Driwwe un hiwwe RHEINPFALZ Plus Artikel Der Simserhof bei Bitsch: Eine Festung mit Geschichte und Geheimnissen

Der Bahnhof der unterirdischen Werkbahn mit den Stollen, die zu den weit entfernten Kampfständen führen.
Der Bahnhof der unterirdischen Werkbahn mit den Stollen, die zu den weit entfernten Kampfständen führen.

Unter den Festungswerken der Maginotlinie ist der Simserhof bei Bitsch etwas Besonderes. Nicht allein die Anlage selbst, sondern auch der Rundwanderweg zu den außen gelegenen Kampfständen und Panzersperren ist einzigartig.

Das als „Ouvrage Simserhof“ ausgeschilderte Festungswerk liegt versteckt in einem Tal bei Bitsch. Vor den damaligen Eingang haben die Verantwortlichen ein neues, schickes Empfangsgebäude mit Kino gebaut. Das französische Militär, das immer noch für die Anlage verantwortlich ist, wirbt neuerdings mit einem modernen Panzer vor der Anlage für sich. Immerhin strömen jedes Jahr mehrere zehntausend Besucher in den Simserhof. Darunter viele junge Menschen, die sich vielleicht auch für das Militär begeistern können.

Der Simserhof war Teil der fein ausgeklügelten Strategie des französischen Militärs, das nie wieder den Feind bis tief ins Land lassen wollte, so wie im Ersten Weltkrieg. Rund 20 Kilometer hinter der Grenze zogen sich Bunker und riesige unterirdische Festungen von der belgischen bis zur Schweizer Grenze. Ein Durchkommen für deutsche Truppen sollte unmöglich gemacht werden. Die Bunker waren so gebaut, dass sie sich gegenseitig schützen konnten.

Medizinische Ausstattung lässt Besucher erschaudern

Mit dem Bau des Simserhofs wurde 1930 begonnen. 1938 war die Anlage betriebsbereit. 2000 Arbeiter wurden eingesetzt. Oben auf dem Berg standen die Kasernen, in denen die Soldaten auf den Einsatz warteten. 876 Männer fanden in den Kilometer langen Stollen Platz. Es gab Schlafsäle, die so bemessen waren, dass sie für ein Drittel der Belegschaft reichten. Eben die acht Stunden, in denen die Männer schliefen, bevor sie das Bett für die nächste Schicht räumten.

Wie in allen großen Festungen gab es ein Lazarett mit Operationssaal und Zahnarzt. Dessen Ausstattung ist noch Original erhalten und lässt den heutigen Betrachter erschaudern. Duschen und Toiletten waren ebenso vorhanden wie eine Großküche, die – für Frankreich üblich – ein Mehr-Gänge-Menü liefern konnte; auch im Krieg wurde in Frankreich die Esskultur hochgehalten. Im Simserhof gab es zudem ein Solarium, in dem die Soldaten sich mit fehlenden UV-Strahlen in Ermangelung der Sonne versorgen konnten. Die Militärführung hatte verstanden, dass nach Wochen unter Tage ansonsten die Moral sinken konnte.

Erst Franzosen, dann die Wehrmacht, dann die Army

Im Krieg selbst kam der Simserhof gar nicht richtig zum Einsatz. Mehrere Male konnte aus allen Rohren gefeuert werden, aber immer nur für kurze Zeit. Die deutschen Truppen umgingen die Maginotlinie über den schwächer befestigten Saarabschnitt und standen schon in Paris, als im Simserhof immer noch Kampfbereitschaft herrschte und kein deutscher Soldat sich der Anlage nähern durfte. Erst vier Tage nach dem Ende der Kämpfe im ganzen Land ergaben sich die Soldaten im Simserhof auf Anordnung von oben.

