Nothweiler / Wingen RHEINPFALZ Plus Artikel Driwwe un Hiwwe: Jahrhundertelang Partnerschaft über Grenzen hinweg

Auf dem Rathausplatz in Wingen wird die Partnerschaft mit Nothweiler ausgerufen und gefeiert.
Auf dem Rathausplatz in Wingen wird die Partnerschaft mit Nothweiler ausgerufen und gefeiert.

Mit einem großen Fest feierten Nothweiler und Wingen im Elsass die Unterzeichnung ihres Partnerschaftsvertrages. Solche Partnerschaften sind seltener geworden.

Seit Jahrhunderten sind die Gemeinden Nothweiler und Wingen gute Nachbarn. Eine etwa vier Kilometer lange Grenze mit Grenzübergang, der gleichzeitig die Bundesgrenze bildet, trennt sie voneinander: Nothweiler im Norden und Wingen im Süden. Die Wingener nutzten das Partnerschaftsfest am vergangenen Wochenende auch zur Feier „80 Jahre Frieden“. In Frankreich und dem Elsass wird das Kriegsende besonders gewürdigt. Nachstellung der Situation mit dem Einmarsch der Amerikaner, Militärparade, Veteranen, Fahnen und Blasmusik mit der Musikkapelle der örtlichen Feuerwehr sind feste Bestandteile. Gespräche und eine Ausstellung sollen an die schwere Zeit erinnern. Nach der Parade am Sonntag fand der offizielle Festakt auf dem Rathausplatz statt. Vor der Mairie versammelten sich etwa 400 Menschen. Eine große Abordnung aus Nothweiler war ebenfalls vertreten. Der aktuelle Ortsbürgermeister André Schmitt aus Wingen und Ingo Schuster aus Nothweiler verlasen die Partnerschaftsurkunde, die vor dem Rathaus unterzeichnet wurde. Anschließend lud Wingen zum Imbiss und Plausch in die Festhalle ein.

Beide Ortsbürgermeister betonten die langen freundschaftlichen Verbindungen der Gemeinden und ihren Wunsch, in einem friedlichen Europa zusammenzuleben. André Schmitt sagte, die Menschen hier feiern seit jeher gemeinsam Hochzeiten und Beerdigungen. Die Feuerwehr, die Vereine und Jugendlichen haben sich ausgetauscht – auch vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg und trotz Grenze und Zollkontrollen. Ingo Schuster berichtete, wie die Zusammenarbeit in den vergangenen Jahrzehnten Früchte getragen habe. Schon kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges fanden Männer aus Nothweiler Arbeit im Elsass, hauptsächlich in der Forstwirtschaft. Auch Frauen aus Nothweiler arbeiteten damals auf dem Gimbelhof in der Küche oder in der Landwirtschaft. Es gibt seit langem verwandtschaftliche Beziehungen zwischen den Dörfern, wie die Namen Kochert, Kindelberger oder Grüny zeigen. Diese Freundschaften wurden auch nach dem Krieg gepflegt. Meistens traf man sich sonntags und legte die Strecken zu Fuß zurück, denn ein Auto besaß niemand.

Der Reiz der Fritten

Der Grenzübergang war nur zu Fuß passierbar, und zwar zwischen 10 und 17 Uhr. Der Übergang wurde damals von Zöllnern auf deutscher und französischer Seite streng überwacht. Heinz Biehler erinnert sich: „Für uns Kinder, die nach dem Krieg geboren wurden, gehörte der Sonntagsspaziergang mit den Eltern zum Gimbelhof zum Ritual. Wir waren leicht zu motivieren, denn dort gab es Pommes frites, die es bei uns nicht gab.“

Die Feuerwehren beider Gemeinden wurden früh in das freundschaftliche Miteinander eingebunden. Bald wurden auch gemeinsame Feste gefeiert. 1986 fand in Nothweiler das erste Dorffest, das Drei-Burgen-Fest, und in Wingen das erste Holzfest statt. Gegenseitige Besuche der Bewohner zu den Festen waren üblich. Die Volkstanz- und Denglergruppe Nothweiler tanzte in Wingen, die Feuerwehrkapelle aus Wingen spielte in Nothweiler.

Der Schlagbaum fällt

Die Grenzöffnung am 1. Januar 1995 durch das Schengenabkommen wurde zwischen Wingen und Nothweiler mit einem großen Fest gefeiert. Seitdem gibt es regelmäßige Treffen zwischen den Gemeinderäten der beiden Kommunen, um über grenzüberschreitende Maßnahmen zu beraten. Diese Sitzungen finden abwechselnd in beiden Gemeinden statt, ebenso die Neujahrstreffen in Wingen.

Altbürgermeister Biehler berichtet: „Damals war es nicht einfach, solche Projekte anzustoßen und man brauchte einen langen Atem.“ Im Jahr 2000 wurde am Grenzübergang eine Anlage errichtet und ein Friedensbaum gepflanzt. Auf einer Stele sind die Namen der Ortsbürgermeister und Gemeinderäte als Zeichen guter Freundschaft verewigt. 2005 wurde ein deutsch-französisches Kinder- und Jugendprogramm verwirklicht, bei welchem sich Schulkinder und Jugendliche der Dörfer regelmäßig trafen, um sich besser kennenzulernen und die Sprache des Nachbarn zu verstehen. Mit dem Grenzgängerweg wurde 2008 ein weiteres Projekt umgesetzt. Es ist ein sieben Kilometer langer Wanderweg mit historischen Erläuterungen. 2016 wurde ein Bouleplatz am Grenzübergang angelegt, der je zur Hälfte auf französischem und deutschem Gebiet liegt. Schuster: „Bis heute treffen wir uns mit Wingen regelmäßig zum Boulespiel und Imbiss.“

Lange Planungen waren nötig, um den Waldweg zwischen Litschhof und dem Grenzübergang auszubauen. Auf Initiative des ehemaligen Wingener Ortsbürgermeisters Jean Weisbecker wurde die Straße vor etwa zwei Jahren als Rad- und Fahrstraße ausgebaut und asphaltiert.

Info: Wingen

Die Gemeinde Wingen im Elsass liegt im Gemeindeverband Sauer-Pechelbronn, hat eine Fläche von 16,79 Quadratkilometern und rund 450 Einwohner. Sehenswert sind der Keltenstall (Überreste einer keltischen Siedlung), der Rüsselstein (ein schüsselförmiger Stein, etwa 350 v. Chr.), eine gallorömische Stele des Gottes Mars, das Château du Hohenbourg (erbaut im 12. Jahrhundert) und die Burg Löwenstein (aus dem 13. Jahrhundert). Beide liegen gegenüber der Wegelnburg.

Bei der Partnerschaftsfeier Wingen-Nothweiler war auch die elsässer Tracht präsent.
Bei der Partnerschaftsfeier Wingen-Nothweiler war auch die elsässer Tracht präsent.
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