Meisenthal
Der ganz normale Wahnsinn: Warum Kunden 28 Euro für eine Weihnachtskugel ausgeben
In dem kleinen Dorf Meisenthal im Bitscherland bricht ab Donnerstag, 13. November, wieder der ganz normale Weihnachtskugelwahnsinn aus. Tausende Besucher aus der weiteren Region und bis nach Paris pilgern in das dann vollkommen überlaufene 700-Einwohnerdorf, um sich mit Weihnachtskugeln einzudecken. Die jedes Jahr von einem anderen Designer entworfenen Kugeln sind so begehrt, dass die Abgabe auf wenige Exemplare pro Kunde rationiert werden musste. Zehntausende Kugeln werden zwar im Lauf des Jahres auf Vorrat produziert, sind aber nach wenigen Tagen schon weg.
Die Verantwortlichen des Centre International d’Art Verrier (CIAV), also dem internationalen Glaskunstzentrum, haben deshalb ein Wartesystem entwickelt, bei dem jeder sich in einem Pavillon im Hof des Glaskunstzentrums anmelden kann und gleich ungefähr sieht, wann er dran sein könnte. Über das Handy wird er schließlich informiert, dass es bald so weit ist. Die Zeit kann zum Spazieren oder für den Besuch der Gastronomie im Ort genutzt werden. Das benachbarte Künstlerkollektiv Artopie bietet zudem eine Art Weihnachtsmarkt, der hilft, die Wartezeit zu überbrücken.
Designer-Langeweile zwingt zu intensiver Beobachtung
Um dem Verschleiß an Weihnachtskugeln entgegenzuwirken, hat der dieses Jahr beauftragte Designer Lucas Lorigeon eine rutschsichere Kugel entwickelt, die möglichst nicht aus der Hand fallen soll und die Katastrophe unter dem Weihnachtsbaum verhindern könnte. Auf die Idee kam der 1997 in der Auvergne geborene Designer durch seine persönliche Panik, eine Weihnachtskugel fallen zu lassen. Immerhin kostet so ein Designerstück aus Meisenthal auch stolze 28 Euro pro Kugel. Die Idee für die Kugel mit Grip war geboren und wie es Lorigeon immer bei der Entwicklung seiner Objekte macht, ließ er sich dann erstmal viel Zeit, um zu beobachten. Seine Designerlaufbahn sei immerhin mit einer unglaublichen Langeweile gestartet. Eine Langeweile, die ihn gezwungen habe, intensiv seine Umgebung zu beobachten, um die Zeit totzuschlagen. So machte es der Designer, der unter anderem in Paris studiert hat, auch mit der Gripkugel. In der Ausstellung zur Kugel sind viele rote Gegenstände mit Grip zu sehen: Von der Zange mit rutschsicherem Griff bis zur Spielzeugpistole mit geriffeltem Gehäuse. An all den Objekten habe er die Griffigkeit studiert, Skizzen entworfen und die ganz spezielle Riffelung entwickelt, mit der die Weihnachtskugel aus Glas auch schön griffig werden könnte.
Im Glaskunstzentrum sind in der Ausstellung noch weitere Objekte von Lorigeon zu sehen. Unter anderem hat er einen Holzstuhl entwickelt, dessen unterer Teil gleich als Lagerregal für Brennholz genutzt werden kann. Der Designer stammt aus einer ländlichen Gegend, in der gerne mit Holz geheizt wird. Oder die Kehrrichtschippe, die aus zwei verbundenen Schippen besteht, damit schneller aufgekehrt werden kann. Und jetzt ist es die Grip-Kugel, die in den in Meisenthal üblichen Farben von Gelb über Blau bis Rot zu haben ist – wobei die rote Version wie immer deutlich mehr kostet als die anderen. Farblose und weiß-opake Versionen gibt es auch.
Designerkugel gibt es seit 1999
Der Verkauf startet vor Ort am Donnerstag, 13. November. Im Internet kann ab dem 18. November die gewünschte Zahl an Kugeln der neusten Version sowie einer Auswahl älterer Modelle schon vorbestellt werden. Vor Ort können die Kunden dann abholen. Das ist der Verkauf für die Interessenten, die gar nicht vor Ort warten wollen.
Die Glaskunstwerkstätten des CIAV gibt es seit 1992. Zusammen mit alten Mitarbeitern wurde das Wissen um das Glas bewahrt. Glasbläser aus ganz Europa kommen regelmäßig für Praktika nach Meisenthal und Designer lassen sich hier ihre Stücke in Lohnarbeit produzieren. Die Glasbläserei von Meisenthal wurde 1704 gegründet. Ihre erste künstlerische Blütezeit erlebte sie mit der Jugendstilkunst von Émile Gallé, der zwischen 1867 und 1894 dort produzieren ließ – ein Teil davon geheim, weil Lothringen ab 1870 zum Deutschen Reich gehörte und die französischen Patrioten die deutschen Besatzer nicht unterstützen wollten. Ab den 1920er Jahren spezialisierte sich die Glasbläserei auf Massenware und Pressgläser für den Haushalt. Seit 1999 wird jährlich eine neue Designerkugel hergestellt. Pro Jahr werden zehntausende der Kugeln vor Ort produziert und verkauft. 2023 beispielsweise waren es 80.000 Kugeln, davon die Hälfte die neue Designerkugel, die damals Stella hieß und immer noch hergestellt wird.
Öffnungszeiten
Geöffnet ist bis 21. Dezember von Dienstag bis Sonntag 12 bis 18 Uhr. Die Verkaufsboutique öffnet um 13.30 Uhr. Von 22. Dezember bis 4. Januar ist täglich – mit Ausnahme der Feiertage – zu den gleichen Zeiten geöffnet.