Die Wehrmacht nutzte die Anlage für die Lagerung von Munition und Torpedos. 1944 erlebte das Festungswerk schwere Kämpfe. Eine kleine Gruppe deutscher Soldaten besetzte die Anlage und leistete den vorrückenden US-Truppen heftige Gegenwehr. Sechs Tage lang mussten die US-Truppen die Bunker beschießen, bis die Deutschen über einen Notausgang türmten. Eine Geschichte, die von den Lothringern heute noch gerne erzählt wird – als Beleg für die technisch perfekte Konstruktion der Festung. Die US-Amerikaner bezogen dann den Simserhof, als die deutsche Gegenoffensive „Unternehmen Nordwind“ startete, und nutzten die Bunker wieder zur Verteidigung in die andere Richtung. Die Kampfspuren an den Bunkern stammen hauptsächlich aus dem Jahr 1944.

Die Kampfstände wurden hauptsächlich 1944 bei Kämpfen zwischen deutschen und US-amerikanischen Truppen beschädigt.
Die Kampfstände wurden hauptsächlich 1944 bei Kämpfen zwischen deutschen und US-amerikanischen Truppen beschädigt.

Bis 1992 wurde der Bunkerkomplex von der französischen Armee genutzt und bei Manövern noch besetzt. Andere Maginotfestungen sind heute immer noch im Besitz der französischen Armee. Eine Anlage befindet sich beispielsweise auf dem Truppenübungsplatz bei Bitsch.

In den 1990er Jahren begann ein Verein mit der touristischen Nutzung der Festung. Erste Führungen in den unterirdischen Kasernentrakt wurden angeboten, die heute immer noch praktisch auf demselben Weg unterwegs sind. Vom Empfangsgebäude geht es über einen Weg zum Personaleingang am Berg und dort öffnet sich eine kleine, unterirdische Stadt für den Besucher. Es ist noch alles da. Die kleine elektrische Werkbahn, die früher die Bunker mit Munition und Truppen versorgen sollte, könnte rein theoretisch wieder fahren. Das riesige Munitionslager war so konstruiert, dass im Fall einer versehentlichen Explosion nicht der ganze Berg in die Luft geflogen, sondern über nach außen gerichtete Stollen der Druck in den Wald geleitet worden wäre.

Schneewittchen an den Wänden

Tief im Innern beherbergt die Bunkeranlage für die Besucher eine dicke Überraschung. An den Wänden tauchen plötzlich Comicgemälde von Schneewittchen und den sieben Zwergen auf. Eine Bilderwelt, wie sie von Kindergärten gewohnt ist, hatten sich künstlerisch begabte Soldaten hier erlaubt. Der Simserhof war da keine Ausnahme. Fresken von Soldaten an den Wänden gab es in mehreren Bunkeranlagen. Während der wochen- und monatelangen Aufenthalte unter der Erde ohne Kampfhandlungen vertrieben sich die Soldaten damit die Zeit.

Wer keine Lust auf die zweistündige Führung unter Tage hat, kann die Kampfstände, Panzersperren und Minenfelder besichtigen, die auf den Hügeln oberhalb der Festung mit einem Wanderweg erschlossen wurden. Früher wäre die Wanderung durch das Gelände lebensgefährlich gewesen. Noch Ende der 1990er Jahre waren mehrere der Minenfelder nicht geräumt. Auch heute empfiehlt es sich nicht, vom Weg abzukommen. Tritteisen und Stacheldrahtreste liegen überall herum.

Info

Der Simserhof ist täglich außer Montag von 10.30 bis 17.30 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt ab 14 Jahren zehn Euro, bis 14 Jahre acht Euro. Der oberirdische Rundweg ist kostenlos. Es empfiehlt sich, eine deutschsprachige Führung zu reservieren unter 0033 387963940. An warme Kleidung sollte gedacht werden, da unter Tage permanent eine Temperatur um die zehn Grad Celsius herrscht.

Schneewittchen und die sieben Zwerge hatte es den Soldaten im Simserhof so angetan, dass einer von ihnen die Geschichte an die W
Schneewittchen und die sieben Zwerge hatte es den Soldaten im Simserhof so angetan, dass einer von ihnen die Geschichte an die Wände malte.
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