Bitsch RHEINPFALZ Plus Artikel Bitsch feiert die Befreiung von Nazideutschland vor 80 Jahren

Erste Gedenkkränze wurden an dem Denkmal für die Soldaten der 100. US-Infanteriedivision abgelegt. Das Denkmal befindet sich dir
Erste Gedenkkränze wurden an dem Denkmal für die Soldaten der 100. US-Infanteriedivision abgelegt. Das Denkmal befindet sich direkt gegenüber des Match-Parkplatzes.

Mit rund 2000 Teilnehmern feierte das lothringische Bitsch die Befreiung von deutschen Truppen am 16. März 1945. Söhne damaliger US-Soldaten kämpften mit den Tränen.

Mehr als vier Stunden lang dauerten die Zeremonien an mehreren Denkmälern zur Erinnerung an die Tage im März vor 80 Jahren. Mit Dutzenden Bussen waren Vertreter der Veteranenverbände aus dem gesamten Departement Moselle nach Bitsch gekommen. Aus den USA kamen 25 Familien von früheren Kämpfern der 100. US-Infanteriedivision. Zwar sind heute noch einige Soldaten am Leben, die vor 80 Jahren bei der Befreiung von Bitsch dabei waren. Die sind allerdings inzwischen 99 bis 106 Jahre alt und nicht mehr reisefähig.

Massive Sicherheitsvorkehrungen

Die US-Soldaten, die damals Bitsch einnahmen, waren in St. Tropez 1944 gelandet und hatten sich über das Rhonetal und die Vogesen bis Straßburg durchgekämpft. Dann ging es in Richtung Bitscherland und Bitsch als letzter französischer Stadt vor der Reichsgrenze.

Am Sonntagmorgen nun, auf den Tag genau 80 Jahre später, wurde um 8.30 Uhr – wie einst – die US-Flagge auf der Zitadelle gehisst. In der Stadt hatten viele Geschäfte ihre Auslagen mit US-Fahnen geschmückt. Am Rathaus hingen zwei große Banner mit den amerikanischen und den französischen Farben. Das Departement hatte die Feierlichkeiten zum 80. Jahrestag organisiert, und entsprechend groß fiel der Andrang aus. Wer teilnehmen wollte, musste jedoch viel laufen: Direkt hinter den Ortsschildern waren die Straßen mit Lastwagen blockiert. Polizisten waren allerorten zu sehen. Die Sicherheitsvorkehrungen waren massiv.

Kreuz der Ehrenlegion für noch lebenden Soldaten

Nach dem Gottesdienst strömte die Menge auf die Straße am Parkplatz des Match-Supermarkts. Dort findet sich in einer Parkanlage das unscheinbare Denkmal für die Soldaten der 100. US-Infanteriedivision. Gymnasiasten aus Bitsch verlasen Zeitzeugenberichte in französischer, englischer und deutscher Sprache sowie im örtlichen Dialekt, dem Fränkischen, Francique genannt. Es ging um die Erlebnisse der Zivilisten. Um das Bitscherland wurde 101 Tage lang gekämpft. Im Dezember 1944 tauchten die ersten US-Soldaten in der Region auf. Die deutschen Truppen versuchten, sie mit der Operation Nordwind zurückzudrängen. Teilweise dienten die Bunker und Festungen der Maginotlinie zuerst den Deutschen als sichere Kampfbasis und anschließend den US-Truppen. Im März 1945 zogen sich die Deutschen endgültig zurück. So mancher Bewohner des Bitscherlandes verbrachte diese 101 Tage komplett im Keller, traute sich nur kurz zum Essen- und Wasserholen raus, wie den Schilderungen zu entnehmen ist, die am Sonntag verlesen wurden. Schüler aus Bitsch, Lemberg/Moselle und Rohrbach-lès-Bitche hatten sich mit Zeitzeugen getroffen und deren Schilderungen in einer Broschüre zusammengefasst.

Nachdem rund ein Dutzend Gedenkkränze von verschiedenen Politikern und Repräsentanten des Staates niedergelegt worden waren, zog der Tross am Straßburger Tor vor das Rathaus zum Denkmal für die Gefallenen verschiedener Kriege mit französischer Beteiligung. Dort konnte ein noch lebender französischer Soldat, der 1945 als Quartiermeister mitgekämpft hatte, mit dem Kreuz der Ehrenlegion geehrt werden. Die Ehrung nahm General Pierre Meyer aus Metz vor. Aktive Soldaten des in Bitsch stationierten Jägerbataillons nahmen mit Sturmgewehr und aufgepflanztem Bajonett an der Zeremonie teil. Kinder einer École Primaire, also eines Kindergartens, sangen das Partisanenlied und die Marseillaise. Dann wurden auch vor dem Kriegerdenkmal Kränze niedergelegt.

Originalfahne von 1945 wird gehisst

Die Zeremonien waren bis ins letzte Detail durchgeplant. Offiziere mit weißen Handschuhen sorgten für den reibungslosen Ablauf. Die Politiker und Repräsentanten wie der Metzer Präfekt wurden vor jeder Zeremonie von einem Offizier vorbereitet, der auf einer auf einer Staffelei installierten Tafel mit Zeigestock den weiteren Ablauf, die Positionierung der Teilnehmer und die Rolle der Offiziellen erläuterte, während Soldaten und Veteranenverbände ihre Aufstellung bezogen.

Der Tross zog nach dem zweiten Denkmal in die Rue du Colonel Teyssier, wo 1945 vom US-Offizier Thomas Garahan die US-Fahne aus einem Wohnhaus gehisst worden war. Garahans Sohn war am Sonntag vor Ort und durfte aus demselben Fenster die noch erhaltene Fahne von damals hissen. Die Tränen standen ihm dabei in den Augen, und er musste um Fassung ringen. Auch andere aus den USA angereiste Angehörige einstiger Kämpfer wurden von der Rührung übermannt.

Kinder mit Stahlhelmen oder Militäranzügen

Zu Fuß ging es zur letzten Station des Tages im früheren Kasernenareal am Ortseingang aus Richtung Pirmasens. Auf den Straßen hatten viele Anwohner die Szenerie verfolgt, US-Fahnen in den Händen. Kinder mit Stahlhelmen oder Militäranzügen verkleidet winkten den vorbeilaufenden Soldaten, Veteranenvertretern und Politikern.

Ressentiments gegen Deutsche gab es an dem Tag der Befreiung von Nazideutschland nicht. Im Gegenteil: Beim Verlesen der Zeitzeugenberichte wurde auch von einem Deutschen erzählt, der die Bitscher Zivilisten unterstützt habe, bis er denunziert und beseitigt worden sei. Und eine Rednerin schloss ihren Text mit den Worten: „Es lebe Frankreich, es lebe Deutschland, es leben die Vereinigten Staaten von Amerika, es lebe der Friede.“

Ein Konvoi historischer Fahrzeuge aus dem Jahr 1945 folgte der langen Prozession von Politikern, Veteranenvertretern und Bitsche
Ein Konvoi historischer Fahrzeuge aus dem Jahr 1945 folgte der langen Prozession von Politikern, Veteranenvertretern und Bitscher Bürger durch die Straßen der Stadt.
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