiefer Stufe“. Wenn dann noch ein Kind hinzukomme, „geht die Stufe sittlich nochmals runter“, fand der Vorsitzende Richter Alexander Kolb deutliche Worte.

Verteidiger Thomas Will bekannte: „Die ganze Geschichte ist verworren.“ Man habe kein Wort über familieninternen Stress gehört und nichts über ein Motiv der Cousine, der angeblichen Auftraggeberin des Anschlags. Auch mache die Planung keinen Sinn, da sie von zu viel Zufällen abgehangen habe. Die Zeugen hätten teils „Quatsch“ erzählt. Er forderte Freispruch für den 34-Jährigen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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