Liederschiedt
Deutsch-französischer Kindergarten: Ein kleines Wunder in Liederschiedt
Der deutsch-französische Kindergarten Liederschiedt wird in diesem Jahr 30 Jahre alt. Im August 1995 hatte er seinen Betrieb aufgenommen. Dass er überhaupt Wirklichkeit wurde, gleicht einem kleinen Wunder, dass er schon so lange existiert, aber auch. Denn vor drei Jahren sah mancher schon das Ende nahen. Beide Male ging es um die Finanzen. „Scheitert gemeinsamer Kindergarten am Geld?“ Diese Frage stellte die RHEINPFALZ am 1. Juli 1992. 30 Jahre später, im Januar 2022, hieß es dann: „Mainz lässt den Geldhahn für das Vorzeigeprojekt zu.“
Das finanzielle Problem im Jahr 1992 lag auf französischer Seite. Am Kindergarten in Liederschiedt sind die deutschen Gemeinden Schweix und Hilst sowie die französischen Gemeinden Liederschiedt, Haspelschiedt und Roppeviller beteiligt. Die Baukosten in Höhe von einer Million Mark sollten unter den Gemeinden aufgeteilt werden: Die deutsche und die französische Seite sollten jeweils 500.000 Mark beisteuern. Die französischen Dörfer waren dazu nicht in der Lage. Von der Europäischen Union hatte man 250.000 Mark erhofft, der französische Staat wollte nur die üblichen 45 Prozent dazugeben, mehr als die fünf Prozent, die auf die drei Dörfer entfielen, konnten diese sich nicht leisten.
Der Förderantrag bei der Europäischen Union in Brüssel führte nicht zum Erfolg. Die Fördertöpfe blieben verschlossen, das Pilotprojekt galt als nicht förderwürdig. Auf französischer Seite tat sich eine Finanzierungslücke von 250.000 Mark auf. Ein Briefwechsel auf höchster Ebene löste kurz vor Fristende im Februar 1993 das Problem: Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl, ein Schulfreund des Trulber Ehrenbürgers Hans Bernzott, hatte sich auf dessen Bitte hin eingeschaltet und an den französischen Präsidenten Francois Mitterand geschrieben. Die erforderlichen Mittel steuerte die Unterpräfektur bei. Am 14. Mai 1993 unterschrieben die Beteiligten im Liederschiedter Gasthaus „Zur Sonne“ den Vertrag für den Neubau des deutsch-französischen Kindergartens.
Im Jahr 2022 lag das finanzielle Problem auf deutscher Seite. Im Zuge der Neuregelung des Landeskindergartengesetzes tat sich bei den beiden Gemeinden Schweix und Hilst eine Finanzierungslücke auf. Die Gemeinden mussten höhere Personalkosten bezahlen, der Schweixer Bürgermeister Marco Maas schlug im Herbst 2021 Alarm. Beide Gemeinden weigerten sich, ungedeckte Kosten in Höhe von 100.000 Euro zu bezahlen. Als Zeichen des Protests kündigten die Räte beider Gemeinden den Vertrag über die Trägerschaft des Kindergartens mit der Verbandsgemeinde. Der Konflikt wurde im Februar 2023 gelöst, damals stellte das Land eine Anschubfinanzierung in Höhe von 20.000 Euro in Aussicht und kündigte an, die Verbandsgemeinde als Trägerin bei der Bewerbung für EU-Gelder aus dem Interreg-Programm zu unterstützen.
An relativ wenig Geld scheitern?
1992 war es der damalige Bürgermeister der Verbandsgemeinde Pirmasens-Land und Ideengeber des Kindergartens, Günter Cölsch, der sagte, es sei „unverständlich, wenn eine Einrichtung an relativ wenig Geld scheitern sollte, in der Kinder sozusagen spielend zwei Sprachen lernen können“. Anfang 2022 ging es um viel weniger Geld. Die politischen Vertreter des Kindergartens Liederschiedt betrieben einen großen Aufwand, um einen vergleichsweise kleinen Geldbetrag als Förderung zu erhalten, der zur Sicherung der Zukunft beiträgt.
Es wurde aber nicht nur um die Finanzierung der Einrichtung gekämpft, dieses deutsch-französische Gemeinschaftsprojekt brachte noch ganz andere (bürokratische) Tücken ans Licht. Ein deutscher Kindergarten auf französischem Boden in einem Gebäude, das nach französischen Vorgaben gebaut wurde, forderte Zugeständnisse von den deutschen Behörden. Nicht alles, was im rheinland-pfälzische Kindergartengesetz geregelt ist, lässt sich in Liederschiedt umsetzen. Es trafen aber auch unterschiedliche pädagogische Konzepte aufeinander. Während im deutschen Kindergarten ein lockerer Rahmenplan zugrunde lag, ist der französische Kindergarten eine Vorschule mit festem Lehrplan.
Die Sache mit dem Telefon
Noch einmal bedurfte es höchststaatlicher Hilfe, als es um den Telefonanschluss ging. Der damalige Bundespostminister Wolfgang Bötsch setzte sich dafür ein, dass der Kindergarten auf französischem Gebiet ans deutsche Telefonnetz angeschlossen wird. Die letzte Initiative war dann von Ministerpräsident Kurt Beck zu verdanken, die Telekom konnte eine grenzüberschreitende Leitung legen, seit Juni 1997 ist der Kindergarten unter Trulber Vorwahl zu erreichen.
Ein weiteres historisches Ereignis liegt noch gar nicht lange zurück: Seit Ende September 2024 essen deutsche und französische Kinder gemeinsam zu Mittag. Weil der Küche im Kindergarten eine spezielle Zertifizierung für französische Kinder fehlte, wurden diese mittags mit dem Bus zum Essen nach Haspelschiedt gefahren. Jetzt erhalten alle Kinder frisch in der Kindergartenküche gekochtes Essen.
Jubiläumsfeier und Bürgerfest
Das 30. Jubiläum wird am Freitag, 9. Mai, dem Europatag, gefeiert. Ab 14 Uhr gibt es einen Tag der offenen Tür im Kindergarten mit einem Unterhaltungs- und Beschäftigungsangebot. Der offizielle Teil beginnt um 16 Uhr, dann wird nicht nur der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Alexander Schweitzer in Liederschiedt erwartet, sondern auch Repräsentanten aus Frankreich. Im Anschluss gibt es ein deutsch-französisches Bürgerfest.